Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Kindesmisshandlung: Experte nimmt Stellung

LÜNEN Misshandelte und verwahrloste Kinder. Eltern, die ihre Babys verhungern lassen – diese Schlagzeilen häufen sich. Was meint der Lüner Kinder- und Jugendlichentherapeut Dr. Christian Lüdke dazu, der selbst Vater von zwei Töchtern ist?

von Von Beate Rottgardt

, 18.12.2007
Kindesmisshandlung: Experte nimmt Stellung

Dr. Christian Lüdke.

Im Interview mit RN-Redakteurin Beate Rottgardt schildert er seine Sicht der Dinge.

Man hat den Eindurck, als würden sich in letzter Zeit diese Fälle häufen?Dr. Lüdke: Das ist ein subjektives Empfinden. Eigentlich sind es nicht mehr Fälle geworden. Aber die Medien berichten schneller und intensiver darüber und das ist auch gut. Denn jedes dritte Mädchen und jeder siebte Junge erleben Straftaten gegen ihre sexuelle Selbstbestimmung bis hin zur Kindstötung. Das Anzeigenverhalten in der Bevölkerung hat sich verbessert, die Leute mischen sich ein, die Zivilcourage hat zugenommen.

Was ist die Ursache für Gewalt gegen die eigenen Kinder?Dr. Lüdke: Es handelt sich um so genannte Bindungsstörungen. Die Mutter entwickelt schon in der Schwangerschaft keine Bindung zu ihrem Kind. Im schlimmsten Fall tötet sie ihr Kind oder missachtet es komplett. Wenn auch nur eine minimale Bindung bestünde, würde sie es nach der Geburt in eine Babyklappe geben. Oft haben die Mütter viele Brüche in ihrer eigenen Lebensgeschichte, kennen selbst keine stabile Familie. Dann kommen Suchtproblematiken oder psychische Erkrankungen hinzu, die Mütter glauben, ihre Kinder vor der grausamen Welt schützen zu müssen und töten sie.

Wie kann man den Eltern und damit den Kindern helfen?Dr. Lüdke: Man sollte möglichst frühzeitig in Bildung investieren. Wichtig sind aber auch Vertrauen, Sicherheit und Regelmäßigkeit für Kinder. Heute gibt es Funktionsverlust von Familie, keine gesellschaftlichen Leitbilder mehr und viele Ängste vor allem vor wirtschaftlichen Veränderungen, die viel größer sind als die vor dem Verlust des Partners.

Können auch Nachbarn oder Verwandte etwas tun?Dr. Lüdke: Leider fühlt sich oft keiner verantwortlich. Aber das sollten Nachbarn und Verwandte, man sollte den Eltern ein Signal geben, dass man aufmerksam ist, auch auf die Gefahr hin, Streit zu provozieren. Entweder die Eltern selbst ansprechen oder Polizei und Ordnungsamt informieren.

Wann sollte man misstrauisch werden?Dr. Lüdke: Auffällig ist es immer, wenn Kinder lange und oft allein sind. Wenn sie viel schreien, vor allem nachts, sie blaue Flecken aufweisen oder verwahrlost wirken. Man sollte diese Beobachtungen immer aktenkundig machen, dann können die Behörden auch eingreifen.

Es gibt ja auch seelische Grausamkeiten an Kindern.Dr. Lüdke: Das Schlimmste, was man einem Kind auf dieser Ebene antun kann, ist Missachtung. Dann weiß das Kind nämlich nicht, wo sein Platz ist und denkt, wenn ich schon nicht geliebt werde, dann will ich wenigstens gehasst werden. Daraus können schlimme Gewaltkarrieren entstehen. Die Kinder wollen Gefühle provozieren. So etwas gibt es übrigens in allen Bevölkerungs-Schichten.

Was halten Sie, auch als Vater, von einem „Elternführerschein“?Dr. Lüdke: Ich finde es gut. In den USA gibt es so etwas schon seit über 20 Jahren, ich wollte es auch hierhin importieren, das war aber nicht gewünscht. Ich denke an Kurse, in denen die Eltern die Entwicklungsphasen des Kindes kennen lernen. Bis zum sechsten Lebensjahr wird nämlich der Charakter eines Menschen geprägt. Und ich würde die Teilnahme an die Zahlung von Kinder- und Erziehungsgeld koppeln. Zwangsuntersuchungen bringen meiner Meinung nach nichts als Frühwarnsystem, denn da sieht der Arzt oft die Kinder nur einmal im Jahr.

Lesen Sie jetzt