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Mit Opfern an einem Tisch: Sammlung Mosse wird erforscht

Berlin. Verleger, Mäzen und leidenschaftlicher Kunstfan: Die Geschichte der Sammlung Mosse, einst von den Nazis geraubt, wird auf ungewöhnliche Weise erforscht.

Mit Opfern an einem Tisch: Sammlung Mosse wird erforscht

Roger Strauch, Präsident der Mosse-Foundation, neben Reinhold Begas' „Susanna“ in der Alten Nationalgalerie, Berlin. Foto: Paul Zinken

Neun Kunstwerke hatte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz 2015 und 2016 als NS-Raubkunst an die Erben des legendären jüdischen Verlegers Rudolf Mosse zurückerstattet.

Drei davon konnte sie inzwischen wieder für die Berliner Museen erwerben: einen römischen Kindersarkophag aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus, eine riesige Löwenskulptur des Tierbildhauers August Gaul und die sinnliche Marmorfigur „Susanna“ von Reinhold Begas.

„Das ist ein sehr glücklicher Fall einer gelungenen Restitution und zugleich das Ergebnis einer beispiellosen Zusammenarbeit“, sagte Stiftungspräsident Hermann Parzinger am Mittwoch. Denn in der sogenannten Mosse Art Research Initiative (MARI) arbeiten seit einem Jahr erstmals deutsche Institutionen mit den Nachfahren von Nazi-Opfern zusammen, um NS-Unrecht aufzuklären.

„Unser Ziel ist es, die Kunstsammlung von Rudolf Mosse (1843-1920) zu rekonstruieren und zu recherchieren, wo sich die von den Nationalsozialisten entzogenen Werke gegenwärtig befinden“, sagte Koordinatorin Meike Hoffmann von der Freien Universität Berlin.

Die Forschungsgruppe schaltete am Mittwoch ein Online-Portal frei, das über die bisherigen Ergebnisse Auskunft gibt. Gefördert wird das Projekt von der Mosse-Stiftung und vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg, Partner ist die Preußen-Stiftung. „Wir sind nichthierarchisch organisiert“, sagt Hoffmann. „Keiner aus dem Kreis hat die Deutungshoheit.“

Bisher haben die Experten die Forschungen zu 115 Objekten aufgenommen, bei 68 Kunstwerken ergaben sich „belastbare Spuren“. 24 Werke konnten eindeutig identifiziert werden, bei acht davon wissen die Forscher sogar, wo sie sich befinden. Allerdings: Die Sammlung Mosse umfasste einst mehrere Tausend Bilder, Skulpturen, Objekte, Bücher und Antiquitäten. Es bleibt eine Mammutaufgabe.

Wie verschlungen die Wege vieler Kunstschätze sind, zeigt beispielhaft die Figur der „Susanna“. Die lebensgroße, tonnenschwere Marmorstatue gehörte spätestens seit 1908 zur Sammlung Mosse, die der einflussreiche Mäzen und Verleger („Berliner Tageblatt“) in seinem Palais am Leipziger Platz anlegte.

Schon bald nach Hitlers Machtübernahme und 13 Jahre nach Mosses Tod enteigneten die Nationalsozialisten 1933 die Adoptivtochter und Erbin Felicia Lachmann-Mosse. Ein Großteil der Sammlung wurde bei Auktionen verkauft. Die „Susanna“ gelangte 1946 durch eine sowjetische „Trophäenkommission“ nach Leningrad.

Über Leipzig kam sie 1994 treuhänderisch zur Preußenstiftung, die sie bei der Erforschung ihrer Bestände als NS-Raubkunst erkannte und 2016 an die Mosse-Erben zurückgab. Die Kulturstiftung der Länder förderte im vergangenen Jahr den Rückkauf.

Seit Mittwoch steht neben der sinnlichen Dame in der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel eine Medienstation, die an diese Geschichte erinnert. Der Präsident der Mosse Stiftung, Roger Strauch, der zu dem Pressetermin eigens aus den USA angereist war, dankte den deutschen Partnern für eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit.

„Das Projekt hat nicht das Ziel, irgendjemandem die Schuld zu geben“, sagte er. „Was wir wollen, ist das Vermächtnis von Rudolf Mosse zu ehren - seinen Stolz als deutscher Bürger, seinen Erfolg als deutscher Unternehmer und sein großzügiges soziales Engagement.“

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