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Die Last mit den Lastern

Parkplatz-Mangel entlang der NRW-Autobahnen

NRW Gut 4000 Parkplätze für Lkw fehlen bis 2025 an NRW-Autobahnen. Das führt zu brenzligen Situationen, wenn Laster aus Not sogar auf dem Standstreifen vor dem Rastplatz stehen. Oder sie weichen in Wohngebiete aus.

Parkplatz-Mangel entlang der NRW-Autobahnen

Leere Stellplätze auf Autobahn-Rasthöfen sind rar gesät. Viele LKWs fahren Ausweichplätze abseits der Autobahnen an oder parken auf dem Seitenstreifen. Foto: picture alliance / dpa

Die Autobahnraststätte Lichtendorf-Nord an der A 1 am frühen Donnerstagabend – der Ausnahmezustand ist hier die Regel. Zum dritten Mal kurvt Petras mit seinem 40-Tonner um den Parkplatz. Für den Litauer geht es schon längst nicht mehr darum, eine der 20 legalen Parkflächen zu ergattern, denn um 18 Uhr stehen schon etwa doppelt so viele Lkw auf dem Rastplatz wie Plätze vorhanden sind. Quer auf den Pkw-Plätzen, rund um die Tankstelle, am Straßenrand, auch in zweiter Reihe – kaum ein Quadratmeter, der ungenutzt bleibt.

Mit der Hand am Ohr signalisiert Petras einem Kollegen, dass er einen Schlafplatz sucht. Der zuckt nur die Achseln. Ratlosigkeit. Petras stellt seinen Truck am Rand der Ausfahrt ab. ¨Zehn Meter vor der Autobahn. „Geht ja noch“, sagt ein Speditionsfahrer aus Osnabrück, der die Szene beobachtet. „Später stehen sie auch auf dem Seitenstreifen“.

Mangel an Stellplätzen wird immer drückender

So wie in Lichtendorf-Nord sieht es an vielen Orten entlang der großen Autobahnen in Nordrhein-Westfalen aus. Überfüllte Parkplätze, Rückstau bis auf die Abfahrt – der Mangel an Stellflächen wird immer drückender. Bis zum Jahr 2025 fehlten in NRW 4000 Stellplätze, heißt es in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage aus dem NRW-Verkehrsministerium.

Dieser Zahl liegt jedoch die Verkehrsprognose aus dem Jahr 2013 zugrunde. Derzeit gibt es rund 6345 ausgewiesene Lkw-Parkstände auf den bewirtschafteten und unbewirtschafteten Rastanlagen in NRW (Stand August 2017), 453 seien im Bau, so das Verkehrsministerium. Die Baukosten pro Lkw-Stellplatz auf Rastanlagen an Autobahnen liegen zwischen 30.000 bis 50.000 Euro.

Rund um Dortmund gibt es derzeit weniger als 500 Stellplätze. Längst nicht genug für den täglichen Ansturm. Rund 18.000 Lkw pro Tag passieren die A1 zwischen dem Autobahnkreuz Dortmund/Unna und Schwerte laut der Straßenverkehrszählung der Bundesanstalt für Straßenwesen (Stand 2015). Knapp 16.000 sind es auf der A2 zwischen Mengede und Dortmund-Nordost. Und jeder Fahrer muss irgendwann pausieren. „Sämtliche Parkstände sind in den Nachtstunden deutlich ausgelastet“, sagt Stephan Lamprecht, Sprecher des Landesbetriebs Straßen NRW.

Wildparker sorgen immer wieder für Unfälle

Falsch parkende Lkw auf der Autobahn sind ein großes Sicherheitsrisiko. Ende November 2016 starb ein Motorradfahrer auf der A40 bei Grefrath bei der Kollision mit einem auf dem Seitenstreifen parkenden Lastwagen in der Nähe eines Rastplatzes. Anfang Januar 2017 kam ein Lkw-Fahrer ums Leben, als er einen Lastwagen rammte, der ebenfalls auf dem Seitenstreifen abgestellt war. Dieser war unbeleuchtet, und im Dunkeln nur schwer zu erkennen.„Das ist ein großes Problem“, sagt Polizeisprecher Kim Ben Freigang. Jedes Fahrzeug auf dem Seitenstreifen sei eine Gefahr. „Das ist wie jemandem eine Waffe an den Kopf zu halten.“

Zuletzt waren an der Raststätte Lichtendorf Schilder aufgestellt worden, die an das absolute Halteverbot erinnern. Freigang bezweifelt, dass die etwas ändern: „Die Fahrer wissen alle, dass es verboten ist und tun es trotzdem“.

Als besondere Konkurrenz auf der Straße sehen viele deutsche Trucker ihre Kollegen aus Osteuropa. An der Raststätte Hohe Mark bei Haltern ist mehrfach zu hören, dass es vor allem diese Fahrer seien, die verkehrsgefährdend parken. „Ihnen fehlt mitunter das Unrechtsbewusstsein“, äußerte sich dazu Christoph Becker, Verkehrssicherheitsexperte beim Polizeipräsidium Münster, vorsichtig.

„In unserem Bereich gab es bisher noch keine Unfälle mit Wildparkern“, sagt Andreas Bode von der Polizei Münster, „aber ab 17 Uhr wird es voll“. Im September dieses Jahres startete die Abteilung für Verkehrsunfallprävention des Polizeipräsidiums in Münster die Kampagne „Geisterparker“, um Kraftfahrer für die Gefahren zu sensibilisieren. „Wir wissen um die Probleme der Fahrer“, so Bode, „sie sind die Leidtragenden“. Sie müssten ja ihre gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten einhalten.

Grundproblem kann Polizei nicht lösen

Das Grundproblem könne die Polizei nicht lösen, sagt Andreas Bode. Einer Studie des Zentrums für Logistik und Verkehr an der Universität Duisburg-Essen zufolge muss jeder vierte Lkw-Fahrer regelmäßig mehr als 30 Kilometer entfernt vom Lieferort parken.

Wenn sie weder an der Autobahn noch auf den Autohöfen abseits der Straßen parken können, weichen sie in Gewerbegebiete oder Wohnbereiche aus. Firmen, aber auch Anwohnern ist das ein Dorn im Auge.

„Ein altes Problem“, sei die Parksituation der Lkw auch im Bereich der Autobahnpolizei Dortmund. „Die Profis kennen Ausweichmöglichkeiten“, sagt Polizeisprecher Kim Ben Freigang. Abseits der Autobahnen gebe es genügend geeignete Flächen. Heutzutage hätten die Fahrer Navigationssysteme. Bei Schwierigkeiten gebe die Polizei aber auch Tipps.

Kein Verständnis haben er und seine Kollegen allerdings für Trucker, die buchstäblich bis zur letzten Sekunde fahren. „Sie wissen ja vorher, wann die Ruhezeit beginnt.“ Mit dem Ausbau der Parkplatzstellflächen für Lkw sei das Problem nur bedingt gelöst, auch die enge Disponierung der Fahrer trage ihren Teil dazu bei.

Verkehrsaufkommen wächst rasant - Das Parkangebot kaum

Dem widerspricht Rüdiger Ostrowski, Vorsitzender des Verbandes Spedition und Logistik (VSL) NRW. „So ein Unfug“, heutzutage würden Disponenten und Fahrer so strengen Haftungen unterliegen, dass sie sich falsche Planungen nicht leisten könnten.

Mindestens 5000 Parkplätze für Lkw fehlten in NRW, es dauere noch mindestens fünf bis zehn Jahre, bis „wir die Parkplätze haben, die wir heute brauchen“.

Auch Marcus Hover vom Verband Verkehrswirtschaft und Logistik (VVWL) NRW sieht das Verhältnis von zunehmendem Verkehr und Parkplatzangebot als ein „Hase-und-Igel-Spiel“. Laut Prognose des Bundesverkehrsministeriums steigt der Güterverkehr mit Lkw bis 2030 um fast 40 Prozent.

In Studien werde zwar endlich Richtung digitaler Leitsysteme gedacht, aber: „Wenn die Digitalisierung ein Fünf-Gänge-Menu ist, sind wir gerade beim Gruß aus der Küche“, fürchtet Hover.

Parkplatz-Mangel entlang der NRW-Autobahnen

Auch tagsüber sind die Rasthöfe voll. Foto: Oskar Neubauer

Es fehlt an Flächen zur Bebauung

„Letztlich ist es politisches Versagen“, schimpft Peter Meintz vom ADAC Westfalen. Mittlerweile habe man zwar Geld für den Ausbau bewilligt und die Versäumnisse der Vergangenheit erkannt, aber der Mangel sei planerisch nicht so leicht zu beseitigen.

„Der Bau oder Ausbau von Anlagen entlang er Autobahnen ist alles andere als simpel.“ Man müsse an Flächen kommen, die man bebauen kann. Die Kommunen seien auch gefragt, Stellflächen anzubieten. Anwohnerproteste erschwerten die Planungen zusätzlich.

„Die Fahrer müssen es auslöffeln, sie sind das schwächste Glied in der Kette“, sagt ADAC-Sprecher Meintz. Übermüdete Fahrer liefen zudem Gefahr, schneller Unfälle zu verursachen. Zum Ende der Woche käme ein großes Schlafdefizit zusammen, wenn sie ständig den Standort wechseln müssten. Und viele riskierten dann lieber ein Bußgeld wegen Falschparkens, als wesentlich höhere Strafen für die Überschreitung von Ruhezeiten. 70 Euro kostet das Parken auf dem Seitenstreifen der Autobahn. Kommt es zu dadurch zu einem Unfall, steigt der Betrag auf maximal 105 Euro, sagt Polizeisprecher Freigang. Für die Missachtung der Lenk- und Ruhezeiten werden dagegen bis zu 5000 Euro fällig.

„Die Jungs tun einem richtig leid“, sagt Thomas Stachowitz, Chef einer Spedition aus Lünen. Den Parkplatzmangel erleben die Fahrer täglich. „Letzte Woche bin ich noch abends über die A1 gefahren, da guckten mir die Lkw bis auf die Auffahrten entgegen“, so Stachowitz. Manche Fahren nähmen Umwegkilometer in Kauf, um noch einen Platz zu finden: „Es gibt zwar noch Geheimtipps, aber die werden immer weniger. Zumal in vielen Städten auch die Industriegebiete mit Parkverboten versehen werden.“

Ausweichmöglichkeiten sind häufig für Anwohner ein Problem

Zum Beispiel in Dortmund-Asseln. Rund um das dortige Rewe-Zentrallager kommt es nicht nur zu Lärmbelästigung, sondern auch zu gefährlichen Situationen. Weil auf dem Asselner Hellweg regelmäßig Lkw am Straßenrand parken, müssen Fußgänger und Radfahrer auf die Stadtbahn-Schienen ausweichen. Bereits 2013 hatte die Bezirksvertretung Brackel deshalb ein Parkverbot beschlossen, geändert hat dies nichts. Das Problem: Wegen der Lärmschutz-Vorschriften im Wohngebiet dürfen die Lieferanten nach 22 Uhr nicht auf das Werksgelände fahren.

„Schwachsinnig“ findet das Bezirksbürgermeister Karl-Heinz Czierpka, „denn wenn die Lkw am Werkstor wenden und einen neuen Halteplatz suchen, macht das viel mehr Lärm“. Das Problem am Asselner Hellweg erledigt sich mit dessen Ausbau künftig von selbst. „Dann ist das Parken dort nicht mehr möglich“, sagt Czierpka. Doch das Dilemma der Fahrer ist damit nicht gelöst. Und der Anwohner-Ärger verlagert sich in die nächste Straße.

Dazu zeichnet sich ein weiterer Trend ab. „Immer mehr Lkw- und Busfahrer stellen ihre Fahrzeuge an ihrem Wohnsitz ab, um von dort ihre Tätigkeit am nächsten Einsatztag wieder aufzunehmen. Zu diesen Fahrzeugen gehen dann regelmäßig Beschwerden ein“, berichtet der Dortmunder Stadt-Sprecher Maximilian Löchter.

Neue Zielvorgaben für die Länder ab Januar

Im Umkreis von 20 Kilometern um Dortmund sollen laut Straßen-NRW-Sprecher Lamprecht die bisherigen 464 Lkw-Parkstände auf 809 ausgeweitet werden. Diese Zahl bezieht sich jedoch auf einen Planungszeitraum bis 2025. Unterstützung beim Bau bekommt Straßen.NRW von der Deges, einer Gesellschaft, die im Auftrag des Verkehrsministeriums zurzeit 14 Plätze in NRW neu- oder ausbaut, zum Beispiel die Raststätte Lichtendorf Süd bei Dortmund. Dort ist mit dem Baubeginn aber nicht vor 2020 zu rechnen.

Anfang Januar 2018 will der Bund neue Zielvorgaben für die Länder bekannt geben, wie viele neue Parkplätze gebraucht werden anhand aktueller Güterverkehrsprognosen, heißt es aus dem NRW-Verkehrsministerium.

Digitale Steuerungssysteme könnten Plätze effizienter verwalten

Auch Forscher der Uni Duisburg-Essen suchen nach Lösungen für Lkw-Fahrer. Dazu untersuchten sie die Situation von Lkw-Fahrern am Niederrhein rund um Duisburg, einem wichtigen Umschlagplatz von Gütern von der Straße aufs Wasser und umgekehrt.

Natürlich werden mehr Parkplätze gebraucht, aber zusätzlich müsse der Verkehr mit lokaler Beschilderung und digitalen Parkleitsystemen aber auch besser zu den bestehenden Parkplätzen geführt werden, sagt Andreas Hoene vom Zentrum für Logistik und Verkehr, der an der Studie mitgearbeitet hat. Außerdem könnten die knappen Parkflächen mit digitaler Steuerung besser ausgenutzt werden, etwa, indem Lkw, nach Abfahrtzeit geordnet, in der richtigen Reihenfolge parken würden.

Neue Systeme werden noch getestet

Deses sogenannte Kompaktparken wird seit Anfang 2016 auf der Rastanlage Jura West an der A3 in Fahrtrichtung Regensburg getestet. Im Auftrag des Verkehrsministeriums realisierte die Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast) ein vollautomatisches System, das anhand der Belegung und der Nachfrage die Abfahrtzeiten anpassen kann.

Geplant sei, dass diese Verfahren künftig als Ergänzung beim Aus- und Neubau von Parkflächen eingesetzt werden soll, teilt die Bast auf Anfrage mit. In Kürze wolle man auch einen Forschungsbericht, in dem die Wirtschaftlichkeit dieser Verfahren bewertet wird, veröffentlichen.

In Bayern gibt es außerdem ein weiteres Projekt, das Lkw-Fahrern über eine App anzeigt, auf welchen Rastanlagen wie viele Plätze frei sind. Auch dieses System sei noch in der Pilotphase, heißt es.

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