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„Pio“: Ungeschöntes Leben eines Roma-Jungen

Rom. Die Welt der Außenseiter ist es, mit der der Regisseur Jonas Carpignano seine Zuschauer konfrontiert. Die Authentizität von „Pio“ ist gleichermaßen bedrückend wie mitreißend.

„Pio“: Ungeschöntes Leben eines Roma-Jungen

In „Pio“ tritt der Titelheld (Pio Amato) in die kriminellen Fußstapfen seines Bruders. Foto: DCM

Es ist kriminell, es ist dreckig, es ist verstörend dieses Leben, das Pio Amato im süditalienischen Kalabrien lebt. Der 14-Jährige könnte ein ganz normaler Jugendlicher sein, der nicht weiter auffällt, weil er zur Schule geht und anschließend mit seinen Freunden abhängt.

Doch Pio schlägt sich die Nächte auf Raubzügen um die Ohren, fährt Auto ohne Führerschein, betrinkt sich. Ohne die Zuschauer zu verschonen, zeigt der italienisch-amerikanische Regisseur Jonas Carpignano in seinem neorealistischen Film „Pio“ eine Welt, der die wenigsten Kinogänger in Wirklichkeit begegnen.

„Ich schlag dir in die Fresse, dass du aus dem Fenster fliegst“ ist der erste Satz, den Pio sagt - der Roma-Junge, der er auch in Wirklichkeit ist. Die Großfamilie Amato lernte Carpignano während eines Drehs in Kalabrien kennen. Damals wurde der Crew ein Auto geklaut, in der sich die komplette Film-Ausrüstung befand.

„Wenn in Gioia Tauro ein Auto verschwindet, dann 'geht man zu den Zigeunern'“, ist ein vielzitierter Satz von Carpignano. So besuchte er das erste Mal Ciambra, wo Pio lebt. Eine zusammengeschusterte Siedlung mit Häusern und Baracken inmitten von Müll, nahe den Bahntrassen, in der es vor Kindern wimmelt. Der Ort wurde zur Kulisse des Films, die Familienangehörigen die Darsteller.

Die Handlung ist relativ simpel: Als Pios großer Bruder verschwindet, sieht er sich gezwungen, in dessen kriminelle Fußstapfen zu treten. Pio bleibt von der Polizei weitgehend unerkannt, gerät aber in Konflikt mit der Mafia, die in Kalabrien viel Einfluss hat. Zu seiner emotionalen Stütze wird eine Gruppe afrikanischer Migranten. Vor allem die Beziehung zu Ayiva, einem Mann aus Burkina Faso, ist mehr als nur Komplizenschaft. Der fühlt sich verantwortlich für Pio. Als dieser am Steuer eines geklauten Autos sitzt, will Ayiva ihn aufhalten. „Weil du noch ein Kind bist“, sagt er.

Dem Laiendarsteller gelingt es auf beeindruckende Weise, die verschiedenen Facetten des Charakters - seines Charakters - zu spielen. Mal ist er der unbeholfene, unsichere, einfach erschöpfte 14-Jährige, der seinen Platz in der scheinbar völlig aus dem Ruder gelaufenen Gesellschaft sucht. Dann ist er der dreiste, verschlagene Dieb, der unbändige Sohn und rebellische Bruder, der am liebsten immer mit dem Kopf durch die Wand will und rigoros mit denjenigen verhandelt, die abhängig von seiner Familie sind.

Der Film scheint viele Vorurteile gegenüber Roma-Familien zu bestätigen - angefangen bei den Kleinkindern, die bereits nach dem Zug an der Zigarette lechzen, bis zum Chaos, in dem die Großfamilie Amato lebt. So rau der Film schon aufgrund seiner Sprache ist - mit Sprüchen wie „Scheißbullen, die sollte man alle verbrennen“ oder „Ich piss dir ins Maul“ wird nicht gespart -, er gibt auch Einblicke in Momente, in denen es in der Großfamilie lustig zugeht - und vor allem ziemlich herzlich.

Das fast zweistündige Werk überzeugt wie Carpignanos Debüt „Mediterranea“, in dem Pio auch schon auftaucht, durch seine Authentizität. „In beiden Fällen versuchte ich, nachdem ich den jeweiligen Protagonisten kennengelernt hatte, ihre Erfahrungen beim Dreh möglichst authentisch umzusetzen“, sagte Carpignano in einem Interview. Er wolle Menschen eine Stimme geben, die sich sonst kein Gehör verschaffen können und ihre Realität so wahrhaftig wie möglich auf die Leinwand zu bringen.

Pio, Italien, USA, Frankreich, Schweden, Deutschland, Brasilien 2017, 118 Min., FSK ab 12, von Jonas Carpignano, mit Pio Amato, Koudous Seihon

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