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Poetisches Totenrequiem: „Hain“ von Esther Kinsky

Ein Buch, in dem nichts passiert. Eine Autorin, die Landschaften erkundet. Und trotzdem ist „Hain“ von Esther Kinsky ein wunderbarer Roman.

von Von Nada Weigelt, dpa

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Berlin

, 15.03.2018
Poetisches Totenrequiem: „Hain“ von Esther Kinsky

Esther Kinsky freut sich über den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik. Foto: Monika Skolimowska

Der Mann der Autorin ist nach einer langen, schweren Krankheit gestorben. Zwei Monate später macht sie sich auf zu einer Reise nach Italien, die sie zusammen nicht mehr geschafft haben.

Das ist der Ausgangspunkt in Esther Kinskys Roman „Hain“ - ein leises, todtrauriges und anrührendes Buch, das jetzt mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet wurde.

Die Reise der Autorin geht in ein unbekanntes Italien, in kleine, abgelegene Orte jenseits von Latte Macchiato, Medici und Michelangelo. Mit einem genauen, behutsamen Blick erkundet Kinsky die Landschaften und den Alltag ihrer Bewohner - und stößt dabei immer wieder auf Spuren und Bilder der eigenen Vergangenheit.

Es gibt keinen Plot in diesem Buch, keine Handlung. Was die Magie der Geschichte ausmacht, ist die starke, poetische Sprache der Autorin. Selbst in kleinen, scheinbar hässlichen Dingen wie einem Abfallhaufen am Friedhof oder einem Mauerrest am Fluss entdeckt sie eine geheime Schönheit, die ihre je eigene Geschichte erzählt.

„Geländeroman“ heißt das Buch im Untertitel, und es ist in drei Kapitel gegliedert. Der erste Teil entstand während eines dreimonatigen Aufenthalts von Kinsky 2015 als Stipendiatin der Villa Massimo in dem kleinen Bergstädtchen Olevano, etwa eine Stunde südöstlich von Rom.

In einem Haus zwischen Dorf und Friedhof, zwischen den Lebenden und den Toten, ist die namenlose Erzählerin nach dem Tod ihres Mannes M. wie unter einer Glasglocke begraben. „Das schwere Herz wurde zu meinem Zustand in Olevano“, schreibt sie. „Ich stellte mir ein graues Herz vor, hellgrau mit einem billigen Schimmer, wie Blei.“

Immer wieder zieht es sie bei ihren ziellosen Wanderungen auf den Friedhof, sie erforscht Gräber und Inschriften und geht dem Leben einer Maria nach, deren Grabstein eine besondere Bedeutung für sie bekommt. Wenn sie abends am Fenster steht und in das graue winterliche Tal blickt, sieht sie unter ihren Händen unwillkürlich die Hände von M. - „Lebehände“ und „Sterbehände“.

Auf einer zweiten Reise in die Lombardei nach Chiavenna schiebt sich zunehmend die Erinnerung an den Vater in den Vordergrund. In unendlichen Wortkaskaden hat der leidenschaftliche Italienfan den Kindern einst während der regelmäßigen Ferienfahrten dorthin sein ganzes Wissen über Kultur und Leute vermittelt - und wohl auch seine Liebe zu dem Sehnsuchtsland. 

Es sind magische Geschichten, die sich den Weg zurück ins Bewusstsein der Erzählerin bahnen - wie etwa die vom Künstler Fra Angelico, der wegen der Verwendung seines unnachahmlichen Lapislazuli-Blaus selbst zum Engel wird. Und doch muss dieser Vater das Kind in einer großen Einsamkeit zurückgelassen haben. Als sich die beiden Jahre später ein letztes Mal in Italien treffen, finden sie keinen Weg mehr zueinander.

In einem letzten Kapitel schließlich begibt sich die Autorin nach Ferrara in die Bassa Padana. Es ist wieder Winter und unwirtlich. Aber in der schier unendlichen Weite, in der sich hier die Po-Ebene zum Meer hin öffnet, liegt auch das Sinnbild für einen möglichen neuen Anfang. Die Geister der Vergangenheit melden sich seltener. M. begegnet ihr einmal nur, weil sie vergessene Negative von ihm in ihrer Fototasche findet.

Esther Kinsky hat ihre spröde erkundende Erzählweise auch schon in früheren Büchern, zuletzt in den vielgelobten Romanen „Banatsko“ (2011) und „Am Fluss“ (2014), genutzt. Einmal ging es um die Erforschung einer neuen Heimat im ungarischen Banat, das andere Mal um einen Fluss in den heruntergekommenen Vororten Londons.

Dass diesmal der Roman eine besondere Tiefe bekommt, liegt an der Selbstverständlichkeit, mit der sich hier Leben und Tod, Schönheit und Trauer begegnen. Nicht von ungefähr erinnert der Titel „Hain“, das schöne altmodische Wort für Wäldchen, an den nur wenig anders geschriebenen Gevatter Hein.