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Sanierer Magath: «Die Radikalität war doch klar»

Hannover (dpa) Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa spricht Fußball-Lehrer Felix Magath über seine neue Aufgabe als Trainer, Sportdirektor und Geschäftsführer beim Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg.

Magath zählt zu den profiliertesten Persönlichkeiten des deutschen Fußballs. Der 54 Jahre alte einstige Mittelfeldstratege war mit Deutschland 1980 Europameister, 1982 und 1986 jeweils Vize-Weltmeister. Den Hamburger SV führte Magath 1983 zum Europapokal der Landesmeister. Als Trainer feierte er seine größten Erfolge 2005 und 2006, als er mit dem FC Bayern München zweimal die deutsche Meisterschaft und den DFB-Pokal gewann.

Sie sind mit einer riesigen Erwartungshaltung in Wolfsburg empfangen worden und sollen den Werksclub endlich in die Erfolgsspur führen, die der Volkswagen-Konzern ihm seit Jahren zugedacht hat. Wie fühlen Sie sich als «Wunderheiler»?

Magath:»Als solcher komme ich mir nun wirklich nicht vor. Genauso wenig übrigens wie als Auslöser des Umbruchs. Ich habe von Anfang an immer wieder betont, dass der Umbruch schon begonnen hatte, bevor mein Name überhaupt eine Rolle gespielt hat. Bevor überhaupt an meine Person gedacht wurde, hat man schon entschieden, einen radikalen Schnitt zu machen. Man hat sich vom Trainer getrennt, man hat sich von der halben Mannschaft getrennt. Die Entscheidung haben andere getroffen, nicht ich.»

Das kommt in der Öffentlichkeit mitunter anders 'rüber. Der Magath kehrt mit dem Besen und besetzt alle Posten neu. Ist dem so?

Magath:«Garantiert nicht. Das Gegenteil ist ja der Fall. Ich habe mich bemüht, mit den Personen, die da waren, zu arbeiten. Ich habe nicht am Anfang gesagt, ich kann den oder jenen nicht gebrauchen. Ich habe alle übernommen.»

Den ausgedünnten Spielerkader zwangsläufig auch. Davon ist aber nicht mehr viel übrig. Warum?

Magath:«Die Radikalität war doch klar. Ich hatte nur noch zwölf Lizenzspieler zur Verfügung. Um überhaupt den Spielbetrieb aufrechterhalten zu können, haben doch mindestens sechs, acht oder zehn Spieler gefehlt. Das war schon klar, dass das ein gewaltiger Umbruch wird.»

Der hält immer noch an. 17 Neue sind jetzt da. Weitere im Anmarsch. Nationaltorhüter Jens Lehmann und Ihr ehemaliger Schützling Andreas Hinkel, die mit dem VfL in Verbindung gebracht wurden, sind jedoch nicht dabei. Haben Ihnen die Argumente gefehlt, um sie nach Wolfsburg zu locken, oder hat vielleicht das Geld nicht gereicht?

Magath:«Weder noch. Ich habe nie mit Jens Lehmann und auch nicht mit seinem Berater gesprochen. Auch nicht mit seinem Anwalt. Diego Benaglio, den wir in dieser Woche verpflichtet haben, stand von Anfang an auf der Wunschliste als Nachfolger von Simon Jentzsch ganz oben. Auch mit Andreas Hinkel, seinem Berater und seinem Vater hatte ich keinen Kontakt. Ich hatte überhaupt kein Interesse, ihn hierher zu holen. Der VfL hat nie einen Kontakt gesucht oder gehabt.»

Der VfL ist trotz aller Möglichkeiten ohnehin nicht die Wunschadresse deutscher Nationalspieler. Woran liegt das?

Magath:«Wenn ich jetzt Spieler wäre - so 22, 23, 24 - und ich hätte Perspektive, in der Nationalmannschaft zu spielen. Da glauben Sie doch nicht wirklich, wenn ich die Wahl hätte, dass ich sagen würde: Ich gehe zum VfL. Da sage ich heute als Verantwortlicher von Wolfsburg doch selbst: Warum geht er jetzt hierher - zu einer Mannschaft, die in der unteren Tabellenhälfte steht? Warum will der denn nicht nach Stuttgart oder Bremen?»

Rang elf und magere 20 Punkte sind die magere Bundesliga- Halbzeitbilanz. Die Luft nach unten ist noch dünn, die da oben scheinen enteilt. Wie fällt Ihr erstes Zwischenfazit aus?

Magath:«Ich bin sehr zufrieden mit dem, was bisher passiert ist. Das Ziel vor Saisonbeginn war, uns von den Abstiegsplätzen fernzuhalten und attraktiveren Fußball zu bieten. Beides haben wir geschafft. Wir haben mit den viertmeisten Treffern in der Liga offensiv gut ausgesehen wie wenige Mannschaften. Dass wir gleichzeitig in der Defensive das nicht so hinbekommen haben, ist in dem großen Umbruch begründet. So eine Situation habe ich persönlich erst einmal in Uerdingen erlebt, als nach dem Abstieg praktisch eine ganze Mannschaft verkauft und eine neue zusammengestellt wurde. Ich bin überzeugt, dass wir nach dem Ende dieser Saison auf einem besseren Platz stehen werden als momentan.»

Das mag vorerst reichen, um das Umfeld ruhig zu halten. Den Anspruch, das Image als «graue Maus» der Liga abzulegen, kann der VfL so aber auch nicht erfüllen. Wie lange wird das noch dauern?

Magath:«Das wird jetzt nicht von heute auf morgen gehen. Grundlage ist natürlich die sportliche Leistung. Ohne die wird sich ein Verein wie der VfL Wolfsburg national nicht durchsetzen können. Aber dennoch denke ich, dass es da mehr Möglichkeiten gibt als früher, sich ein Gesicht zu verschaffen. Bisher war es doch so, dass jeder sagt: der VfL Wolfsburg, ach ja. Man hatte gar keine Meinung zum VfL. Ich glaube, der VfL Wolfsburg war irgendwie neutral.»

Die deutschen Nationalspieler werden Ihnen auch in naher Zukunft nicht die Tür einrennen. Der Anspruch, ein Bundesliga-Spitzenteam mit internationalem Anspruch zu formen, bleibt. Wie wollen Sie das schaffen?

Magath:«Der Umbruch wird auch noch die nächste Saison beeinflussen. Wir müssen ganz einfach hart arbeiten. Es ist ein fließender Prozess, der nicht immer linear nach oben geht und der Schwankungen unterliegen wird. Und der abhängig ist von unserem strategischen Geschick. Es bleibt vorerst unser Problem, dass interessante, qualitativ gute Spieler, die die Auswahl haben, nach Dortmund, Stuttgart, Tottenham, Madrid oder Mallorca zu gehen, nicht nach Wolfsburg kommen. Ich muss Abstriche machen und Spieler suchen, die - aus welchem Grund auch immer - bei großen Vereinen keine Rolle spielen, aber dennoch eine gewisse Qualität haben. Oder ich muss Spieler holen, wie ich es gemacht habe, bei denen die Qualität erst zu entwickeln ist. Das war und ist ja auch meine Strategie. Wir hatten zum Hinrundenabschluss gegen Borussia Dortmund die jüngste Mannschaft auf dem Feld, die je für den VfL in der Bundesliga aufgelaufen ist. Das ist ein Signal, das man erkennen muss.»

Wo steht der VfL in der Bundesliga nach Ende der Saison 2009/2010, wenn Felix Magath seinen Vertrag in Wolfsburg erfüllt hat?

Magath:«Ich würde mal sagen, wir stehen an vierter Stelle.»

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