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Liebesgöttin zum Anbeißen

SCHWERTE Goldgelb lockte die Liebesgöttin. Mit ihren verführerischen Rosinen-Brüsten war sie am Silvesterabend in aller Munde. Zumindest jenseits der Ruhr, in Ergste, wo der letzte heidnische Brauch noch bis vor wenigen Generationen allem christlichen Gegenwind trotzte.

von Von Reinhard Schmitz

, 30.12.2007
Liebesgöttin zum Anbeißen

Einen alten Holzschnitt "Nachtwächters Sylvester" hat Uwe Fuhrmann für seine Sammlung ergattert.

Immer in den Dezembertagen, wenn das Jahr seinem neuen Anfang zustrebte, kneteten die Ergster klammheimlich ihren Hefeteig. Während andere aus der Weizenmasse als Nikolaus-Abbild einen Stutenkerl formten, ließen die Ergster in ihren Backöfen die alte nordische Göttin auferstehen. "Das Gebäck war eine Erinnerung an germanische Vorzeit und stellte die Freya dar", fand der Gründer des Ruhrtalmuseums, Josef Spiegel, heraus.

Kunstvoll verziert

Bei den Schwertern dagegen klapperten "zwischen den Jahren" die Eiserkuchen-Eisen auf den Herden. In keinem Hause durfte das Gerät für die knusprigen Hörnchen fehlen, die von den Kindern mit flinken Fingern gerollt wurden. Oft waren die Backflächen kunstvoll verziert und mit den Initialen der Besitzer versehen, wie eine Sammlung im Magazin des Ruhrtalmuseums beweist.

Böse Geister

Um böse Geister und die schlechten Schatten der verflossenen Monate zu vertreiben, zogen auch die Vorfahren bereits böllernd durch die Silvesternacht. Manchmal mit tragischem Ausgang, wie es Spiegel aus dem Hennen des Jahres 1663 überliefert. Um seiner Angebeteten, der Dienerin Amalie, zu imponieren, wollte der Zimmermanns-Sohn Johannes Nölle besonders laute Schüsse durch die Nacht schicken. Beim Zechen füllte er eine uralte Waffe mit Pulver - und richtete die Mündung in der Dunkelheit versehentlich gegen die eigene Brust. Übermütige Schüsse setzten außerdem 1657 mehrere Wandhofener Bauernhöfen in Brand.

Kunstwerk aus dem Internet

Es fehlte wohl am wachen Auge des Nachtwächters, dessen Aufgabe Uwe Fuhrmann in der Ruhrstadt als Touristenmagnet erfolgreich wiederbelebt hat. In der Silvesternacht allerdings dreht er keine Runde, sondern feiert in den Beginn seines eigenen neuen Lebensjahrs hinein. Beschenkt hat er sich schon selbst mit einem Holzschnitt "Nachtwächters Sylvester". Das Kunstwerk aus dem 19. Jahrhundert bestellte er allerdings wie in der Neuzeit - übers Internet.

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