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So sehr ist die ambulante Pflege am Limit

Schwerter Pflegedienste haben keine freie Kapazitäten

Ambulante Pflegedienste müssen immer häufiger Patienten ablehnen. Es mangelt an Personal in der häuslichen Pflege. Fehlende gesellschaftliche Wertschätzung und eine Bezahlung, die die schwere Arbeit nicht angemessen vergütet, nähren keine Hoffnung auf Besserung. Auch das 8000-Fachkräfte-Versprechen von Angela Merkel nicht.

SCHWERTE

, 15.03.2018
So sehr ist die ambulante Pflege am Limit

Johannes Neuser (Pflegedienstleitung Caritas-Sozialstation Schwerte-Holzwickede) und Pflegekraft Nadjilla Noori würden sich über neue Kolleginnen und Kollegen freuen. © Manuela Schwerte

Plötzlich sind Vater oder Mutter pflegebedürftig, kommen alleine nicht mehr klar, brauchen mehr Hilfe und Unterstützung, als die Familie möglicherweise stemmen kann. Das ist der klassische Moment, in dem beim ambulanten Pflegedienst das Telefon klingelt und einen neuen Kunden ankündigt – zum Beispiel bei der Caritas-Sozialstation. Dort wie auch bei anderen Schwerter Pflegediensten gibt es allerdings kaum freie Kapazitäten für neue Patienten.

Caritas-Pflegedienstleiter Johannes Neuser berichtet, dass er erst in den letzten Tagen zwei Anfragen ablehnen musste: „Wenn es vielleicht lediglich um Medikamentengaben geht oder wir mittags zum Hausbesuch kommen können, lässt sich unter Umständen noch etwas machen. Aber Pflege morgens und abends? Da sind wir derzeit am Ende unserer Kapazitäten.“

Dass nicht nur die Caritas am Limit ist, sondern auch andere Schwerter Pflegedienste sich schwertun, neue Kunden aufzunehmen, erlebt auch Fabian Friedewald, Leiter des Sozialdienstes im Marienkrankenhaus. „Ende 2017 hatten alle Pflegedienste einen Aufnahmestopp verfügt, vor allem für die Grundpflege.“ Immer wieder hat Fabian Friedewald mit Angehörigen zu tun, die nicht wissen, wie es nach dem Krankenhausaufenthalt weitergeht. „Es ist auch für das Krankenhaus eine schwierige Situation, wenn man weiß, dass der Übergang ins häusliche Umfeld nicht geregelt ist.“ Bei allem Verständnis für verzweifelte Angehörige – das Krankenhaus ist den Kostenträgern Rechenschaft schuldig und muss sich erklären, wenn Patienten deutlich länger als üblich stationär bleiben.

Und bald müssen die Babyboomer versorgt werden

Friedewald ist davon überzeugt, dass sich die Situation eher noch verschlimmert als verbessert: „Die Babyboomer-Generation kommt ja erst noch.“ Es sei überhaupt nicht absehbar, wer dereinst die in den 50er- oder 60er-Jahren geborenen Menschen pflegen werde. Friedewald: „Es wurde versäumt, sich darauf einzurichten.“

Das beklagt auch Johannes Neuser: „Der demografische Wandel ist jetzt schon spürbar. Die Menschen werden älter, und es wird in einigen Jahren viel mehr Pflege benötigt.“ Den nachfolgenden Generationen rät er dringend, sich schon jetzt Gedanken über ihr Alter zu machen. „Vielleicht wären Wohngemeinschaften eine Alternative, in der sich Menschen gegenseitig so lange wie möglich helfen. Über solche Modelle sollte jeder rechtzeitig nachdenken.“

Pflegeberuf ist ein Knochenjob

Derweil hoffen Neuser und Friedewald allerdings auch auf eine Aufwertung der Pflegeberufe. Neuser: „Bei der Caritas würden wir sofort zwei Pflegekräfte einstellen, wenn wir welche finden würden.“ 30 Pflegekräfte versorgen dort derzeit 220 Patienten, damit seien die Ressourcen erschöpft. Und obwohl die konfessionellen Träger in der Regel besser zahlen könnten als die privaten, sei es für alle gleich schwierig, geeigneten Personal zu finden. Da helfe auch das Versprechen von Bundeskanzlerin Merkel nicht, 8000 neue Pflegekräfte einzustellen. Neuser: „Wo sollen die herkommen?“ Seine Zweifel teilt Fabian Friedewald: „Wer heute sein Examen ablegt, hat die freie Auswahl, in welchem Bereich er künftig arbeiten will.“ Die ambulante Pflege gelte durchaus als Knochenjob mit hohen gesundheitlichen Risiken, an die die Bezahlung nicht angepasst sei.

Dennoch genieße der Beruf eine geringe Achtung, beklagt Johannes Neuser. Die hier erbrachte Leistung werde weder finanziell noch gesellschaftlich hinreichend gewürdigt. Deshalb sei es verständlich, dass sich junge Leute bei der Berufswahl anderen Bereichen zuwenden. „Das müssen wir ändern.“ Die Caritas probiert es zum Beispiel mit Flüchtlingen. Neuser: „Derzeit helfen bei uns drei Flüchtlinge aus Marokko, Afghanistan und dem Irak. Das funktioniert sehr gut und ist für sie und uns eine große Chance.“

Keine Kurzzeit-Plätze vorhanden


Fabian Friedewald warnt davor, über die Notlage in der ambulanten Pflege die Probleme im stationären Bereich zu vernachlässigen: „Kurzzeitpflegeplätze sind in Schwerte kaum zu kriegen. Manche Menschen bringen ihre Angehörigen in Einrichtungen unter, die bis zu 30 Kilometer entfernt sind.“ Das gilt bei den Kostenträgern zwar als wohnortnahe Versorgung, sei aber möglicherweise für einen betagten Ehepartner, der auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist und möglichst häufig zu Besuch kommen will, kaum zu ertragen.

Nein, allzu wählerisch dürften Patienten und Angehörige man in dieser Zeit nicht sein, sagt auch Johannes Neuser: „Wer darauf besteht, dass der Pflegedienst morgens um 7.30 Uhr zum Duschen kommt, hat schlechte Karten. Das muss man einfach so sagen.“

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