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Weiße Weihnacht auf dem Amselfeld

SCHWERTE An Weihnachten bleibt die Küche kalt. Vermutlich. Denn ob Strom fließt, weiß Peter Meier vorher nie. Nur eine Tücke des Alltags im Kosovo.

von Von Nicole Jankowski

, 22.12.2007
Weiße Weihnacht auf dem Amselfeld

Trauriger Alltag: Peter Meier leistet seinen Polizeidienst im Kosovo.

Seit dem 25. September verrichtet der Schwerter Polizeihauptkommissar dort seinen Dienst für die Mission der Vereinten Nationen. Für ihn ist es bereits der vierte Auslandseinsatz.

Nach Einsätzen in Bosnien 1997, 1998/99 und 2001/2002 ist Meier diesmal für ein Jahr in einem anderen Teil des ehemaligen Jugoslawien stationiert.

In seinem Internet-Tagebuch, aus dem die Ruhr Nachrichten exklusiv zitieren dürfen, hält er die Schwerter Kollegen auf dem Laufenden und schildert seine alltäglichen Probleme.

Exklusiv: Auszug aus Meiers Tagebuch

Novo Brdo, Neuer Berg, heißt das Dorf, in dem Meiers Polizeistation liegt. Hier ist der Schwerter seit kurzem Station Commander, der ausländische Gegenpart zum einheimischen Chef der Wache. 31 Beamte und Beamtinnen leisten hier im Schichtbetrieb Dienst, ermitteln bei Verkehrsdelikten und klären andere Kriminalitätsfälle auf.

„Wir fahren Streife in den entlegensten Winkeln, in serbischen Enklaven, ca. 100-200 Jahre zurück. Und trotzdem kann man sagen, die serbische Minderheit ist gut organisiert. Selbst im letzten Dorf haben die in einer Bruchbude noch ein Geschäft, wo niemand es vermuten würde.“

In Gnjilane, der nächstgrößeren Stadt, hat Peter Meier eine Wohnung gemietet. Wichtigstes Kriterium: Sie liegt in der Nähe von Geschäften. Denn in der so genannten Klasse A-Zone fließt der Strom nach Vier-Zwei-Regelung: Vier Stunden Strom, dann zwei Stunden keinen.

Nur vier Stunden Strom am Stück

„Heute Morgen war wieder Waschen aus der Schüssel angesagt. Gott sei Dank war nur das Wasser abgestellt, nicht der Strom, so dass ich warmes Wasser machen konnte. Habe mittlerweile ca. 40 l Wasser in leeren Mineralwasserflaschen (2l Flaschen) gesammelt, das ich bei Ausfall verwenden kann. Das funktioniert ausgezeichnet und man gewöhnt sich schnell daran.“

An Weihnachten will er fernsehen: Über Satellit kann er alle deutschen Programme empfangen und bleibt so im Bilde. „Wenn kein Strom fließt, muss ich eben singen“, meint Meier gut gelaunt. Seine Frau Monika feiert derweil ohne ihn in der Schwerter Heimat.

Weihnachten allein zuhaus

Zumindest weiße Weihnachten muss Meier sich nicht mehr wünschen: Als er ankam, war es noch schön warm, tagsüber erreichte das Thermometer über 30 Grad. Mitterweile ist es richtig kalt geworden, im Oktober fielen bereits vierzig Zentimeter Schnee. Autofahren wird da zum Abenteuer. Die Straßen sind nicht gestreut, zur Station in 900 Meter Höhe geht es über blankes Eis.

Warum es ihn immer wieder in die Ferne zieht? „Mir juckt‘s manchmal im Hintern“, gibt Meier zu. „Dann muss ich raus.“ Neugier und Abenteuerlust seien die Hauptgründe für seine Auslandseinsätze, das Geld spiele natürlich auch eine Rolle. Und dümmer werde man durch den Dienst auch nicht – mittlerweile sei sein Englisch wieder fast perfekt.

„Unsere Einheit im Regionalhauptquartier besteht aus mindestens 35-40 internationalen Kollegen, u.a. sind vertreten: Amerika, Türkei, Indien, Bangladesh, Philippinen, Südafrika, Nigeria, Uganda, Kenia, Russland, Schottland, China, Jordanien usw. Es sind noch mehr, aber alle fallen mir momentan nicht ein. Wir arbeiten aber alle gut zusammen und es macht Spaß. Man lernt von den Kollegen jeden Tag etwas Neues über Kultur, Familie, Sitten und Gebräuche und über Polizeistrukturen.“

Multi-Kulti bei der Polizei

Der bisherige Höhepunkt des gemeinsamen Einsatzes: die Wahlen im Kosovo im November. Albaner und Serben bestimmten ihr Parlament und neue Stadt- und Gemeinderäte. Zeitgleich diskutierten Vertreter der Belgrader Regierung und der Verhandlungsdelegation des Kosovo in Brüssel mit Diplomaten der EU, Russlands und der USA über eine Unabhängigkeit des Kosovo – ohne Ergebnis. Kosovo-albanische Vertreter haben nun angekündigt, einseitig die Unabhängigkeit zu erklären.

„Viele Serben wollen dann das Land verlassen und nach Serbien übersiedeln. Sie müssten hier dann alles aufgeben, Häuser, Land, Vieh usw. Wie das laufen soll, weiss niemand. Und ob es ruhig bleiben wird, ebenfalls nicht. Hier werden schon Notfallpläne ausgearbeitet, von erneuter Übernahme der Exekutivaufgaben bis hin zur Evakuierung. Ob das alles funktionieren wird?“

Angst macht die Situation Peter Meier trotzdem nicht. Dafür hat der Schwerter bereits zu viel erlebt.

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