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Songwriter-Pop von Wolfgang Müller und Staring Girl

Berlin. Weder platt-peinlich noch oberschlau: Die neuen Deutschpop-Alben von Wolfgang Müller und Staring Girl machen textlich ganz viel richtig. Und schöne, reife Melodien haben sie auch zu bieten.

Gute Zeiten für deutsche „Liedermacher“ und einheimischen Songschreiber-Pop: Nach den herausragenden Alben von Gisbert zu Knyphausen und Kettcar aus dem vorigen Jahr sind im April wieder zwei bemerkenswerte Platten erschienen.

„Es ist so ein schöner Tag / und Du denkst an Donald Trump...“, so lakonisch singt WOLFGANG MÜLLER im Opener „Flieger“ seines neuen Albums „Die sicherste Art zu reisen“ (Fressmann/Indigo). Musikalisch hat der Mann mit dem kaum google-baren Namen diesmal eine opulente Version von Deutschpop gewählt, mit Orgel, Saxofon und Flöte, einigen schönen E-Gitarren-Soli von Produzent Dinesh Ketelsen, wunderbar reifen Melodien - und einer Stimme, die stets etwas heiser klingt und zum Knuddeln warmherzig-melancholisch.

Das erinnert nicht selten tatsächlich an Knyphausens 2017er Meisterwerk „Das Licht dieser Welt“ oder an aktuelle Platten der ebenso hochbegabten Songwriter Niels Frevert und Moritz Krämer. Wie diese ist auch Müller weit entfernt vom schlauen Diskurs-Pop der Hamburger-Schule-Bands Tocotronic oder Blumfeld, erst recht vom wütend-depressiven deutschsprachigen Post-Punk von Die Nerven und Isolation Berlin.

Die Kompositionen des 42-jährigen Hamburgers sind auf sympathisch konservative Art harmonietrunken und dabei recht nah am bewährten US-Westcoast-Sound - selbst wenn er sich in „Americana“ zu verzerrten Gitarren so seine kritischen Gedanken macht: „Amerikaner / ein Wort wie ein Versprechen / ein Gesicht wie ein Verbrechen / muss nichts heißen...“.

Ja, er hat ein grandioses Gespür für tolle Textzeilen, für die man keinen Magister in Philosophie haben muss: „Du willst nicht ewig leben / nur wie Helmut Schmidt / ein bisschen abgehoben rauchen / und unsterblich bis zum Schluss“, heißt es in „Herzen“. Keine Frage: Spätestens mit „Die sicherste Art zu reisen“ ist Wolfgang Müller in der ersten Liga des deutschen Songwriter-Pop angelangt.

So weit ist die Hamburger Band STARING GIRL noch nicht, doch ihr neues Album „In einem Bild“ (Kombüse/Broken Silence) deutet die Richtung mehr als nur dezent an: klar aufwärts. Nach dem Debüt von 2012 bei K&F Records und einigen Sampler-Beiträgen bei Omaha war die Truppe um Frontmann Steffen Nibbe Konzert-Support für Erdmöbel und Gisbert zu Knyphausen, aus dessen ursprünglicher Band neue Staring-Girl-Mitglieder gewonnen wurden.

An der nordfriesischen Nordseeküste live und analog aufgenommen, verströmt „In einem Bild“ gleichermaßen die Frische einer steifen Meerbrise und die Wärme eines August-Tages am Kieselstrand. Eine hanseatisch-noble Spielart von Americana-Folk und Gitarrenrock ist das musikalische Mittel der Wahl, die Texte sind nüchterne Beobachtungen ohne den ganz großen Kunstanspruch.

Am Schluss, im gut achtminütigen „Schwarz zu Weiß“, zeigen Staring Girl, dass sie auch das monumentale Folkrock-Epos in sich haben, mit prächtigen E-Gitarren und feierlicher Trompete - ein großer Wurf. Insgesamt ein kraftvolles, erdiges Indie-Album irgendwo zwischen Knyphausen, Kettcar und Element Of Crime, wenn auch noch nicht ganz auf deren Höhe.

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