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125 Schritte bis zum Grenzfall

Grenzt Stadtlohn an die Niederlande?

In der Liste aller Grenzorte führt die Online-Enzyklopädie Wikipedia die Stadt Stadtlohn auf. Aber gibt es hier wirklich eine Staatsgrenze? Eine Spurensuche.

Stadtlohn

, 07.04.2018
125 Schritte bis zum Grenzfall

Hermann Lensker und der reich verzierte St.-Vitus-Stein, der 1753 eine ältere Grenzmarkierung ersetzt hat. Der Grenzstein trägt die Wappen des Fürstbistums Münster und des früheren Herzogtums Geldern – und er steht 125 Meter entfernt von der Stadtlohner Stadtgrenze, die damit nicht an die niederländische Staatsgrenze heranreicht. © Stefan Grothues

Die Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden ist 567 Kilometer lang. Zwischen Aachen und Emden liegen laut Wikipedia 41 Grenzorte auf deutscher Seite unmittelbar an der Bundesgrenze. Darunter auch die Stadt Stadtlohn, so Wikipedia. Die Liste führt ferner auch die Nachbarstädte Vreden und Ahaus sowie die Gemeinde Südlohn als Grenzorte auf. Auf die drei Nachbarkommunen trifft die Bezeichnung Grenzort zweifelsfrei zu. Davon kann man sich an den Grenzübergängen in Zwillbrock, Gaxel, Oeding, Buurse oder Sandersküper schnell überzeugen.

Soviel ist sicher: Einen offiziellen Grenzübergang gibt es in Stadtlohn nicht. Aber gibt es eine gemeinsame grüne Grenze zwischen Stadtlohn auf der deutschen und Winterswijk auf der niederländischen Seite?

Hermann Lensker muss es genau wissen. Nicht nur, weil er Vorsitzender des Stadtlohner Planungs- und Bauausschusses ist. Sondern vor allem deswegen, weil er hart an der Grenze wohnt. Von seinem Nebenerwerbshof in Hundewick aus kann Hermann Lensker die Häuser der niederländischen Bauerschaft Ratum im Achterhoek sehen. Und auch seine Familiengeschichte ist eng mit der Grenze verbunden.

Schmuggler für den Kaiser

Sein Urgroßvater war Schmuggler und das sogar quasi im kaiserlichen Auftrag. „Er wurde im Ersten Weltkrieg nicht zum Militär einberufen, weil er mit Duldung und Förderung deutscher Behörden Medikamente über die Grenze schmuggelte.“ In der nächsten Generation schmuggelte zwischen den Weltkriegen Hermann Lenskers Großvater Kaffee und andere Konsumgüter. Weil das ganz ohne offiziellen Auftrag geschah, landete er auch einmal im Gefängnis – wie so manch andere Schmuggler. Die Schmugglerei war schließlich ein weitverbreitetes Kavaliersdelikt – und oft genug verschlossen die Komiesen, so wurden die Zöllner genannt, die Augen vor dem kleinen Grenzverkehr auf versteckten Pfaden.

In Hermann Lenskers Kindheit in den 1970er-Jahren gehörten die Zwei-Mann-Patrouillen der Zöllner auf dem „Komiesenpatt“ noch zum Alltag dazu. 1995 aber war die Zeit der Zöllner an der deutsch-niederländischen Grenze aber endgültig abgelaufen. Mit dem Inkrafttreten des Schengener Abkommens verschwanden auch die stationären Grenzkontrollen.

Und wo trifft nun Stadtlohn auf niederländisches Staatsgebiet? Hermann Lensker führt uns von der Gaststätte Pries entlang der Baumwollstraße 200 Meter nach Norden. Wir bewegen uns auf Stadtlohner Gebiet. Dann überqueren wir in Höhe des Flugplatzes Wenningfeld die Baumwollstraße und laufen westwärts: links ein Kiefernwald, er steht auf Südlohner Terrain, rechts ein abgeerntetes Maisfeld auf Vredener Gebiet.

Grenzstein ist 265 Jahre alt

Und vor uns der Grenzstein 788, bekannt als „St.-Vitus-Stein“ von 1753. Er ist Teil der deutsch-niederländischen Staatsgrenze. Nur: Das Stadtlohner Gebiet haben wir bereits vor 125 Metern verlassen, als wir die Baumwollstraße überquerten. Jetzt ist klar: Stadtlohn ist kein Grenzort. Der Wikipedia-Eintrag ist falsch.

125 Schritte bis zum Grenzfall

Hier kommt Stadtlohn Holland am nächsten. Zum direkten Grenzkontakt fehlen aber 125 Meter.

Aber er hat einen realen geschichtlichen Hintergrund, weiß Stadtarchivar Ulrich Söbbing. Am St.-Vitus-Stein trafen einmal fünf Gemeindegrenzen aufeinander: Wessendorf, Hundewick, Südlohn, Vreden und das niederländische Ratum. Ulrich Söbbing zeigt eine Karte von 1826, auf der die Stadtlohner Flur Wenningfeld über einen Weg, der heute die B70 ist, bis zur niederländischen Grenze reicht. Auf einer anderen Karte von 1863 ist dies nicht mehr der Fall. Im Zuge des Straßenausbaus, so Söbbing, habe es offensichtlich einen Flächentausch zur Grenzbegradigung zwischen den deutschen Gemeinden gegeben.

So hat Stadtlohn schon vor über 150 Jahren seinen Status als Grenzort verloren. Das tut der Internationalität der Töpferstadt aber keinen Abbruch. Sie pflegt den Kontakt zu den Partnerstädten Dinkelland in den Niederlanden sowie San Vito in Italien. Im September ist ein Partnertreffen in Stadtlohn geplant – ganz ohne Grenzen.