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Unfallopfer brauchen auch seelischen Beistand

Hamburg/Münster (dpa/gms) - Eine Sekunde unaufmerksam - und schon ist es geschehen: Ein Verkehrsunfall kann von einem Moment zum anderen das ganze Leben verändern.

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Während die körperlichen Schäden meist schnell auszumachen sind, bleiben seelische Verletzungen oft unentdeckt. Dabei sind sie es, an denen Unfallopfer oft noch lange nach dem Ereignis leiden.

Oft ist es nicht so einfach zu erkennen, wie es um ein Unfallopfer steht. «Jeder Mensch reagiert unter Schock verschieden», sagt Erneli Martens, Notfallseelsorgerin in Hamburg. Deutliche Hinweise wie lautes Schreien sind nicht die Regel. «Es gibt auch Menschen, die ganz ruhig sind - sie werden dann meist gar nicht beachtet.»

Gerade mit diesen Betroffenen sollten Ersthelfer Kontakt aufnehmen - ohne sich dabei aufzudrängen. «Oft ist eine aufmerksame Nähe das beste, in der auch Schweigen möglich ist», sagt die Pastorin. Fragen können helfen, den Zustand des Unfallopfers zu klären. Aussagen wie «Ich weiß gar nicht, wo ich bin» deuteten auf einen Schockzustand hin. Dann sei es wichtig, die Betroffenen nicht allein zu lassen und dafür zu sorgen, dass beispielsweise Angehörige sie abholen.

Keinesfalls sollten Unfallopfer mit Medikamenten ruhig gestellt werden, warnt Dietmar Lucas vom Bundesverband Deutscher Psychologen (BDP). «Das gilt auch, wenn sie sehr aufgedreht sind.» Der Adrenalinspiegel sei durch das Ereignis derartig angestiegen, dass zur Beruhigung eine sehr hohe Dosis gegeben werden müsste. Zum anderen verstärkten Beruhigungsmittel die Verunsicherung der Opfer.

Seelische Probleme äußern sich aber vielfach erst nach Tagen oder Wochen. Unter so genannten posttraumatischen Belastungsstörungen leiden dabei nicht nur Unfallopfer, sondern auch Rettungskräfte und Zeugen. Neben Depressionen und Angstzuständen äußern sich diese Störungen auch körperlich, erläutert Lucas. So kämen Weinkrämpfe und Schlafstörungen, aber auch Herzrasen und Magenbeschwerden vor.

«Ich habe kürzlich eine junge Frau betreut, die unter extremen Flashbacks litt», sagt Lucas. Sie war als Beifahrerin an einem schweren Unfall beteiligt und erlebte das Geschehen laut Lucas immer wieder «wie in einer Zeitlupe beim Fußball». Das sei eine Form der Bewältigung: «Die Seele schaut sich das wieder und wieder an, um zu klären, was die Konsequenz aus dem Unfall ist.» Manchmal finde die Psyche dabei tatsächlich eine Antwort, etwa «Ich muss stärker auf spielende Kinder am Straßenrand achten».

Gerade wenn der Betroffene keinerlei Schuld am Unfall trägt, dreht die Seele laut Lucas aber quasi im Leerlauf, weil sie keine Lösung findet - bis auf eine: «Das Allerhäufigste, was passiert, ist die Vermeidung: Die Leute fahren überhaupt nicht mehr Auto.»

Um es nicht so weit kommen zu lassen, sollten Betroffene vorbeugen: Grundsätzlich könnten sich Beteiligte in den ersten Tagen nach einem Unfall an die Leitstelle von Feuerwehr oder Rettungsdienst wenden. Sie werden dann an einen Notfallseelsorger oder auch ein Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes weiter vermittelt.

Um Flashbacks zu bekämpfen, helfen laut Lucas Gespräche und Entspannungsverfahren. Damit Autofahrer sich wieder hinter das Steuer setzen können, bieten manche Einrichtungen spezielle Kurse an. «Wir lassen uns zunächst das Ereignis schildern», erläutert Prof. Wilfried Echterhoff, der das Institut für Psychologische Unfallnachsorge in Köln leitet. Um der Ursache auf den Grund zu gehen, begleitet ein Psychologe die Betroffenen auf einer Probefahrt. Ziel sei es, den erlebten Verlust der Kontrolle zu verarbeiten.

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