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Unter Tage mit den letzten Bergleuten im Ruhrgebiet

mlzZeche Prosper-Haniel

Willkommen im Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop – dem letzten aktiven Steinkohle-Bergwerk im Ruhrgebiet. Am 21. Dezember 2018 ist hier Schicht im Schacht.

Bottrop

, 16.09.2018 / Lesedauer: 6 min

Das Grollen rollt heran, wird lauter und lauter, je näher das Ungetüm kommt. Dann ein Zischen. Als ob man kaltes Wasser in eine heiße Pfanne kippt. Sofort verschwindet die Umgebung im Nebel. Mittlerweile dröhnt es so laut, dass der Boden vibriert. Dann erwischt es mich. Die Druckwelle aus warmer Luft, Sprühwasser und Staub schlägt mir ins Gesicht.

Kaum habe ich das realisiert, ist das Ungetüm auch schon vorbeigesaust. Der Lärm wird leiser, der Nebel legt sich. Und dann liegt sie vor mir: die Steinkohle. Herausgebrochen aus der gegenüberliegenden Wand. Tausende Stückchen funkeln mit ihren unzähligen Facetten im Strahl meiner Grubenlampe. Deshalb also schwarzes Gold.

Letzte Schicht am 21. Dezember 2018

Willkommen im Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop – dem letzten aktiven Steinkohle-Bergwerk im Ruhrgebiet. Am 21. Dezember 2018 ist hier Schicht im Schacht. Ungemein viel Tradition geht dann zu Ende. Auch für uns Journalisten. Denn fast jeder Schreiber, der sein Handwerk im Ruhrgebiet gelernt hat, war im Zuge seiner Ausbildung schon mal unter Tage.

Wir befinden uns auf Schacht 10, 7. Sohle, 1200 Meter unter der Erde. Wir, das ist eine Gruppe von Journalisten. Und das ist Christof Beike, der Pressesprecher der RAG. Wir sind mitten im Streb, wo die Kohle gefördert wird. In einer Welt, die seit rund 200 Jahren unter unseren Füßen liegt.

Noch lange keine Wehmut unter Tage

Eine Welt, die so selbstverständlich zum Ruhrpott gehört wie Fußball und Currywurst. Und eine Welt, die vielen doch fremd ist. Weil sie nie unter Tage waren. Für uns Journalisten ist es die letzte Gelegenheit, diese Welt zu betreten und sie zu beschreiben. Denn ihre Tage sind gezählt. Es ist Freitag, der 10. August. Noch 133 Tage bis zur letzten Schicht.

Von Wehmut ist hier unten nichts zu spüren. Im Gegenteil: Die Kumpel sind hoch konzentriert. „Manche denken: ‚Die Bergmänner sind mit den Gedanken doch schon ganz woanders.‘ Nein – die Jungs machen hier bis zum Schluss einen fantastischen Job“, sagt Beike.

Ein Stahlklotz mit Haifischzähnen

Ein erneutes Zischen unterbricht uns. Diesmal kommt es von den hydraulischen Stempeln in unserem Rücken. Sie stützen mit riesigen Stahlplatten die Decke über uns und verhindern, dass der Streb einbricht. 1,80 Meter ist die Decke an dieser Stelle hoch, die meisten können einigermaßen stehen. Am anderen Ende des 330 Meter langen Strebs müsste man kriechen.

Unter Tage mit den letzten Bergleuten im Ruhrgebiet

Kauenkörbe hängen in der Waschkaue der Zeche Prosper-Haniel. © picture alliance/dpa

Nun ist der Stempel hinter mir an der Reihe. Es zischt, die Stahlplatte über mir sinkt ein paar Zentimeter nach unten. Dann schiebt sich die Deckenstütze nach vorne. Dorthin, wo der Kohlehobel, das Ungetüm, ein Stahlklotz mit Zacken wie riesige Haifischzähne, vor wenigen Augenblicken die Kohle aus der Wand gebrochen hat. Oder geschält, wie der Fachmann sagt.

„Die sicherste Stelle im ganzen Bergwerk“

Vor der Wand verläuft eine Schiene. Auf ihr fährt der Hobel entlang. Vor der Schiene liegt eine große Förderkette. Die herausgeschälte Kohle fällt auf die Kette und wird so aus dem Streb abtransportiert. Abgeschlossen wird diese Konstruktion von einer Art Bande wie am Fußballplatz. Hinter dieser Schutzwand können wir stehen, ohne von Kohle oder Steinen getroffen zu werden. Während sich der Stempel samt Stahlplatte nach vorne bewegt, drückt die Maschine die komplette Konstruktion – Schutzbande, Förderkette und Hobelschiene – ebenfalls weiter, wieder an das Flöz heran.

Dann folgt der letzte Schritt: Die Stahlplatte wird wieder gegen die Decke gepresst. Danach ist der nächste Stempel an der Reihe. Und so weiter – bis der Hobel wieder nah genug am Flöz ist. Es knackt laut und heftig. Durch den Druck der Stahlplatte über mir ist der Fels geborsten. Skeptisch blicke ich an die Decke. Der Kumpel neben mir lacht und deutet auf die Stahlplatte: „Keine Sorge. Das ist jetzt die sicherste Stelle im ganzen Bergwerk.“ Mit 1200 Metern Erde und Gestein über meinem Kopf fällt es mir schwer, ihm zu glauben.

Anlegen der Bergmannskluft ist noch Freizeit

Vieles hier unten kommt mir unglaublich vor. Das wird mir schon klar, als wir rund zwei Stunden zuvor den Förderkorb betreten. Wäre ich ein Kumpel, würde in diesem Moment meine Schicht beginnen. Das Anlegen der Bergmannskluft in der Waschkaue zuvor fiele unter die Kategorie Freizeit. Ausgerüstet bin ich mit der viel zu großen Bergmannskluft aus reiner Baumwolle. Helm und Schutzbrille, Schienbein- und Knieschoner. Dazu klobige Stahlkappenschuhe. Und natürlich der kiloschwere Akku meiner Helmlampe sowie der Filterselbstretter an meinem Gürtel. Jeder Schritt fällt ungewohnt schwer.

Unter Tage mit den letzten Bergleuten im Ruhrgebiet

Shampoo und ein Schwamm liegen in einem Kauenkorb in der Waschkaue der Zeche Prosper-Haniel. © picture alliance/dpa

Dann setzt sich der Förderkorb in Bewegung. Zehn bis zwölf Meter pro Sekunde fahren wir dem Untergrund entgegen, rund 45 Stundenkilometer schnell. Sofort habe ich Druck auf den Ohren. Der Fahrtwind, der von unten kommt, wird mit jedem Meter wärmer. Es riecht nach Erde und Metall, meine Handflächen fühlen sich schon jetzt staubig an. Was ich noch nicht ahne: In einigen Stunden, wenn ich wieder in diesem Förderkorb stehe, verschwitzt und kohlrabenschwarz, werde ich mir gedankenverloren über die trockenen Lippen lecken. Und dann werde ich die Kohle sogar schmecken.

Überreste bleiben für immer unter Tage

Ein Ruckeln reißt mich aus meinen Gedanken. Wir sind da. Ich trete aus dem Förderkorb und bin überwältigt von dem Anblick. Hunderte Kilometer Kabel, Förderbänder, Tausende Tonnen Stahl in Form von Ketten, Rohren und Maschinen. Kaum vorstellbar, wie lange es gedauert haben muss, all das Zeug herunter zu bringen. Vieles muss nach dem 21. Dezember wieder ans Tageslicht geschafft werden. „Was schädlich ist oder vermarktet werden kann, wird rausgeholt“, erklärt Beike. Der Rest bleibt für immer unten. Drei Jahre soll der Rückbau dauern.

Wir laufen die Strecke entlang, die Decke ist bestimmt fünf Meter hoch. Unter ihr hängen unzählige schwarze Plastikwannen. Abertausende dieser Behälter sind über das gesamte Bergwerk verteilt. Sie sind mit Wasser gefüllt – 80 Liter pro Wanne. Sollte es zu einer Schlagwetterexplosion kommen, würde die Druckwelle die Wannen zerstören und das Wasser die Flammen löschen. „Es ist nicht immer nur die ausgeklügeltste Technik, die unter Tage zählt“, erklärt Beike.

Schnupftabak gegen die trockene Luft

Ein Kumpel zückt eine Dose Schnupftabak und streckt sie mir entgegen. „Macht die Nase frei und befeuchtet die Schleimhäute“, sagt er. Ich nehme eine Prise. Der Metall-Geruch der Umgebung weicht einem scharfen Menthol-Duft. Das ist angenehm – wird meine Nase aber nicht daran hindern, noch in den kommenden drei Tagen schwarzen Kohlenstaub ans Tageslicht zu fördern.

Danach steigen wir in die Dieselkatze – eine Einschienenhängebahn, die uns weiter ins Berginnere bringt. Eine knappe halbe Stunde dauert heute unsere Fahrt. Immer wieder tauchen im Halbdunkel Kumpel auf, laufen an uns vorbei, wünschen lautstark „Glückauf“. Manche von ihnen sind so schwarz im Gesicht – ihre Augen und Helme über ihren Schultern scheinen zu schweben.

Sechs Stunden Maloche am Stück, vier Schichten

Zeit in der Hängebahn bedeutet für die Kumpel automatisch: Pausenzeit. Die An- und Ausfahrt eines Bergmanns dauert jeweils rund eine Stunde. Dazwischen wird sechs Stunden lang durchmalocht. Heißt im Umkehrschluss: Es muss in vier Schichten gearbeitet werden, wenn man 24 Stunden am Stück Kohle fördern will. Und das will man. Noch. Bis zum 21. Dezember.

Unter Tage mit den letzten Bergleuten im Ruhrgebiet

Bergleute auf Prosper Haniel. Die letzte Zeche schließt am 21. Dezember. © picture alliance/dpa

Kurz darauf sind wir am Ziel. Die Luft ist feucht, die Temperatur liegt bei fast 30 Grad – gefühlt sind es 45. Und dann bekommen wir das Signal, dass wir den Streb samt Hobelbetrieb betreten dürfen. „Genießt es einfach“, sagt Christof Beike.

Hier weiß jeder, was er geleistet hat

Ich habe es genossen, doch rund 30 Minuten später reicht es mir. Die Hitze, dazu die Luftfeuchtigkeit, die Klamotten sind schwer, meine Schutzbrille dreckig und beschlagen. Dann geht es erneut los. Erst das Klackern der Förderkette. Dann das Grollen des Hobels. Als nächstes das Zischen der Sprinkleranlage, die den Kohlenstaub bändigen soll. Und dann die Druckwelle, die Luft, Wasser und Dreck in unsere Gesichter schleudert. Dann entfernt sich der Hobel wieder, der Lärm klingt ab. Zeit zu gehen.

Bei uns Journalisten ist das manchmal so eine Sache. Es gibt Tage, da sitzt man am Schreibtisch, steckt bei einer Recherche in der Sackgasse und geht im schlechtesten Fall abends nach Hause, ohne das Gefühl, etwas geschafft zu haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kumpel dieses Gefühl kennen. Am Ende des Tages weiß hier wohl jeder, was er geleistet hat.

„Mittlerweile ist irgendwie immer ein letztes Mal“

Auch für Christof Beike ist es heute ein Abschied. Vom Kohlehobel. Ende des Monats wird die Maschine abgestellt. Für immer. Beike hat sich damit abgefunden. „Erst wurde die letzte Strecke aufgefahren. Dann wurden nach und nach die Maschinen abgestellt – mittlerweile ist irgendwie immer ein letztes Mal“, sagt er.

Wir steigen wieder in die Dieselkatze. Unser Weg hinaus führt erneut vorbei an unzähligen Kumpeln. Und plötzlich muss ich an die frühen Bergleute denken. Die mit der Spitzhacke – stundenlang gebückt – und unter Einsatz ihres Lebens die Kohle aus dem Berg geholt haben. Ich frage mich, wie viele hunderttausend Kumpel es wohl waren. Und wie sähe unser Pott wohl aus, wenn es sie nicht gegeben hätte – die Arbeiter, die das Ruhrgebiet zu dem gemacht haben, was es heute ist?

Es ist heiß. Mir steht der Schweiß auf der Stirn. Und doch läuft es mir kalt den Rücken runter.

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Der Malakoffturm der Zeche Prosper Haniel grüßt über der Halde. © picture alliance / Roland Weihra

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