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Zurück in die 90er

Verrückte Boyband-Revue kommt nach Dortmund

DORTMUND Boybands – das ist das wohl schillerndste Musik-Phänomen der 90er-Jahre. Und das polarisierendste. Der eine steckt die Backstreet Boys und *NSYNC milde lächelnd in die Trash-Schublade, der andere singt voller Inbrunst alle Songs mit, kann selbst die Choreografien in- und auswendig. Thomas Hermanns Revue „Boybands Forever“ geht dem Phänomen auf den Grund, entfacht Nostalgie und macht einfach Spaß. Am 6. März ist sie im Konzerthaus Dortmund zu erleben.

Verrückte Boyband-Revue kommt nach Dortmund

Josh Randall ist „Sunshine John“, der Schwiegersohn-Typ, dem die Mütter vertrauen. Foto: Heick

Es gebe kein Boyband-Video, das in der Wüste spielt, sagt Thomas Hermanns (54), Gründer des Quatsch Comedy Clubs, kurz vor der Premiere seiner neuen Show – „die Jungs mussten immer ins Wasser“. Und jetzt tanzen sie da, die fünf oberkörperfreien Boys, die der Entertainer zusammengecastet hat; sie tanzen auf einer Bühne in München, unter einer Sprinkleranlage, leidenschaftlich am Rande der Ironie. Da bleibt kein Auge trocken. Das Publikum ist aus dem Häuschen. Es feiert mit den Boys zu den Songs, die die 90er geprägt haben. Zur Musik der Bands, die einst Kreischkonzerte, Zusammenbrüche und Kuscheltierbombardements verursachten.

Ohrwürmer gegen die kein Kraut gewachsen ist

Welche Band man liebte – das war eine schwerwiegende Entscheidung. „Ich war in den 90ern auf der Take That-Seite – obwohl ich damals eigentlich zu cool für Boybands war“, erinnert sich Thomas Hermanns, der bei „Boybands Forever“ gleichzieht Regisseur und Autor ist. „Ich alter New-Waver war erst mal so ein bisschen anti.“ Aber die Lieder und die Optik von Take That und Co., sie hätten ihn dann doch irgendwie gekriegt. Gegen diverse Ohrwürmer konnte er sich wie viele andere nicht wehren. Dass in den Liedern „wirklich gutes Songwriting“ drinsteckt, habe er allerdings erst später erkannt, sagt Hermanns. Vieles habe er erst begriffen, als er das Boyband-Phänomen für seine Show sezierte. Als er die Mechanismen der Musikbranche in den Blick nahm. Die Pläne von gewinnorientierten Managern. Den Druck, der auf den oft sehr jungen Stars lastete. Den Fankult.

Eine typische 90er-Jahre-Boyband, so hat es Hermanns herausgearbeitet, besteht aus fünf Charakteren. „Für jeden ist was dabei, fast wie bei einer Kollektion“, sagt der Entertainer und grinst breit. Seine Boyband hat der gebürtige Bochumer entsprechend besetzt. Als erstes ist da „Sunshine John“, der Schwiegersohn-Typ, dem Mütter ihre Teenie-Töchter bedenkenlos anvertrauen. Reales Beispiel: Justin Timberlake (*NSYNC). An seiner Seite: „Fitboy Rik“. Er tanzt perfekt, hat einen perfekt trainierten Körper, ist aber wie Kevin Richardson (Backstreet Boys) mehr Bruder als Verführer. Ganz anders ist „Bad Boy Lucian“. Er ist der, der den Rock ‘n‘ Roll verkörpert – so wie Robbie Williams (Take That). Der vierte Boyband-Typ, „Sweetheart Sascha“, ist „für den Zucker zuständig“, wie es Thomas Hermanns formuliert, und hat sehr weibliche Züge. Wie der junge Nick Carter (Backstreet Boys). Und dann ist da noch „der Fünfte“, an den sich niemand so richtig erinnern kann. Die Darsteller für seine Revue zu finden, sei gar nicht so einfach gewesen, sagt Thomas Hermanns: „Viele dachten beim Casting, es würde super simpel – und dann haben wir sie in eine *NSYNC-Choreografie reingeschubst. Da haben sie mit den Ohren geschlackert.“

Casting in London

Nach der Choreografie beim ersten Casting in London mit 150 Bewerbern war die Hälfte raus. „Um das Gesangstalent der Bewerber zu testen, gaben wir den Übriggebliebenen ‚Breathe Easy‘ von Blue mit diesen schweren hohen Noten“, erinnert sich Hermanns. Das zweite Sieb. „Und dann, das war das Gemeine, war natürlich noch die Optik wichtig. Der Bad Boy muss ja wie ein Bad Boy aussehen, er darf kein Kätzchen sein.“

Vor den fünf Darstellern, die am Ende übrig geblieben sind, hat Hermanns großen Respekt. „Der, der in den 90ern die beste Stimme einer Boyband hatte, musste nicht unbedingt perfekt tanzen können. Der beste Tänzer konnte auch mal ein bisschen ‚uh‘ und ‚ah‘ im Hintergrund machen – unser Cast hingegen muss alles hervorragend können.“

Verrückte Boyband-Revue kommt nach Dortmund

Für seine schillernde Boyband-Revue hat Thomas Hermanns fünf ganz unterschiedliche Charaktere gesucht – und gefunden. Die Darsteller kommen aus England und Amerika.

Bei den Castings ist der 54-Jährige auf ein Grundproblem der Boybands gestoßen: Sie werden unterschätzt. Unter der Optik, unter Latex und falschem Pelz – „all den schrecklichen Sachen, die die Jungs damals anhatten“ – sehe man zu selten die Qualität der Songs und Choreografien. Jeder, der einen erfolgreichen Popsong in Boyband-Manier schreiben wolle, denke, das sei ganz einfach, sagt Hermanns – „aber das ist es nicht“. „Breathe Easy“ zum Beispiel könne sich mit jedem Queen-Song messen. Als Choreograf hat Hermanns Marvin A. Smith gewonnen, der schon mit Michael Jackson und Helene Fischer zusammengearbeitet hat. „Der optisch nette Flausch, das Schillern der Boybands in den 90er-Jahren war untermauert mit unglaublicher Show.“ Das, was damals auf der Bühne geschah, sei „tanzvirtuos wie bei Fred Astaire oder Beyoncé“ gewesen. Eine Herausforderung für den 54-Jährigen: Respekt und Ironie zusammenzubringen: „Ich liebe das Zeug, man braucht Boyband-Songs wie ‚Back for good‘ bei Liebeskummer – aber man darf auch über den Trash des Sujets lachen.“

Die Form der Revue samt Moderator helfe, die Balance zu finden. Er kommentiert und ordnet ein, spinnt auf sehr humorvolle Art und Weise einen roten Faden. Die Boys singen und performen die Hits der 90er, er benennt zwischendrin Erfolgsgeheimnisse, erinnert an Hoch- und Tiefpunkte, an Skandale.

„Die Hits tauchen immer wieder auf“

Warum Thomas Hermanns sich den Boybands gewidmet hat? „Ich finde es immer spannend zu schauen, warum Populäres Erfolg hat“, sagt er. „Die Hits tauchen ja immer wieder auf. In jeder Karaoke-Bar stehen nach zehn Minuten drei Jungs auf der Bühne und singen ‚Everybody‘ von den Backstreet Boys.“ Zudem sind 90er-Partys der Renner. Wonach sich mancher zurücksehnt: „Das Popgefühl der 90er war naiv, aber vor allem sehr optimistisch“, sagt Hermanns. „Heute, nach den Terroranschlägen des 11. Septembers in den USA, ist die Popmusik dunkler.“ Moderne Kombos wie „One Direction“ wollen ernst sein, trüben das Konzept der Boybands ein, um nicht unter Optimismus-Verdacht zu geraten.

Thomas Hermanns hat für seine Revue viel recherchiert, hat Musikvideos studiert, mit Stars gesprochen. Zur Premiere lud er „Caught in the Act“ ein, die den Darstellern auch von früher erzählten. „Es fühlt sich an wie gestern, auch wenn es über 20 Jahre her ist“, sagt Sänger Bastiaan Ragas. „Wir nehmen uns heute selbst nicht mehr so ernst – was in den 90ern natürlich anders war.“ Es sei krass, wenn man in ein Boyband-Leben hinein katapultiert werde. „Es ist eine Achterbahnfahrt, die du als junger Mann kaum fassen kannst. Überall sind Fans. Überall sind kreischende Leute. Auch vor deiner Haustür. Man hat plötzlich viel Geld. Und man ist plötzlich ein Marketing-Produkt.“

Hermanns Boys indes genießen den Trubel. Sie leben die Musik der Boybands, versetzen das Publikum mit vollem Körpereinsatz und großen Gesten in die Vergangenheit zurück. Und: Auch wenn man Boybands belächelt, kann man Spaß bei der Revue haben. Weil da das Augenzwinkern ist. Weil man den ironischen Abstand nehmen oder sich voll und ganz in die Nostalgie stürzen kann – jeder nach seiner Façon.

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