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Vieles bleibt nach Amokfahrt in Münster noch ungeklärt

Todesfahrt in Münster: Was wir wissen - und was nicht

Für die Ermittler ist es ein Puzzlespiel. Sie müssen nach der Amokfahrt Stück für Stück rekonstruieren, was einen 48-Jährigen dazu gebracht hat, mit seinem Kleinbus in Münster in eine Menschenmenge zu rasen. Auch die Behörden durchforsten ihre Akten, denn vieles ist unklar. Was wir wissen - und was nicht.

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MÜNSTER

, 10.04.2018
Vieles bleibt nach Amokfahrt in Münster noch ungeklärt

Bei der Amokfahrt in Münster hatte ein 48-Jähriger zwei Menschen mit in den Tod gerissen. © picture alliance / Ina Fassbende

Was wir wissen

Die Opfer: Bei der Amokfahrt starben drei Menschen, darunter auch der mutmaßliche Täter. Bei den beiden Todesopfern handelt es sich um eine 51-jährige Frau aus dem Kreis Lüneburg (Niedersachsen) und einen 65-jährigen Mann aus dem Kreis Borken. In Kliniken in Münster und in der Region gab es außerdem mehrere Notoperationen. Nach Angaben des Ordnungsamtes wurden mehr als 20 Patienten in acht Krankenhäusern in Münster und der Region behandelt. Mindestens fünf von ihnen schwebten am Dienstag weiter in Lebensgefahr.

Der Täter: Am Steuer des Wagens saß Jens R., ein 48 Jahre alter Mann aus Münster, der im sauerländischen Brilon aufgewachsen ist. Der früher erfolgreiche Industriedesigner lebte seit mehreren Jahren in Münster, er hat auch zwei Wohnungen in Sachsen. Jens R. war ledig und hatte keine Kinder.

Weitere Verdächtige: Die Ermittler schließen aus, dass es Mittäter gegeben haben könnte.

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Die Behörden: Nach Angaben des Oberbürgermeisters von Münster, Markus Lewe, hat der sozialpsychiatrische Dienst den späteren Amokfahrer Jens R. zwar gekannt, es gab allerdings zwischen 2015 und 2016 nur „sporadische Kontakte“. Erst Ende März erschien der 48-Jährige demnach unangemeldet wieder auf dem Amt und legte ein umfangreiches selbst verfasstes Schreiben vor. „Im Gespräch und aus dem Inhalt des Schreibens ergaben sich keinerlei Hinweise auf eine unmittelbar drohende Suizidgefahr oder Fremdgefährdung“, sagt Lewe weiter. Eine E-Mail, die Jens R. Ende März an einen größeren Bekanntenkreis geschrieben und in der er seinen Zustand beschrieben hatte, hat den Behörden laut Lewe nicht vorgelegen.

Hintergrund: Nach Überzeugung des NRW-Innenministeriums und der Oberstaatsanwaltschaft hat die Tat keinen terroristischen oder islamistischen Hintergrund. Nach dpa-Informationen war der Täter womöglich psychisch labil. Die Ermittler gehen davon aus, „dass die Motive und Ursachen in dem Täter selber liegen“. Was genau sie damit meinen, sagen sie nicht.

Suizid: Münsters Oberstaatsanwaltschaft ist nach eigener Aussage sicher, dass der 48-Jährige in Suizidabsicht handelte. Er sieht dies neben den Schreiben R.‘s auch bewiesen durch mehrere in seiner Wohnung gefundene Behälter mit Benzin und anderen Flüssigkeiten sowie durch über seinen Balken gelegtes Hanfseil mit Henkersknoten. „Das Seil ist ein eindeutiger Hinweis“, sagt Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt. Jens R. hatte sich unmittelbar nach der Tat erschossen.

Polizeibekannt: Jens R. war der Polizei wegen mehrerer kleiner Delikte bekannt. Es habe drei Verfahren in Münster gegeben und zwei in Arnsberg aus den Jahren 2014 bis 2016, sagte die Leitende Oberstaatsanwältin von Münster, Elke Adomeit. „Die Verfahren der Staatsanwaltschaft Arnsberg betrafen jeweils Auseinandersetzungen im familiären Bereich“, sagte sie. Die Verfahren in Münster behandelten die Aspekte Bedrohung, Sachbeschädigung, eine Verkehrsunfallflucht und Betrug. Sämtliche Verfahren seien mangels hinreichenden Tatverdachts eingestellt worden.

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Psyche: Die Behörden, die Polizei und das Innenministerium sind überzeugt davon, dass Jens R. unter einer zumindest zeitweisen „psychischen Labilität“ litt. Sein Vater spricht von „einer Krankheit, die ihn in zwei Welten hat leben lassen“. R. hat sich unter anderem auch mit einem umfassenden Schreiben an die Gesundheitsbehörde gewandt. Anhaltspunkte für ein aggressives Verhalten anderen Menschen gegenüber hatten die Behörden nach eigenen Angaben nicht.

Tatwaffe: Der Fahrer des Autos hat sich nach Angaben der Ermittler nach der Tat in seinem Wagen mit einer Waffe erschossen, die er illegal erhalten haben muss. „Er hatte keinen Waffenschein. Es war keine ordnungsgemäß erworbene Waffe“, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU).

Was wir nicht wissen

Der Tatort: Unklar ist, warum Jens R. seinen Wagen ausgerechnet vor zwei Traditionsgaststätten am „Kiepenkerl“ in die Menschenmenge steuerte. „Wir sind einigen Hinweisen dazu nachgegangen, konnten aber bislang keine Beziehung des Täters zum Tatort herstellen“, sagt der Leiter der Ermittlungskommission, Kriminalhauptkommissar Joachim Poll.

Tatwaffe: Nicht sicher ist zudem, woher Jens R. die Waffe hatte, mit der er sich erschoss. Es dürfte aber nach Informationen aus Ermittlerkreisen auch kein juristisches Nachspiel geben, weil der Amokfahrer die Waffe nur gegen sich gerichtet hat.

Motiv: Die wohl meistgestellte Frage ist auch Tage nach der Amokfahrt: Was trieb den Täter an? Die Ermittler gehen zwar von einem Selbstmord aus und von psychischen Problemen. Warum genau Jens R. letztlich aber beschlossen haben könnte, seinen Tod mit einer solchen Tat zu verbinden, bleibt ein Rätsel.

dpa

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