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Nur eine Drogentherapie bewahrt Vredener vor dem Knast

Familienfehde erneut vor Gericht

Wieder hat die Fehde zwischen zwei Familien in Vreden das Amtsgericht Ahaus beschäftigt. Diesmal saß das Opfer der letzten Verhandlung auf der Anklagebank. Kleinlaut gab er sich deswegen aber nicht.

Vreden

, 10.04.2018
Nur eine Drogentherapie bewahrt Vredener vor dem Knast

© picture alliance / Franziska Kra

Als er das letzte Mal einen Gerichtssaal am Amtsgericht Ahaus betreten hatte, war er noch das Opfer. Am Montag wurde der 26-jährige Vredener von der Polizei in Handschellen vorgeführt und musste auf der Anklagebank Platz nehmen. „Bin ich etwa der Angeklagte? Warum bin ich der Angeklagte?“, fragte er sichtlich übermüdet und verwirrt. „Das werden Sie gleich sehen“, entgegnete die Richterin und ließ die Anklage vorlesen. Insgesamt zehn Taten, gebündelt in fünf Anklagen, warf die Staatsanwaltschaft ihm vor. Darunter Bedrohung, Beleidigung, Körperverletzung, Nötigung, Sachbeschädigung.

Schlägerei auf der Vredener Kirmes

Fast alle diese Taten sind auf eine lange Familienfehde zurückzuführen. Erst Anfang Februar wurden am Amtsgericht drei Brüder wegen einer Schlägerei auf der Vredener Kirmes verurteilt. Das Opfer damals: der jetzige Angeklagte. Familienmitglieder der damaligen Täter sagten in diesem Prozess gegen das damalige Opfer aus.

Mit einer Stunde Verspätung konnte die Verhandlung überhaupt erst beginnen. Der Angeklagte war zum geplanten Zeitpunkt nicht entschieden und musste von der Polizei abgeholt werden. Nach der Anklageverlesung – während der er demonstrativ laut gähnte – zeigte der 26-Jährige sich zunächst geständig. Als erstes ging es um den Vorwurf der Sachbeschädigung. Der Vredener soll einen Werbe-Anhänger mit Benzin übergossen und angezündet haben. „Ich hatte Streit mit der Firma und eigentlich wollte ich das Schild an der Fassade anzünden“, sagte der Angeklagte. Aber es war der Anhänger, der dicht neben dem Gebäude stand, der Feuer fing.

„Ich bringe euch um, ich verbrenne euch!“

Feuer spielte auch bei einigen anderen Vorwürfen eine Rolle. Unter anderem soll der Angeklagte Mitglieder der verfeindeten Familie vor einem Kiosk in Vreden aus einem Auto heraus bedroht haben. „Er hat mit der Hand eine Pistole geformt und auf uns gehalten und mit einem Feuerzeug gespielt“, sagte ein Zeuge aus. Er habe das als Drohung verstanden: „Ich bringe euch um, ich verbrenne euch.“ Diese Sätze soll der 26-Jährige auch in anderen Zusammenhängen geäußert haben: als Sprachnachricht an einen ehemaligen Freund, während einer Schlägerei mit einem Kumpel, gegenüber seiner eigenen Familie nach einem Streit.

Für die Richterin war die Verhandlung eine Herausforderung. Die beiden Familien haben schon so lange Probleme, dass die Zeugen immer wieder Situationen schilderten, die mit den angeklagten Straftaten nichts zu tun hatten. Als die Mitglieder der verfeindeten Familie aussagten, sagte der Angeklagte: „Die haben mich doch abgestochen.“ Der Zeuge erwiderte: „Dafür gab es schon die Strafe.“ Der Angeklagte setzte sich auf, seine Stimme wurde lauter, er wetterte gegen das deutsche Rechtssystem. Die Justizbeamten machten sich bereit. Doch die Richterin unterbrach den Angeklagten direkt: „Sie sind jetzt nicht dran.“

Die eigene Schwester geschlagen und gewürgt

Der schwerste Vorwurf in dieser Verhandlung aber hatte mit der Familienfehde nichts zu tun. Der Angeklagte soll seine eigene Schwester bespuckt, geschlagen und gewürgt haben. Der 24-Jährigen fiel die Aussage sichtlich schwer. „Es ist alles nicht richtig, was er gerade tut, aber er ist mein Bruder und es ist nicht einfach, gegen ihn auszusagen.“ Doch ihr war auch klar: So kann es nicht weitergehen. Es ging um einen Abend im Ramadan. Es kam zum Streit zwischen den Geschwistern. „Er hat mich mit der Faust ins Gesicht geschlagen und total erniedrigt“, sagte die Schwester. Schließlich habe sie auf dem Boden gelegen, der Bruder über ihr. „Er hat mich gewürgt.“ Die Polizei machte später Fotos von den Würgemalen. Der jüngere Bruder sei schließlich dazwischen gegangen. Unter Tränen sagte die Vredenerin: „Vor zwei Jahren konnte ich ihn einschätzen. Die Person, die jetzt hier sitzt, kenne ich nicht. Ich kann nicht sagen, wie weit er gegangen wäre.“

Eltern nehmen Angeklagten in Schutz

Der Angeklagte hingegen sagte, er habe seine Schwester lediglich geschubst. Auch die Eltern nahmen ihn in Schutz. Die Mutter meinte: „Das war ein normaler Streit unter Geschwistern. Er hat sie nicht gewürgt.“ Der Vater sagte sogar zu dem Vorwurf, der Angeklagte habe ihn geschlagen, dass er gegen ein Fenster gestolpert sei. „Die Verletzung kommt nicht von meinem Sohn.“ Aber auch die Eltern mussten eingestehen, dass ihr Sohn ein Alkohol- und Drogenproblem hat. Sie baten die Richterin darum, dem 26-Jährigen eine Therapie aufzuerlegen.

Führerschein aus Polen vorgelegt

Weil er unter Drogeneinfluss Auto gefahren war, wurde dem Angeklagten der Führerschein entzogen. Trotzdem will ein Zeuge ihn danach noch am Steuer eines Autos gesehen haben. „Ich bin nicht gefahren“, sagte der Angeklagte jedoch mehrmals. Wa-rum er neben der geöffneten Autotür stand und die Motorhaube warm war, als die Polizei eintraf, konnte er nicht erklären. Inzwischen habe er sowieso einen neuen Führerschein – aus Polen. „Ich bezweifle, dass der gültig ist. Dafür hätten Sie nämlich ein Wohnsitz in Polen haben müssen“, sagte die Richterin. „183 Tage war ich da“, so der Angeklagte. Ein Blick in die Akte reichte der Richterin jedoch, um zu sehen, dass zwischen den Polizeieinsätzen bei dem Angeklagten nie eine so lange Zeitspanne lag.

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Nach sechseinhalb Stunden Verhandlung schloss die Richterin die Beweisaufnahme und wandte sich an den Angeklagten: „Sind Sie mit einer stationären Drogen- und Alkoholtherapie einverstanden?“ Wenn nicht, müsse sie über eine Freiheitsstrafe nachdenken. Doch davon wollte der 26-Jährige nichts hören. „Dann geben Sie mir doch eine Freiheitsstrafe“, sagte er aufgebracht. Nach Rücksprache mit seiner Verteidigerin versuchte er schließlich zu verhandeln: Er wolle die Therapie machen, aber nur, wenn er seinen Führerschein behalten darf. Darauf ließ sich die Richterin nicht ein. Sie verurteilte den Angeklagten zu eineinhalb Jahren Freiheitsstrafe mit einer Bewährungszeit von drei Jahren. Er muss eine Drogen- und Alkoholtherapie machen, sein Führerschein – falls er denn überhaupt gültig ist – wird ihm entzogen, er darf neun Monate lang keinen neuen machen und muss 200 Sozialstunden ableisten.