Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Webschütz erinnert an viele Vredener Arbeitsplätze

Ein Denkmal für die Textilindustrie

Die Vredener rätseln, was sich unter der Verpackung auf dem Kreisverkehr an der Stadtlohner Straße verbirgt. Hinweis: Es hat mit Industriegeschichte zu tun.

Vreden

23.03.2018
Webschütz erinnert an viele Vredener Arbeitsplätze

Noch ist es verhüllt, das Denkmal. Der Webschütz, ein Kunstwerk von Ferdi Schreiber, wird am Sonntag feierlich enthüllt, Interessierte sind dazu eingeladen. © Markus Gehring

Erst war die Idee, dann kam dank vieler Beteiligter die Umsetzung und nun steht die feierliche Enthüllung bevor: Am Sonntag soll in Vreden ein ganz besonderes Denkmal für die ehemalige Vredener Textilindustrie an die Öffentlichkeit übergeben werden. Ein 3,50 Meter hoher, aufrechtstehender Webschütze auf einem Kreisverkehr – diese Idee hatte Ferdi Schreiber, Künstler und ehemalige Kunstpädagoge am Vredener Gymnasium Georgianum. Was ist ein Webschütze? Umgangssprachlich, so erläutert Carl Gerd Hecking, werde das Weberschiffchen so genannt. Im Webstuhl fliegt das Schiffchen von einer Webkante zur anderen hin und her. „Es ist das Symbol der Arbeit und des Fleißes der Weber“, so der ehemalige Textilfabrikant aus Vreden.

Infos an Stele mit QR-Code.

Seit 2010 wurde über die Umsetzung dieser Idee in den kommunalpolitischen Gremien der Stadt beraten, und nun ist es Wirklichkeit geworden. Am Sonntag, 25. März, zum Vredener Heimattag, soll das Denkmal um 11 Uhr enthüllt und der Öffentlichkeit übergeben werden. Auf dem benachbarten Bürgersteig befindet sich eine Stele mit einem QR-Code. Dort ist die Geschichte des Webens in Vreden dann elektronisch abrufbar. Was verbindet Vreden mit der Weberei? Viel, wie Carl Gerd Hecking zusammengefasst hat. Gewebt wird in Vreden seit dem Mittelalter. Erstmals ist am 10. Oktober 1507 von einer Webergilde die Rede. 1715 waren 115 Webmeister und 1812 gar 200 Leinenweber verzeichnet. Die Gilden endeten 1812 mit Napoleon. Von da an beschäftigten Verleger die Weber. Die Verleger kauften die Garne und verkauften die fertigen Gewebe. 1830 bis 1840 beschäftigen die Verleger Terkuile & Petersohn 376 und H. Terhalle 236 Hausweber. Das endete mit dem Stadtbrand von 1857.

Die Textilindustrie kam nach Vreden, als 1876 H. und J. Huesker aus Gescher an der Ottensteiner Straße eine mechanische Weberei eröffneten. Mechanische Weberei heißt dabei, dass die Webstühle von einer Dampfmaschine angetrieben wurden. 1910 folgten Cohausz und Botschen an der Alstätter Straße (ab 1956 Hecking Werk II, dort wo heute Stadtvillen stehen) und 1911 Carl Hecking Vreden (CHV) Up de Hacke.

Bedeutende Arbeitgeber

Huesker und Carl Hecking hatten 1959 insgesamt 891 Mitarbeiter oder 65 Prozent aller Industriebeschäftigten auf ihren Lohnlisten, 1962 waren es in der Spitze zwar 1065 Mitarbeiter und aber nur noch 57 Prozent und 1976 mit 702 Mitarbeiter gar nur 30 Prozent aller Beschäftigten. Um 1990 / 1995 klapperten die letzten Webstühle in Vreden. Die Weltwirtschaft forderte in Deutschland ihren Tribut.

Was blieb dann noch? Im Gebäude der ehemaligen Spinnerei von Huesker an der Ottensteiner Straße unterhält heute die bedeutende Textilfirma Bierbaum aus Borken ein Lager für ihre Textilien. Aus dem Bettwäscheprogramm der seit 1994 ehemaligen Firma Carl Hecking Vreden (CHV) ging die Firma Janine Design hervor. Sie entwickelt und verkauft mit Erfolg Bettwäsche auf gehobenem Preisniveau. Die Textilherstellung ist zu den Verlegern zurückgekehrt.

Vreden hat heute eine sehr vielfältige Industriestruktur. Der Wandel von der Textilindustrie zu den Nachfolgeindustrien gelang in Vreden ziemlich geräuschlos. Teilweise sind die Nachfolger aus den Zulieferindustrien der Textilindustrie hervor gegangen. Die Lederfabrik Reerink stellte anfangs Treibriemen für die Transmissionsantriebe der Webereien her, später technische Leder.

Webschütz erinnert an viele Vredener Arbeitsplätze

Weber Hugo Terhörst an einem Jacquard-Schützenwebstuhl zum Weben von Brokatdamast um 1980. In der Hand hält er einen Webschützen. © Archiv Carl-Gerd Hecking

Als das Geschäft kleiner wurde übernahm 1952 die neu gegründete Papierfabrik einen Teil der Gebäude, das Kesselhaus mit Dampfmaschine und den Generator zur Stromerzeugung zur Herstellung von Wellenstoff für die Wellpappenindustrie. Die Pickerfabrik Westfalia, anfangs am Butenwall zwischen Berkel und Stadtgraben, produzierte aus Lederhäuten die Picker, die den Webschützen im Webstuhl hin und her schlugen. Die wurden schon ab Ende der 1950er-Jahre aus Kunststoff gemacht. Ein neuer Name entstand: „Wefapress“. Das war Ausgangspunkt der vielfältigen Vredener Kunststoffindustrie.

Für die Errichtung des Denkmals gab es viel Unterstützung durch Unternehmen und örtlichen Stiftungen.

Zur festlichen Enthüllung ist am Sonntag jeder Interessierte eingeladen, besonders all diejenigen, die mal in der Textilindustrie arbeiteten: die Spinnerinnen, Spulerinnen, Zettlerinnen, die Weber, de Piepenopstoppers (plattdeusch für Copseinleger), Andräiers (plattdeutsch für Kettenandreher), Webmeister, Näherinnen und Mitarbeiter der Lager, der Werkstätten, der Büros in den ehemaligen Betrieben. Die Veranstaltung findet statt auf dem Parkplatz und in der Eingangshalle des ehemaligen Baywa-Gebäudes am Kreisverkehr Up de Hacke/Stadtlohner Straße. Die Stadt Vreden stellt einen Bierwagen auf und lädt alle Besucher ein zu einem Umtrunk und geselligem Zusammensein. Musiker sorgen dazu für Unterhaltung.
Lesen Sie jetzt