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Attackierter Bürgermeister: „Jetzt sterben oder eingreifen“

Bürgermeister von Altena sagt nach Messerangriff aus

Dieser Tag war mit Spannung erwartet worden. Sechs Monate nach der Messerattacke auf den Bürgermeister von Altena traf der Politiker erstmals wieder auf den Täter. Vergeben will er nicht.

HAGEN/ALTENA

, 01.06.2018
Attackierter Bürgermeister: „Jetzt sterben oder eingreifen“

Andreas Hollstein (r.) musste am Freitag vor Gericht aussagen.

Es war gegen neun Uhr, als Bürgermeister Andreas Hollstein am Freitag mit seiner Familie das Hagener Landgericht betrat. Er wirkte konzentriert, sprach im Zeugenstand später mit ruhiger Stimme. „Ich bin glücklich, dass ich überlebt habe“, sagte der 55-Jährige den Richtern. Die Tat beschäftigte ihn bis heute.

Es war der 27. November 2017 als er nach der Arbeit noch einen Abstecher zu einem Döner-Imbiss machte. Kaum hatte er seine Bestellung aufgegeben, sei auch schon der Angeklagte hereingekommen. „Er hat ein paar Mal auffällig zu mir rübergeguckt“, so Hollstein im Zeugenstand. Danach sei dann alles ganz schnell gegangen.

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„Er hat in seine Tasche gegriffen, ein Messer herausgeholt und es mir an den Hals gehalten“, sagte der Politiker den Richtern. „Dabei hat er gerufen: Ich steche dich ab. Du lässt mich verdursten, aber holst 200 Ausländer in die Stadt.“ Gemeinsam mit dem Imbiss-Betreiber habe er zunächst versucht, beruhigend auf den Mann einzuwirken. Doch das habe nichts genutzt.

Wengen der großen Aggressivität des Angeklagten habe er sich schließlich aus Verzweiflung zur Gegenwehr entschlossen. „Ich habe gedacht, entweder jetzt sterben oder eingreifen“. Dazu habe er blitzschnell den Arm des Mannes gepackt, sei aber auf große Gegenwehr gestoßen. Der Kampf habe nach seiner Schätzung knapp eine Minute gedauert. Erst mit Hilfe der Imbiss-Betreiber habe der Angreifer schließlich fixiert werden können.

Hollstein: „Die Polizei hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich blute“

Dass Hollstein bei der Tat verletzt worden ist, hat er zunächst gar nicht bemerkt. „Die Polizei hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich blute“, sagte er den Richtern. Die Verletzung sei aber nur oberflächlich gewesen.

Die Tat beschäftigt den Politiker bis heute. „Ich habe erst gedacht, dass ich darüber hinwegkomme“, so der 55-Jährige. Dann habe er aber doch professionelle Hilfe in Anspruch genommen – unter anderem von Notfallseelsorgern. Außerdem erlitt er in der Folgezeit zwei Hörstürze, die er direkt mit der Tat in Verbindung bringt.

Der Angeklagte hatte sich am zweiten Verhandlungstag persönlich an den Bürgermeister gewandt. „Ich möchte mich gerne bei ihnen entschuldigen“, sagte er. „Ich habe das aus Verzweiflung getan – und ich hoffe, dass sie ihr Amt weiter ausüben können.“

Holstein hat kein Verständnis für das Motiv der Tat

Hollstein nahm die Entschuldigung entgegen: „Ich verspüre keinen Hass“, sagte er. „Für das Leid, das sie mir und meiner Familie angetan haben, kann ich ihnen aber nicht vergeben.“

Der Angeklagte hatte den Messerangriff bereits zum Prozessauftakt über seinen Verteidiger gestanden, fremdenfeindliche Motive dabei aber bestritten. Er habe auch keine Tötungsabsicht gehabt, sondern sich nach persönlichen Schwierigkeiten einfach in einer ausweglosen Situation befunden. Weil ihm sogar schon das Wasser abgestellt worden war, habe er sich Wasser vom Friedhof besorgt.

Auch dafür hatte Hollstein kein Verständnis: „Wir leben in einem Staat, in dem Menschen geholfen wird.“

Die Stadt Altena zählt zu den Kommunen, die mehr Flüchtlinge aufgenommen hat, als sie hätte aufnehmen müssen. Die Anklage lautet auf Mordversuch.

dpa

Hartwich