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„Astro-Alex“ bereit für zweite ISS-Mission

Zum zweiten Mal fliegt der Astronaut Alexander Gerst ins All. Als erster Deutscher darf er sogar das Kommando auf der Raumstation ISS übernehmen. Eigens für ihn ist eine deutsche Raumfahrtlegende in die kasachische Steppe gereist.

von Von Thomas Körbel, dpa

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Baikonur

, 05.06.2018
„Astro-Alex“ bereit für zweite ISS-Mission

Alexander Gerst vor seinem Abschlusstraining. „Jeder, der schon einmal im Weltall war, will noch einmal dorthin“, sagte Gerst Mitte Februar bei einer PK im Quartier der Nasa. Foto: Pavel Golovkin/AP

Die Vorfreude auf seinen zweiten Flug zur Internationalen Raumstation (ISS) ist dem deutschen Astronauten Alexander Gerst anzumerken. Stolz posiert er auf dem russischen Weltraumbahnhof Baikonur vor der Sojus-Rakete, die ihn am Mittwoch ins All bringen soll.

Auf einem der Fotos, die er als „Astro_Alex“ bei Twitter veröffentlicht hat, tätschelt Gerst seine Rakete wie ein Jockey sein Pferd. Der Unterschied ist, dass es mehr als 20 Millionen Pferdestärken sind, die ihn in den Himmel katapultieren werden.

Gerst ist abgeklärt. „Captain Future“ wird er in den Medien wegen seines Abenteurer- und Entdeckertums genannt, eine Referenz an den Helden aus der gleichnamigen TV-Zeichentrickserie. „Ich weiß, was auf mich wartet. Ich weiß schon, wie es sich anfühlt, da zu schlafen, zu essen, zur Toilette zu gehen“, sagt der 42-jährige Geophysiker aus Baden-Württemberg. „Wenn man zum zweiten Mal in sein Raumschiff steigt, dann fühlt es sich schon ein wenig an wie zu Hause.“

Nur vier Jahre nach seinem ersten Aufenthalt auf der Raumstation fliegt Gerst am Mittwoch wieder zur ISS. 2014 war er mit der Mission „Blue Dot“ gut ein halbes Jahr im Kosmos. Für seine neue Mission „Horizons“ (Horizonte) soll er wieder gut sechs Monate in der Schwerelosigkeit leben und forschen - auf dem Außenposten der Menschheit, der 400 Kilometer über der Erde seine Bahnen zieht.

Gut zweieinhalb Jahre haben Gerst und seine Kollegen, der russische Kampfpilot Sergej Prokopjew (43) und die US-Ärztin Serena Auñón-Chancellor (42), für die Reise ins All trainiert. Die letzten Tage vor dem Start sind dabei noch einmal körperlich fordernd.

Da wäre der Drehstuhl: Zehn Minuten am Tag wird Gerst auf dem Stuhl im Kreis gedreht, mal aufrecht sitzend, dann wieder leicht nach vorn gebeugt bis kurz vor der Übelkeit. Nachts schläft er mit hochgelegten Füßen, denn sein Bett steht am Fußende auf Holzklötzen. Zudem werden er und seine Kollegen 30 Minuten am Tag auf eine Liege geschnallt, auf der sie im steilen Winkel mit Kopf nach unten ausharren müssen.

„Komme mir vor wie eine Fledermaus“, schreibt Gerst. Mit den Übungen soll sich der Körper fit machen für die Schwerelosigkeit. Zwei Wochen lang geht das so. „Ein großer Spaß“, kommentiert er.

Das Gefühl beim Start beschreibt Gerst als „absolut großartig“. Doch man könne es nicht komplett genießen. „Es ist ja nicht so, dass wir in einem gemütlichen Sessel sitzen und uns fliegen lassen“, erklärte er bei einem Training im Frühjahr in Moskau. Beim Start müssten laufend Systeme überprüft werden. „Man verwendet 90 Prozent seiner geistigen Kapazitäten auf die Operationen, und die restlichen 10 gönnt man sich, um aus dem Fenster zu schauen.“

Vom Flug 2014 habe er daher viele Details vergessen, gesteht Gerst. „Ich bin gespannt, ob ich es bei diesem Start hinkriege, ein bisschen mehr von meiner Umwelt mitzubekommen, weil es nicht mehr so neu ist.“

Gersts zweite Mission fällt in ein Jubiläumsjahr. Vor 40 Jahren flog der DDR-Kampfpilot Sigmund Jähn als erster Deutscher in den Kosmos. Der heute 81-Jährige startete im August 1978 mit einer Sojus, einem Vorvorgänger der aktuellen Version, und verbrachte fast acht Tage auf der sowjetischen Raumstation Saljut-6, einem Vorvorgänger der ISS.

Inzwischen ist Gerst der elfte deutsche Raumfahrer. Auf der ISS waren zwei Deutsche vor ihm, und auch er selbst war ja schon da. Dennoch wird seine zweite Reise etwas Besonderes, denn Gerst darf als erster Deutscher ab Oktober für etwa drei Monate das Kommando auf der Raumstation übernehmen. Dies ist ein Privileg, das gewöhnlich die USA und Russland als Hauptgeldgeber für das Milliardenprojekt ISS beanspruchen, das im Herbst seinen 20. Geburtstag feiert.

„Das wird sicher was, er ist ja ein guter Mann“, sagt Jähn über Gersts Mission als Kommandant. Die beiden sind befreundet, Jähn ist eigens für den Start in die knackige Hitze der kasachischen Steppe gereist. Der Raumfahrtveteran wirkt glücklich im Schatten der Sojus-Rakete und drückt Gerst fest die Daumen. Eine persönliche Führung über die historische Plattform hat Jähn bekommen, von der er damals selbst gestartet und von der 1961 Juri Gagarin als erster Mensch in den Kosmos aufgebrochen war.

Umweht von einer deutschen Fahne steht die Rakete in der kasachischen Steppe. Gerst und seine Crew waren beim Aufstellen ihres Gefährts nicht dabei. Sie haben die letzten irdischen Tage in Quarantäne mit ihren Übungen verbracht. Doch ihre Taschen sind gepackt. Für die Zeit im Raumschiff hat sich Gerst auch eine Playlist zusammengestellt. Ganz oben auf der Liste: die Musik von „Captain Future“.