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"Wir als kleine Arbeiter müsssen den Kopf herhalten"

OSNABRÜCK Mit hängenden Köpfen und betretenen Mienen verlässt die Frühschicht des Osnabrücker Autobauers Karmann das Werk.

"Wir als kleine Arbeiter müsssen den Kopf herhalten"

Ein Karmann-Betriebsangehöriger passiert die Eingangsschranken vor dem Haupttor des Autoherstellers in Osnabrück.

In einer Betriebsversammlung hat ihnen Firmenchef Peter Harbig soeben mitgeteilt, dass ihr Unternehmen bis zum Herbst 2008 an den Standorten Osnabrück und Rheine 1770 Arbeitsplätze abbauen und damit jede dritte der dortigen 5000 Stellen kürzen will. „Wir als kleine Arbeiter müssen den Kopf herhalten“, sagt Karmann-Arbeiter Ronald Höpner (41). „Diese Firmenpolitik werde ich nie verstehen“.

"Kein Auftrag für Zulieferer"

Die Firmenpolitik ist in Wirklichkeit gar keine Politik, sondern pure Abhängigkeit. „Seit fünf Jahren hat kein Autohersteller mehr einen Auftrag an einen Zulieferer vergeben“, beschreibt Peter Harbig die Situation in der Branche. Karmann hatte 2004 noch mehr als 93.000 Komplettfahrzeuge ausgeliefert. Ende dieses Jahres wird es gerade mal ein Drittel sein. Kapazitäts- und Personalüberhänge gepaart mit erzwungenen Beschäftigungsgarantien bei den Markenherstellern lassen keinen Spielraum mehr für die Auftragsvergabe an Dritte wie Karmann.

Kein Wunder, dass Belegschaft, Gewerkschaften und sogar unabhängige Experten wie der Gelsenkirchener Automobil- Wissenschaftler Ferdinand Dudenhöffer nach der helfenden Hand der Politik rufen. Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) solle seinen Einfluss bei VW geltend machen, um den Osnabrückern einen Auftrag des langjährigen Partners aus Wolfsburg zuzuschanzen. Ein neues Kleinwagen-Cabrio auf VW-Polo-Basis, soeben auf der IAA in Frankfurt vorgestellt, könnten sich beide Seiten vorstellen.

Meinungsverschiedenheiten im VW-Aufsichtsrat

Darüber sei noch nicht entschieden, heißt es bei VW offiziell. Im VW-Aufsichtsrat gab es aber angeblich Meinungsverschiedenheiten zwischen VW-Chef Martin Winterkorn und dem Vorstandsvorsitzenden des Mehrheitsaktionärs Porsche, Wendelin Wiedeking, über die mögliche Vergabe eines Auftrags an Karmann. Winterkorn sei dafür, Wiedeking dagegen gewesen, hieß es in Branchenkreisen.

Bis ins Jahr 1948, als beide Unternehmen gemeinsam die Cabrioversion des VW Käfer entwarfen, geht die Zusammenarbeit zurück. Wenige Jahre später folgte der legendäre Karmann Ghia, der über VW vertrieben wurde. Das Golf Cabriolet, seit 1978 in Osnabrück gebaut, war mit 388.000 Fahrzeugen das meistverkaufte Cabrio der Welt. Danach brach die jahrzehntelange Zusammenarbeit ab. Lediglich der Audi A4 Cabrio wird jetzt noch aus dem Volkswagen-Konzern bei Karmann gebaut. Karmanns Alternativen, wie etwa der sportliche Chrysler Crossfire, schafften es nie zum wirklichen Durchbruch auf dem Markt.

Ein Sozialplan nach dem anderen

Seit mehreren Jahren laufen die Karmann-Geschäftsführer inzwischen einem Auftrag für ein Komplettfahrzeug hinterher - bislang vergebens. „Ein Sozialplan nach dem anderen“ sei in den vergangenen Jahren verhandelt worden, sagt ein Insider. Bereits im vergangenen Jahr mussten bei Karmann 700 Leute gehen. Harbig gibt dennoch nicht auf. Mit dem koreanischen Autobauer Kia, mit dem Karmann in den 1990er Jahren bereits einmal einen mäßig erfolgreichen Versuch mit einem Geländewagen unternommen hatte, gebe es weiterhin Gespräche, sagt Harbig. Viel mehr aber auch nicht. Harbigs düstere Prognose, den Fahrzeugbau bei Karmann nach 108 Jahren im Jahr 2009 möglicherweise endgültig schließen zu müssen, wirkt für viele Mitarbeiter realistischer als trotzige Durchhalteparolen.

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