Reichlich feine Pinkel fahren im Orient-Express durch Europa

Im Kino

Kenneth Branagh hat den Agatha Christie-Klassiker „Mord im Orient-Express“ neu verfilmt. Mit einem Star-Ensemble, aber auch mit einem erzählerischen Atem, der überraschend anders ist.

Dortmund

von Kai-Uwe Brinkmann

, 06.11.2017, 17:13 Uhr / Lesedauer: 2 min
Judi Dench (r.) logiert als russische Prinzessin Dragomiroff im piekfeinen Orient Express. Olivia Colman spielt ihre deutsche Dienerin. Ab Donnerstag läuft der Film von Kenneth Branagh im Kino. Foto Fox

Judi Dench (r.) logiert als russische Prinzessin Dragomiroff im piekfeinen Orient Express. Olivia Colman spielt ihre deutsche Dienerin. Ab Donnerstag läuft der Film von Kenneth Branagh im Kino. Foto Fox

Wie sehr das Kino von heute durch Tempo und Getöse geprägt ist, merkt man, wenn man einen altmodischen Film wie Kenneth Branaghs „Mord im Orient-Express“ zu sehen bekommt. Von der Erzählweise her wirkt das gebremst, betulich und ein wenig von gestern, was sicher Absicht ist. Beim jungen Publikum dürfte es der neu aufgelegte Klassiker allerdings schwer haben, weil er statt Effekthascherei und Action von der Arbeit der grauen Zellen eines Meisterdetektivs lebt, was kaum sensationell aussieht.

Unter den feinen Pinkeln im Luxusabteil ist Johnny Depp

Immerhin hat Branagh ein Ensemble von Stars zusammengetrommelt, die dann doch zum Kauf der Kinokarte motivieren könnten. Bei den feinen Pinkeln im Luxusabteil ist Johnny Depp dabei, Penelope Cruz, Judi Dench, Michelle Pfeiffer, Willem Dafoe, Derek Jacobi, um die größten Namen zu nennen. Kenneth Branagh spielt das Superhirn Hercule Poirot und tritt in die Fußstapfen von Albert Finney und Peter Ustinov.

Branagh gönnt seiner Figur nicht wenige Großaufnahmen, der elegante Belgier sieht immer aus wie aus dem Ei gepellt. Perfekt gepflegt und gelegt ist Poirots imposanter Schnurrbart, den unser Mann nächtens mit einem Bartschützer pedantisch in Form hält.

Ein klein wenig karikiert der Film den eitlen Stutzer, der auch Sätze wie diesen sagt: „Wenn es leicht wäre, wäre ich wohl kaum der wahrscheinlich berühmteste Detektiv der Welt!“ Nein, es ist nicht leicht, was da an Denksport auf Poirot wartet: Auf der Fahrt von Istanbul nach Frankreich wurde im Zug ein Mann erstochen, der keine Freunde hatte. Poirot logiert im Abteil nebenan, hörte ein Klopfen, ein Flüstern, sah jemanden den Gang entlanglaufen. Voila, das sind die dürren Fakten.

Nicht jeder im Zug ist der, der er zu sein vorgibt

Agatha Christies Krimis sind klassische „Whodunits“, also Wer-hat’s-getan-Rätsel. Poirot rekonstruiert den Tatverlauf. Nicht jeder im Zug ist der, der er zu sein vorgibt. So schön der belgische Blitzmerker auch kombiniert – der Film hat ein Problem: Gerade das ältere Kinopublikum (das sich mit der Erzählweise des Krimis am ehesten anfreunden sollte) hat noch den Film mit Peter Ustinov in Erinnerung und kommt irgendwann auf den Trichter, was den Clou der Geschichte ausmachte.

So ist die Überraschung dahin, die Luft längst raus, wenn Poirot den Kreis der Verdächtigen zur Beweisführung versammelt und sein Wissen ausbreitet. Mit anderen Worten: Als Spannungsthriller ist der Film für die Jüngeren bestenfalls von moderatem Kitzel, für Leute jenseits der 40 (für Agatha Christie-Leser sowieso) ist er ein Schuss in den Ofen.

Bleiben die Unterhaltungswerte, die nichts mit der Tat zu tun haben: Da wären die hochkarätigen Schauspieler. Johnny Depp als halbseidener Geschäftemacher. Michelle Pfeiffer als aufgekratzt exaltierte ältere Dame. Judi Dench als Prinzessin Etepetete aus Russland, die im Speisewagen die Dienerin bestellen lässt, statt mit Kellnern zu reden. Penelope Cruz bleibt als Charakter schemenhaft.

Die Kameraarbeit ist gut, die Ausstattung exquisit, es gibt schöne Landschaftspanoramen entlang der Strecke. Das Auge wird bedient, für den Kopf fällt aus besagten Gründen nicht so viel ab. Ob Branagh eine schon angedeutete Fortsetzung dreht („Tod auf dem Nil“), dürfte vom Kassenerfolg abhängen.

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