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Die beeindruckende Villa Janssen baute einst der Generaldirektor Heinrich Janssen. Sein Erbe erzählt, dass sie aber auch zwischenzeitlich in eine etwas zwielichtige Ecke geriet.

Cappenberg

, 28.09.2018 / Lesedauer: 5 min

Ein Türmchen hier, ein Vordach dort, Wintergarten, Terrassen, kunstvoll verzierte Fenster und Holzsäulen, ein bisschen Fachwerk, ein bisschen Schiefer – die Villa Janssen an der Borker Straße in Cappenberg fällt durch ihre auffällige Bauweise wohl jedem Vorbeifahrenden ins Auge. Was man nicht auf den ersten Blick sieht: Dass sie gebaut wurde, hat ganz viel mit der Geschichte des Bergbaus im Ruhrgebiet zu tun. Und was auch nur wenige wissen: Nicht nur das schwarze Gold spielt eine Rolle in der Historie des Gebäudes, sondern auch – nun ja – rotes Licht.

Aber der Reihe nach: Gebaut wurde die Villa im Jahr 1906. „Von meinem Großvater“, sagt Heino Janssen (72), während er auf die Büste des Mannes blickt, von dem er gerade erzählt. Er steht in der Kaminecke der Villa, die mittlerweile ihm gehört. Beim Gedanken an seinen Vorfahren wandert sein Blick auf das große Ölbild, das über einer Holzvertäfelung die ganze Wand ziert: Das Meer ist darauf zu sehen, Segelschiffe und ein Hafen. „Mein Großvater kam eigentlich aus dem Norden“, erzählt Heino Janssen. „Aus Carolinensiel an der Nordseeküste von einem großen Bauernhof.“ Der Bergbau war es dann aber, der den Friesen gen Westen zog. Als Bergassessor wurde er zu einem der großen „Bosse“ des Geschäfts. Wobei dieser Ausdruck seinem Nachfahren Heino Janssen nicht so gut gefällt. „Das hört sich ja ein bisschen abfällig an. Aber natürlich: Er war einer der großen Generaldirektoren des Bergbaus damals.“ Auf den Zechen Radbod in Bockum-Hövel und Baldur in Dorsten war er Anfang des 20. Jahrhunderts der Chef.

Die Villa des Bergbau-Bosses und die Sache mit dem Rotlicht

Im Jahr 1906 ist die Villa Janssen an der Borker Straße in Cappenberg von Bergassessor Janssen erbaut worden. Cappenberg war damals ein beliebter Ort für Industrielle – etwa aus Dortmund –, um Landhäuser wie dieses zu bauen. Bis heute ist das Haus von der Familie Janssen bewohnt. Es gab nur eine kleine Episode in der Geschichte, in der es vermietet war – und etwas ins Zweilicht (oder besser: Rotlicht) geriet.

Ein Heim in Cappenberg

Mit der Zeche Hermann in Selm, die ja auch um diese Zeit in Betrieb ging, hatte Generaldirektor Janssen weniger zu tun. Aber ein bisschen schon. Sein Schwager, Eugen Wiskott, war dort nämlich Generaldirektor. „In den Akten habe ich gesehen, dass mein Großvater mit ihm bei den Bauern in Selm unterwegs war, um Land für die Zeche Hermann zu kaufen“, erklärt Heino Janssen. Damals, so erzählt er weiter, war Cappenberg der Ort, an den die wohlhabenden Dortmunder kamen, um die „Sommerfrische“ zu genießen. Mit Pferd uns Wagen kamen die großen Industriellen hierher, feierten bei Kreutzkamp ihre Tanzfeste. Karl Wilhelm Schmieding, von 1886 bis zu seinem Tod 1910 Oberbürgermeister in Dortmund und Schwiegervater von Bergassessor Heinrich Janssen, gefiel es hier sogar so gut, dass er 1904 ein Landhaus in Cappenberg baute. „Das ist, wenn Sie von Bork kommen, die erste Villa“, sagt Heino Janssen und deutet von seiner Villa aus ein paar Häuser weiter. 1906 tat es Heinrich Janssen seinem Schwiegervater gleich und baute mit seiner Frau ein Heim in Cappenberg. Zwischen diesen beiden Häusern steht auch noch eine alte Villa, die mal der Familie seiner Großtante gehörte.

Und die Bläservilla in Cappenberg war auch mal im Familienbesitz der Janssens. „Von den fünf alten Villen in Cappenberg sind vier von unserer Familie gewesen“, sagt Heino Janssen. Im Laufe der Jahre hat sich das geändert: Jetzt ist es „nur“ noch die eine Villa Janssen, die der Familie gehört. Und die durch das ganze Interieur, durch viele kleine Details an vergangene Zeiten erinnert. Lachend bedient Heino Janssen, der, genauso wie seine drei Kinder, in dem Haus aufgewachsen ist, zum Beispiel den kleinen Lastenaufzug, der von der damaligen Küche unten Speisen und Getränke in den Speisesaal transportierte. „Ich kann mich noch erinnern: Es gab hier früher zwei Mädchen, einen Chauffeur, einen Gärtner. Und mein Großvater hatte das erste Auto in Cappenberg“, erzählt er. Der Reichtum, zu dem es sein Großvater durch das schwarze Gold brachte, ist in dem Haus noch deutlich zu sehen. Genauso deutlich wie die Liebe zum Bergbau – die auch die Nachfahren von Bergassessor Heinrich Janssen teilten. Und teilen.

Schicksalsschlag mit Folgen

Wobei der Bergbau auch Schicksalsschläge für die Familie bereithielt. Im November 1908 kam es auf der Zeche Rabod zu einem schlimmen Grubenunglück. 348 Menschen starben. „Der in Cappenberg wohnhafte Generaldirektor, Bergassessor Janssen, jagt mit seinem Pferdegespann in 45 Minuten zur Unglücksstelle“, steht in dem Buch „1200 Jahre Cappenberg“ zur Reaktion des Generaldirektors, der die Verantwortung für dieses Unglück übernahm. „Ich weiß von meiner Oma, dass er danach nie wieder lachen konnte“, erzählt Heino Janssen von dieser schweren Zeit seines Großvaters. „Das hat ihn wohl so mitgenommen, dass er dann hinterher auch nach einer kurzen Grippe schnell gestorben ist.“ Das war 1919. Der älteste Sohn von Heinrich Janssen war da gerade mal zwei Jahre alt. Trotzdem erbt der Junge das Haus. „Meine Oma wollte hier nach dem Tod ihres Mannes aber nicht mehr wohnen“, sagt Heino Janssen, der Sohn des jungen Erben.

Die Villa des Bergbau-Bosses und die Sache mit dem Rotlicht

Die Villa Janssen in Cappenberg ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert: Sie ist durch ihre besondere, verspielte Bauweise nicht nur ein Schmuckstück des Ortsteils, sondern birgt auch sehr viel Geschichte. rn-Foto Rademacher © Marie Rademacher

Mit ihren Kindern geht sie zurück nach Dortmund. Die Villa in Cappenberg wird vermietet. Und damit beginnt eine Episode, in der das Haus etwas ins Zwielicht gerät, wie Heino Janssen – wieder lächelnd – erzählt. Denn: Der Mieter macht aus dem Haus ein Rotlicht-Etablissement. „Ich glaube gar nicht mal, dass meine Oma das wusste. Das hätte sie wahrscheinlich zum Anlass genommen, es irgendwie zu beenden“, erzählt Heino Janssen. Er selbst weiß von dieser Episode nur aus Erzählungen, geschrieben steht sie nirgendwo, genau Jahreszahlen sind schwer zu benennen. „Meine Eltern haben das hinterher aber mitgekriegt, und dann musste der Mieter gehen. Sie sind dann ja auch selbst hier eingezogen“, sagt Heino Janssen.

Eine Rotlicht-Anekdote

Dazu gibt es eine Anekdote, die er gerne noch erzählt: Irgendwann, seine Eltern wohnten längst wieder in der Villa, haben sie mal ein Fest gegeben. „Es waren dann scheinbar so viele Leute da, dass meine Eltern so richtig gar nicht wussten, wer die alle waren.“ Als es dann auf die Nacht zuging, fragte ein Pärchen, wo denn jetzt „die Zimmer“ seien. Sie hielten die Villa also noch für ein entsprechendes Etablissement. Heino Janssen lacht. „Die Zimmer“ gab es da längst nicht mehr, sagt er.

Die Villa des Bergbau-Bosses und die Sache mit dem Rotlicht

Heino Janssen ist, genau wie seine eigenen Kinder, in der Villa an der Borker Straße aufgewachsen. Heute wohnt er dort zusammen mit seiner Frau. © Marie Rademacher

Und auch diese Episode hat nichts daran geändert, dass die Villa immer noch nah an ihrem Urzustand ist – nicht nur außen, auch innen erinnert sie etwa durch die dunklen Wandvertäfelungen, die edlen Treppenaufgänge, durch die vielen Gemälde die Bergbaufamilie Janssen. Denn zu einer solchen wurde die Familie: Sohn und Enkelsohn von Heinrich Janssen werden Bergassessoren, arbeiten viele Jahre unter Tage. Heino Janssen war zum Schluss stellvertretender Werksleiter auf der Zeche Westfalen. Dass es ihn ein bisschen schmerzt, dass in diesem Jahr mit Prosper-Haniel die letzte Steinkohlezeche in Deutschland dichtmacht, braucht er gar nicht auszusprechen, man sieht es in seinen Augen.

Tradition, Vergangenheit, Geschichte – dass das wichtig ist für Heino Janssen, lässt sich nicht zuletzt daran ablesen, dass er seit vielen Jahren der Vorsitzende des Cappenberger Heimatvereins ist. Dass die Villa Janssen unter Denkmalschutz steht – was für ihn als Besitzer ja nicht nur Vorteile hat – findet er wichtig und richtig. „Ich kann im Prinzip nichts verändern. Will ich aber auch nicht“, sagt er. In der Denkmalliste der Stadt Selm steht die Villa Janssen seit dem Jahr 1986. Dazu heißt es in der entsprechenden Eintragung: „Eine Anerkennung als Denkmal wird ausgesprochen, da es sich bei diesem Objekt um ein originales und in Selm einzigartiges Zeugnis des Jugendstils handelt.“ Eigentlich ist die Villa Janssen aber noch viel mehr. Ein Haus, in dem noch so viele Erinnerungen Geschichten und Leben stecken.

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