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Nationaltrainer der Handball-Frauen: Wir brauchen Zeit

Henk Groener im Interview

Seit Anfang dieses Jahres lenkt ein Niederländer die Geschicke der deutschen Handball-Frauen. Henk Groener soll die DHB-Auswahl in die Weltspitze führen. In den Niederlanden hat er das bereits einmal geschafft. Im Interview spricht er über seine neue Aufgabe und Ziele.

Kamen

von Oliver Brand, Jürgen Koers

, 05.03.2018
Nationaltrainer der Handball-Frauen: Wir brauchen Zeit

Jetzt wird’s ernst: Der neue Bundestrainer Henk Groener steht vor seinem Pflichtspieldebüt mit der DHB-Auswahl.  © imago

Am 21. März wird es für den neuen Bundestrainer Henk Groener (57) ernst. In Stuttgart treffen die deutschen Handball-Frauen in der EM-Qualifikation auf Spanien. Für Groener, der zuletzt die Niederlande von 2009 bis 2016 in die Weltspitze führte, ist es das Pflichtspieldebüt bei der DHB-Auswahl.

Haben Sie sich nach dem WM-Aus bei Ihrem Vorgänger Michael Biegler schon über die Mannschaft erkundigt?

Ich habe ihn zunächst in Ruhe gelassen. Dafür habe ich viel mit Wolfgang Sommerfeld (ehemaliger DHB-Sportdirektor, Anm. d. Red.) gesprochen, der den Weg der vergangenen Monate ja auch begleitet hat. Aber die aktuelle Mannschaft ist ja nach den Rücktritten ohnehin eine andere als noch bei der WM.

Waren die Rücktritte nach der WM ein Problem für Sie?

Das ist okay. Wenn man nur 80 Prozent bringen kann, aus welchen Gründen auch immer, dann hat man bei der Nationalmannschaft auch nichts verloren.

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Wie sehen Ihre Vorstellungen für die Zukunft aus, gerade auch im taktischen Bereich?

Die Abwehr stand bei der WM bereits sehr gut. Zudem hat das Rückzugsverhalten gut funktioniert, es gab wenige Gegenstoßtore. Das wollen wir stabilisieren. Gleichzeitig müssen wir aber auch noch mehr antizipativ arbeiten. Das Wichtigste wird sein, dass wir beim Umschalten von Abwehr auf Angriff eine höhere Effektivität erzielen, mehr leichte Tore und mehr Druck entwickeln. Das machen die Niederlande so, das macht Norwegen so. Aber das wird sicherlich auch noch ein wenig Zeit brauchen.

Die WM war ein Stimmungsdämpfer. Wie gefährlich ist die Gefahr, dass nun alles zu sehr ins Negative driftet?

Da mache ich mir überhaupt keine Sorgen, weil die Mannschaft sehr zukunftsorientiert und positiv auftritt. Klar ist aber auch: Wenn wir jetzt gegen Spanien spielen, darf keiner von uns erwarten, dass wir die so einfach von der Platte fegen. Was man erwarten darf, ist ein Team, das mit Herz und Seele kämpft und spielt.

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Beeinflusst das WM-Aus die Vorbereitung auf Spanien?

Wir müssen nach vorne schauen. Was zählt, ist die Qualifikation gegen Spanien. Da wollen wir gewinnen. Das entscheidende Spiel wird aber, Stand heute, wohl in Litauen sein. Wenn wir dort nicht gewinnen, erübrigt sich fast alles andere.

Die Liga hat dem Verband für die WM viel zugestanden, was Trainingszeiten oder Lehrgänge betrifft. Wird dieser Weg fortgesetzt?

Das muss man abwarten. Aber wir haben jetzt immerhin schon zwei Regionallehrgänge im Jahr. Das ist mehr als vorher. Ansonsten gehe ich davon aus, dass sich nicht viel verändern wird. Und dabei darf man sich auch von einem Zwischenergebnis wie der WM nicht ablenken lassen. Wenn man vorwärtskommen will, muss man solche Dinge eben auch zugestehen.

Fast alle Nationalspielerinnen stehen in Deutschland unter Vertrag und nicht bei Topklubs im Ausland …

In Bietigheim gibt es bereits einen Verein, der vom Etat her auf Champions-League-Niveau arbeitet. Thüringen macht es sehr gut. Dortmund hat aus meiner Sicht noch ein wenig Mühe, das Beste aus seinen Möglichkeiten herauszuholen. Aber das Wichtigste für mich ist: Wenn der Frauen-Handball in Deutschland wirklich nach vorne kommen will, dann sollte man anfangen, den Frauen-Handball ernstzunehmen. Das fängt bei den Spielerinnen an.

Was meinen Sie?

Die Spielerinnen müssen alles dafür tun, ganz nach oben zu kommen. Sie müssen sagen: Egal ob Studium, Ausbildung oder Beruf – der Handball muss immer im Vordergrund stehen. Und wir müssen sie dabei unterstützen.

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Der Verband hat Ziele und Visionen festgelegt, die perspektivisch Richtung 2020 gehen. Frauen und Männer sollen in Tokio um Olympia-Medaillen mitspielen. Ist das ein realistisches Fernziel?

Das Schöne an Zielen ist, dass man immer erst hinterher weiß, ob sie realistisch waren oder nicht. Daher macht es überhaupt keinen Sinn, schon heute darüber nachzudenken. Wichtig wird sein, dass am Ende alle in diese Richtung arbeiten. Spielerinnen, Vereine, Verband, Trainer. Sonst wird es nicht funktionieren.

Wenn man mit einer kleinen Handball-Nation wie Holland Vize-Weltmeister wird, kann man mit einer großen Handball-Nation wie Deutschland ähnliches erreichen, oder?

Am Ende spielen alle nur mit sieben. Auch in Holland. Wir haben dort vielleicht weniger Spielerinnen, aber die hatten eben eine enorm hohe Qualität. Wir brauchen nicht 800.000, wir brauchen im Prinzip 50, die richtig wollen. Und mit denen müssen wir dann über Jahre arbeiten.