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Alles oder nichts

Kehl steht mit seinem Team vor erstem Endspiel

DORTMUND Dienstag also. Dienstagabend geht es im Signal Iduna Park schon um alles. „Wir müssen drei Punkte holen, um im Geschäft zu bleiben“, betont Borussia Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc (49) vor dem Rückspiel gegen Olympiakos Piräus.

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Kehl steht mit seinem Team vor erstem Endspiel

Kapitän Sebastian Kehl hat gezeigt, dass er für Borussia Dortmund nach wie vor wertvoll sein kann.

Büßt der Deutsche Meister wieder Zähler ein, ist der Traum vom Überwintern in der Champions League früh ausgeträumt. Trotzdem würde der BVB seinen Weg nicht infrage stellen.

Dieser ganz spezielle, der auf jungen und vergleichsweise günstigen Talenten, auf viel Athletik und noch mehr Inbrunst, gleichermaßen auf planerischem Mut und außerordentlicher Laufarbeit basiert, sagt Zorc, „hat uns im Frühjahr schließlich zu einer überragenden Deutschen Meisterschaft geführt“. Nur auf diesem Weg sei es dem wirtschaftlichen Mittelgewicht Dortmund möglich gewesen, zum siebten Mal Hand an die Schale zu legen und die Arrivierten auszustechen. München, Leverkusen und wie sie alle heißen. Seit einigen Wochen wird der Eindruck erweckt, als habe sich das BVB-Ensemble gewissermaßen in zwei Hälften geteilt.

Die eine Hälfte spielt in der Bundesliga. Sie wirbelte zuletzt beim 1:1 in Stuttgart phasenweise wie im Rausch, hatte zuvor vier Gegner in Serie bezwungen und Kontakt aufgenommen zum Rekordmeister Bayern, der gegenwärtig alle in der Fußballrepublik übertrifft. Die andere BVB-Hälfte darbt in der Champions League. Sie hat nach drei Spieltagen lediglich einen Punkt (1:1 gegen den FC Arsenal) auf dem Konto, kassiert im Schnitt 2,33 Tore pro Partie und steht – wie es die Nachrichtenagentur dpa formuliert – gegen Piräus schon „am Abgrund“.

Eine Niederlage am Dienstag, und die Champions-League-Gruppenphase wäre sicher Endstation für Schwarzgelb um Mittelfeld-Juwel Mario Götze (19). Möglicherweise würde der BVB den sportlichen Sturz in diesem Fall nicht einmal mehr durch eine halbwegs weiche Landung in der Europa League abfedern können. Die Frage, wie wichtig der November mit all seinen schweren Prüfungen (Wolfsburg, München, Schalke und Arsenal) für den Meister sei, mag Zorc vielleicht auch deshalb nicht beantworten. „Wichtig“, erklärt der Sportdirektor, „ist jetzt nur, dass wir den ersten Tag des Novembers erfolgreich bestreiten.“ Alles oder nichts also gegen Olympiakos Piräus.

Wie einst Don Quijote gegen Windmühlen kämpft Zorc zurzeit gegen das mediale Schwarz und Weiß an. „Es ist richtig, dass wir beim 1:3 in Piräus nicht unsere Leistung abrufen konnten“, sagt das Dortmunder Urgestein: „Aber man sollte unser Wirken in der Champions League dennoch differenziert betrachten. In Marseille (0:3, die Redaktion) hat die Mannschaft hervorragend nach vorne gespielt und sich durch defensive Böcke geschlagen.“ Gegen Arsenal wiederum habe die Borussia „Erfahrungen mit der hohen individuellen Qualität des Gegners gemacht. Wenn Robin van Persie eine Chance bekommt, haut er den Ball eben rein“.

Im Athener Hafenstadtteil Piräus war Dortmunds durchschnittlicher Spieler vor zwei Wochen knapp fünf Jahre jünger als sein Gegner. Er hätte gemessen an seinem Potenzial technisch und athletisch überlegen sein müssen – und schien doch überfordert. Der ehemalige Nationalmannschafts-Torhüter Oliver Kahn versucht, dieses Phänomen zu erklären. „Für fast alle Dortmunder ist die Champions League Neuland. Der Respekt vor der Königsklasse, vor dem Unbekannten, ist groß. Diese Spiele sind (noch) keine normalen Spiele für die unerfahrenen Jungs des BVB. Man setzt sich selbst unter Druck, will seine Sache auf diesem Parkett besonders gut machen, was schnell ins Gegenteil umschlagen kann.“

Kahn zufolge geht es „auf europäischem Top-Niveau in erster Linie darum, kompakt zu stehen, auf Chancen zu lauern und diese dann konsequent zu verwerten. Das zeichnet große und erfahrene Mannschaften aus. Überspitzt formuliert: Sie spielen sich ein, zwei Chancen heraus und machen daraus drei Tore. Bei Borussia Dortmund verhält es sich gegenteilig: Viele Chancen, wenig Ertrag. So wird es schwer, auf internationalem Top-Niveau zu bestehen“. Sebastian Kehl war einer der wenigen im BVB-Kader, der die Champions League vor der laufenden Saison nicht bloß von der PlayStation kannte. „Wir rätseln selbst, warum wir uns in Piräus so verkauft haben. Und wir ärgern uns darüber, dass es passiert ist“, sagte der Kapitän vor wenigen Tagen.

Er selbst stand in Griechenland nicht auf dem Platz. Am Dienstag jedoch soll Kehl das Mittelfeld stabilisieren, seine brachiale Physis einbringen und 50 Meter weiter vorne auch die Kopfballstärke. So wie vor eineinhalb Wochen beim 5:0 in der Bundesliga gegen Köln, als Kehl mit der Wucht eines Presslufthammers verwandelte und später die nette Anekdote erzählte, sein Sohn Luis habe ihm vor dem Anpfiff bedeutet: „Papa, wenn du heute kein Tor schießt, brauchst du nicht nach Hause zu kommen.“ Kehl, der inzwischen 31 Jahre alte Vizeweltmeister von 2002 und WM-Dritte von 2006, hat sich nach einer nicht enden wollenden Verletzungs-Leidenszeit mühsam herangekämpft und gezeigt, dass sein Mitwirken noch wertvoll sein kann. „Mir war immer klar, dass er bei voller Gesundheit die Qualität hat für eine tragende Rolle“, sagt Zorc und lobt Kehl auch für dessen Verhalten zu Saisonbeginn, als ihm Neuzugang Ilkay Gündogan (21) vorgezogen worden war. „Sebastian hat sich absolut perfekt, ja vorbildlich verhalten.“

Für den BVB geht es am Dienstag um die kurzfristige sportliche Zukunft, für Kehl, der „immer mehr zu meinem Rhythmus findet“, in einigen Wochen um die langfristige. Der Vertrag des „Sechsers“, der seit 2002 im Ruhrgebiet lebt, läuft im Sommer aus. „Noch haben wir keine Gespräche über einen neuen geführt. Aber das werden wir zeitnah sicher mal machen“, berichtet Kehl. Der Kapitän sagt: „Ich kann mir gut vorstellen zu bleiben.“ Über ihr Mitwirken im Konzert der Champions-League-Giganten würden seine Teamkollegen sicher Ähnliches formulieren…

Dienstag also. Dienstagabend geht es um alles. „Ich erwarte eine totale Schlacht, weil Dortmund wohl nonstop nach vorne spielen wird“, hat Olympiakos-Profi Jose Holebas, der bis zum Sommer 2010 beim Zweitligisten 1860 München unter Vertrag stand, dem Fachmagazin kicker gesagt. BVB-Trainer Jürgen Klopp prophezeit kämpferisch: „Gegen Piräus beweisen wir, dass der BVB auch Europa kann!“ Kann er? Wer beim staatlichen Wett- anbieter zehn Euro auf einen Borussen-Sieg setzt, der bekommt jedenfalls lediglich 13 Euro zurück. Ein Indiz dafür, dass der Glaube an die Fußballkraft des Meister noch nicht verflogen ist.

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