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Michael Zorc: "Tempo muss rein"

DORTMUND Lange war es nicht mehr so ruhig um Michael Zorc (44). Seine Transfers werden allgemein als sinnvoll erachtet, Borussia Dortmund spielt wieder dynamischen Offensivfußball.

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Sportdirektor Michael Zorc im Gespräch

Michael Zorc sichtet in Brasilien Defensivspieler.

Im Interview vor dem Auftakt gegen Duisburg (So., 17 Uhr) spricht der BVB-Sportdirektor über die Qualitäten des neuen Kaders, seine Medienpräsenz und das Wildern der Engländer in deutschen NachwuchsschmiedenIn der Vorbereitung hat die Borussia – einschließlich der Partie im Pokal – insgesamt 43 Tore geschossen. Wie fällt Ihr Fazit der Testphase aus?Zorc: Die Vorbereitung ist nichts anderes als das Warmlaufen vor dem Liga-Start. Ansatzweise hat man schon gesehen, wie sich der BVB verändert. Unser Offensivspiel ist variabler. Wir sind schneller als zuletzt, entwickeln mehr Torgefahr, zeigen in Person von Diego Klimowicz verstärkt Kopfballpräsenz. Trotzdem war das 4:1 beim 1. FC Magdeburg nur ein Anfang. Kein überragender, aber einer, wie man sich ihn gegen einen ambitionierten Drittligisten vorstellt.

In der vergangenen Saison galt das BVB-Mittelfeld als eines der langsamsten der Liga – Vergangenheit... Zorc: Was die Laufgeschwindigkeit angeht, werden unsere Fortschritte an Kuba und Delron Buckley festgemacht. Beide machen Spaß. Buckley zeigt, warum wir ihn vor zwei Jahren verpflichtet haben. Es geht aber nicht nur um die reine Laufgeschwindigkeit, sondern auch darum, wie man den Ball zirkulieren lässt. Der ist schließlich immer noch das schnellste Objekt auf dem Platz. Wir müssen hohe Passgeschwindigkeit zeigen, im Kopf schnell umschalten. Die Art und Weise der Siege gegen noch nicht gut trainierte Römer (4:0, d. Red.) oder einen mittelklassigen holländischen Erstligisten (4:1 gegen Arnheim, d. Red) machen Hoffnung. Aber der Ernstfall ist die Bundesliga.

Stichwort Handlungsschnelligkeit: Trügt der Eindruck, dass Mladen Petric als Regisseur noch nicht „angekommen“ ist? Zorc: Er hat sicher etwas Luft nach oben in seinem Spiel. Aber ich erwarte von ihm auch nicht, dass er pro Partie 20 Pässe über 40 Meter spielt wie einst Wolfgang Overath. Mladen soll aus seiner Position heraus in den torgefährlichen Bereich eindringen und obendrein seine offensiven Mitspieler bedienen. Man muss auch berücksichtigen , dass er in der vergangenen Saison große Verletzungsprobleme gehabt hat. Mladen konnte in Basel kaum trainieren. Jeder Tag bei uns tut ihm gut. Er wird das BVB-Spiel bereichern.

Einer Umfrage des Kicker zufolge trauen die Fans neben dem Münchner Ribery vor allem Jakub Blaszczykowski zu, der neue Bundesliga-Shootingstar zu werden. Schließen Sie sich an? Zorc: Vorsicht, es ist noch kein Bundesligaspiel gespielt! Das Umfrage-Ergebnis war auch für uns überraschend, weil Kuba in Deutschland bis vor wenigen Wochen eher unbekannt war. Er hat natürliche hohe individuelle Qualität. Diese Dribbelstärke, diese Schnelligkeit – in Verbindung mit dem Biss, der ihn auszeichnet. Wir haben im Sommer nur den Zuschlag bekommen, weil wir schnell gehandelt haben. Kuba hatte im Frühjahr eine Operation an beiden Leisten. Der eine oder andere Klub wollte wohl zunächst abwarten, ob seine volle Leistungsfähigkeit wieder hergestellt werden kann. Unsere medizinische Abteilung hatte zu der Zeit schon Kontakt zu den behandelnden Ärzten. Wir wussten, dass er topfit zu uns kommen wird.

Sie durften 7,6 Millionen Euro für neue Spieler ausgeben. War das auf lange Sicht erst der Anfang? Zorc: Ja. Das Grundprinzip wird auch in Zukunft immer sein, dass wir nur ausgeben können, was wir zuvor auch eingenommen haben. Wir machen keinen Acht-Millionen-Transfer, wenn nicht gleichzeitig auch auf der Einnahmeseite eine ähnliche Summe verbucht worden ist. In diesem Sommer haben wir zum Beispiel einen Teil der Transferüberschüsse aus dem Odonkor-Verkauf des letzten Jahres verwendet. Erstmals seit drei Jahren wurde investiert.

Eine finanziell rosarote Zeit wird dem BVB ab 2010 prognostiziert. Dann läuft der Vertrag mit Sportfive aus, die KGaA muss nicht mehr – wie zurzeit – elf Mio. Euro pro Jahr an den Vermarkter abführen. Kommen Sie noch in den Genuss dieser Blüte? Zorc: Mein Vertrag läuft 2008 aus. Hans-Joachim Watzke (Vorsitzender der KGaA-Geschäftsführung, d. Red.) und ich werden zur Winterpause hin besprechen, ob es eine weitere Zusammenarbeit geben wird. Wir alle haben schwierige Zeiten hinter uns. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich jetzt, wo der BVB mehr als Licht am Ende des Tunnels sieht, gerne weiter mitgestalten würde.

Sie finden viel häufiger in den Medien statt als während der vergangenen Jahre. Eine bewusste Entscheidung? Zorc: Eine ganz bewusste. Ich hatte die mediale Präsenz, die heutzutage auf meiner Position notwendig ist, unterschätzt. Es reicht nicht, wenn man seine Arbeit nur nach innen dokumentiert. In der öffentlichen Wahrnehmung wird eine Nicht-Präsenz oft mit einer Nicht-Autorität oder fehlender Kompetenz gleichgesetzt.

Sie tragen der Oberflächlichkeit des Genres Rechnung? Zorc: Wer böse ist, kann das so auslegen. Ich sage doch nur: Eine Verhaltensweise, wie ich sie gerade geschildert habe, lässt oft Kritik aufkommen, die die tägliche Arbeit immens erschwert. Ich bin 44 und lange in diesem Geschäft. Aber sicher nicht zu lange, um noch lernen zu können. Ich werde allerdings nie derjenige sein, der freiwillig vor eine Kamera läuft und fragt: Wollt ihr von mir auch noch ein Statement haben?

Wir hätten gerne gleich zwei Statements – zur Gehaltserhöhung von Verteidiger Dede und zur Vertragsverlängerung von Stürmer Smolarek. Zorc: Entgegen vieler anders lautender Meldungen habe ich immer versucht, eine konstruktive Ebene in den Gesprächen mit Ebi Smolarek zu finden. Wir haben einige Gesprächseinheiten hinter uns gebracht. Das Ziel ist es, ihn langfristig zu binden. Es gibt momentan aber noch keine Einigung.

...und Dede? Zorc: Dede ist ein Sonderfall. Er hatte ein einmaliges Angebot vom AS Rom, das für uns – was den Zeitpunkt und die Höhe der Offerte anging – nicht einmalig war. Man kann es Dede nicht verdenken, dass er sich ernsthaft damit beschäftigt hat, in Zukunft bei einem internationalen Topklub spielen und astronomisch verdienen zu können. Wir werden den Gesamtkontext mit ihm diskutieren. Er hat einen Vertrag bis 2011.

Erhöhen Sie sein Grundgehalt – oder wird es neue Prämien-Absprachen geben? Zorc: Kein Kommentar.

Thomas Doll hat seine erste Vorbereitung als BVB-Trainer absolviert. Sein Stab passt – überspitzt formuliert – künftig gerade noch in eine russische Antonow. Ist die Zeit der Alleinunterhalter vorbei? Zorc: Klares Ja. Es besteht die Notwendigkeit, die Spieler individuell und auf allerhöchstem Niveau zu betreuen und zu verbessern. Dazu gehört es, viele Spezialisten zu beschäftigen. Für Athletik, Technik, Taktik, den Mental-Bereich. Wir profitieren von Dolls Initiative.

Der sportwissenschaftliche Faktor spielte schon unter Matthias Sammer eine große Rolle, ging aber entschieden zu weit. Das Team hat damals im Training kaum noch einen Ball gesehen... Zorc: Das waren ligaweit die Anfänge der ganzen Entwicklung. In der Tendenz wurden – aus heutiger Sicht – damals vielleicht die Schwerpunkte nicht optimal gesetzt.

Die Professionalisierung des Fußballs beinhaltet inzwischen das Verpflichten von 11, 12 oder 13 Jahre alten Spielern aus dem Ausland. Ist das notwendig? Zorc: Richtig ist, dass man nur minderjährige Spieler verpflichten kann, wenn auch mindestens ein Elternteil seinen Lebensmittelpunkt, der dann aber nichts mit dem BVB zu tun haben dürfte, nach Dortmund verlegt. Unsere Philosphie ist es ohnehin, deutsche Talente vorzugsweise aus der Umgebung zu sichten und zum BVB zu holen. Fakt ist aber: Die Engländer wildern seit Jahren massiv bei uns und machen deutschen Nachwuchsabteilungen die Talente-Ausbildung sehr schwer. Manchen Jungs in diesem Alter werden 10.000 Euro pro Monat gezahlt. Da stellen sich bei mir die Nackenhaare senkrecht. Das widerspricht dem Ausbildungsgedanken, den wir haben – und der eine parallele Schullaufbahn auf hohem Niveau beinhaltet. Da werden die Schwerpunkte deutlich verschoben.

England gilt nach wie vor als Top-Liga Europas. Einer Studie von Ernst &Young zufolge ist die Bundesliga aber die spannendste auf dem Kontinent. Stimmen Sie zu? Zorc: Ja. Das liegt auch daran, dass bei uns die wirtschaftliche Schere zwischen dem Ersten und dem 18. zwar groß ist, aber nicht so gigantisch wie in Italien, Spanien oder England. Wir haben außerdem die besten Stadien der Welt und unglaublich viele Zuschauer. Durch die WM 2006 haben sich neue Gesellschaftsschichten dem Fußball zugewandt.

Was erwarten Sie also von der Saison 2007/2008? Zorc: Attraktiven Offensivfußball.

Was erwarten Sie vom BVB? Zorc: Gerade was die Heimspiele betrifft, erwarte ich Tempo, das Bemühen, in den Abschlussbereich zu kommen, schnelle Kombinationen und viele Eins-gegen-Eins-Situationen. Kann unsere Mannschaft diese Erwartungen erfüllen, wird sie automatisch Erfolg haben.

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Sportdirektor Michael Zorc im Gespräch

Michael Zorc sichtet in Brasilien Defensivspieler.

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