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Christoph Metzelder wechselt das Revier

180 Grad-Drehung

DORTMUND Vor der Drehtür der Kneipe "Barrock" im Dortmunder Fußball-Epizentrum, dem Kreuzviertel, hat Christoph Metzelder sein Revier markiert. Ein knallgelber Fußabdruck ist in den Boden eingelassen. Handsigniert, mit Datum versehen und geschützt durch dickes Plexiglas. Womöglich benötigt das Relikt nun den Schutz des Kneipenwirts, denn Metzelder wechselt im Sommer zum Dortmunder Erzrivalen FC Schalke 04.

von Von Sascha Fligge

, 27.04.2010
Christoph Metzelder wechselt das Revier

Sagt Spanien adios: Fußballstar Christoph Metzelder.

Am Dienstag platzte die Bombe: Metzelder, den Vizeweltmeister von 2002, zieht es zurück in die Bundesliga. Nicht nach Wolfsburg, wie seit Tagen gemutmaßt wird, sondern nach Schalke. Ausgerechnet nach Schalke, muss man sagen, denn dort hatte der heute 29-Jährige als Jugendlicher 1995/96 nach eigenen Angaben nicht viel Spaß („Eine Katastrophe. Meine Zeit bei den Königsblauen würde ich am liebsten sofort wieder vergessen“) und konnte sich noch im vergangenen Jahr einen Wechsel von Real Madrid nach Gelsenkirchen „nur sehr, sehr schwer vorstellen“. Letzteres überrascht nun wirklich nicht, wenn man bedenkt, dass der in Dortmund als Ur-Borusse wahrgenommene Profi sogar Papst Johannes Paul II. als BVB-Mitglied warb und Schalkes Fans einst schwer verärgerte, weil er für 20,40 Euro Anti-S04-Shirts mit dem Slogan „Meister der Herzensbrecher – Zweizunull“ über seine Homepage vertickte. Zur Erinnerung: Dortmund hatte den Königsblauen am 33. Spieltag der Saison 2006/2007 durch ein 2:0 die Meisterschaft vermasselt, Metzelder war Vorbereiter beider Tore, und S04-Stürmer Gerald Asamoah klagte den Borussen wegen der Sache mit den T-Shirts an: „Wir waren schon am Boden zerstört, da musste man nicht nachtreten!“

Über seine 180-Grad-Drehung zwischen Lüdenscheid-Nord und Herne-West wollte Metzelder selbst am Dienstag nicht sprechen. „Erst nach Saisonschluss in Spanien werde ich mich zum Thema Schalke äußern“, sagte er. Weil er nicht oder nur wenig sprach, sprach sein künftiger Arbeitgeber für ihn und verkündete Eckdaten der Einigung, die Manager Magath („Ich bin heilfroh, dass er sich für uns entschiedet hat“) für Trainer Magath mit Spielerberater Jörg Neubauer ausgehandelt hatte: „Metzelder (…) erhält einen Dreijahresvertrag bis zum 30. Juni 2013“, hieß es in einer Pressemitteilung. Kenner der Szene schätzen sein Gehalt auf drei Millionen Euro pro Jahr.

Das wäre zwar weit weniger als zuletzt in Madrid, aber durchaus noch üppig für einen nicht mehr taufrischen Mann, der in den vergangenen Jahren mehr Zeit in Arztpraxen verbracht hat als auf dem Fußballplatz. Zwischen 2002 und 2004 fehlte der hochintelligente Metzelder fast zwei Jahre wegen mehrerer Operationen – seine Achillessehne war zum Teil abgestorben. Auch beim spanischen Renommierklub fiel er immer wieder aus, vor einer Woche gab Real bekannt, der Manndecker müsse wegen einer Sehnenentzündung im Knie erneut pausieren. Angesichts seiner maladen Odyssee muss man sich fragen, wie der Ex-Nationalspieler auf Felix Magaths gulag-artiges Sommertraining reagieren wird. Wobei der Schalker Coach ja bekanntermaßen zu überraschenden Erfolgen neigt, wenn es um die Zwangsvermittlung einer gewissen körperlichen Stabilität geht. „Ob Magath die Titanic gerettet hätte“, sagte sein ehemaliger Spieler Jan Age Fjörtoft einst über den Fußballtrainer, „das weiß ich nicht. Aber die Überlebenden wären topfit gewesen!“

Christoph Metzelder, der Gerüchten zufolge schon ab Sommer Schalkes Großverdiener Marcelo Bordon (34) ersetzen soll, sagt nichts über Schalke, aber das sagten wir ja schon. Immerhin: Über Real Madrid, für das er lediglich am 2. und 30. Spieltag dieser Saison gegen den Ball treten durfte, spricht der Profi. „In puncto Spielpraxis, so ehrlich muss man sein“, meint Metzelder, „waren es drei verlorene Jahre.“ Auf Schalke sollen noch ein paar gute dazukommen. „Mich wundert dieser Transfer nicht, ich hatte insgeheim seit Wochen damit gerechnet“, sagte Borussia Dortmunds KGaA-Boss Hans-Joachim Watzke am Dienstag. „Dass Metzelder ablösefrei ist, ist sicher ein Hauptkriterium. Außerdem glaubt Felix Magath offensichtlich, dass er ihn wieder spielfähig bekommt.“

Wie man den einschlägigen und am Dienstag hoffnungslos überfüllten Internet-Foren entnehmen kann, ist dieser Glaube in der Fanszene nicht allzu fest verankert. Mitunter wird der Revierwechsel Metzelders übrigens auch sehr persönlich genommen. „Sein Lippenbekenntnis zum BVB erlischt nun gänzlich, zumindest hat Herne West wieder einen Trojaner eingefangen, der I-love-you (for money) ruft“, schrieb ein User ins Forum unseres Internetportals. Der BVB-Fanclub „Christoph Metzelder FC“ (gegründet im Jahr 2000, 25 Mitglieder, 2 Ehrenmitglieder) reagierte drastisch auf die Nachrichtenlage. Der Fanclub „ist aus aktuellem Anlass mit sofortiger Wirkung aufgelöst worden“, hieß es. Und: „Auf die sonst im Wechselfall angebrachten guten Wünsche für die Zukunft verzichten wir aus Gründen der Pietät ersatzlos.“