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In Gelsenkirchen glüht das Fußball-Fieber

FC Schalke 04

GELSENKIRCHEN Meisterschnitzel sind noch nicht im Angebot, Schalen-Tiere auch nicht, und Krüstchen mit Titelgeschmack schon gar nicht. Im Lokal „Charly‘s Schalker“ geht alles noch seinen geregelten Gang, fast alles.

von Von Gerd Strohmann und und Nils Tyczewski

, 30.04.2010

„Es ist schon ein wenig mehr Betrieb hier in den letzten Tagen“, meint Beate, die im Wirtshaus direkt am Schalker Trainingsgelände kellnert. Aber noch halte sich die Euphorie in Grenzen, noch halten sich alle tunlichst zurück, wenn es um den möglichen Fußball-Meister Schalke 04 geht. Auch wenn Beate zögernd einräumt, ein paar Überlegungen gebe es schon, die aktuelle Speisekarte aufzupeppen mit ein paar Titel-Zutaten. Aber es herrscht auch so schon satte Zufriedenheit im königsblauen Fan-Lager. „Wir haben die Champions League erreicht, das reicht doch eigentlich wirklich“, meint Helmut. Er steht inmitten eines höchst rüstigen Rentner-Trios, die Übungseinheit ist längst beendet, aber es gibt noch jede Menge zu plaudern. Dieser Felix Magath, der sei eine einzige Wohltat für den Verein, „er hätte fünf Jahre früher kommen sollen“. Nächstes Jahr in der Königsklasse zu spielen, das sei ein Traum, mehr müsse eigentlich nicht sein. Und wenn es dann doch mehr wird, „eine kleine Tür ist schon noch offen“, dann sind sie gerüstet, in jeder Hinsicht. „Ich habe schon mal sicherheitshalber Briefwahl gemacht“, sagt Helmut, man weiß ja nie, wie intensiv so eine Meisternacht wird. Und Muttertag und Kommunion sei ja auch noch am 9. Mai, dem Tag nach dem Saison-Finale.

Ein paar Schritte weiter startet Holger Groninger im königsblauen Fanshop den Großeinkauf. Er lebt in Thailand, arbeitet dort in einem Hotel, nun ist er mit seiner thailändischen Frau und seinen beiden Töchtern auf Deutschland-Tour. Eigentlich kommt er ja aus Ulm, aber der legendäre Fallrückzieher von Klaus Fischer hat ihn zum Schalke-Fan gemacht. „Alte Liebe rostet nicht“, meint er lächelnd. Letzte Woche war er in Berlin, hat Hertha - Schalke gesehen, nun gibt es Teddys, Mützen und Schals für die Lieben. Schalke müsse Meister werden, meint Groninger, er mag die Häme nicht mehr von wegen „keine Schale in der Hand“. Diesen Satz wollen auch Michael und Lothar nicht mehr hören. Die erfahrenen Kiebitze lassen sich nach der morgendlichen Trainingseinheit am Grill von Karin Doffing eine Bratwurst schmecken. Lothar, 62 Jahre jung und „von Geburt an Schalker“, kann sich noch an die letzte Meisterfeier erinnern: „1958, ich weiß es noch genau. Bis nach 22 Uhr war ich am Schalker Markt dabei. Am nächsten Tag habe ich die Schule geschwänzt. Es gab ‘ne Tracht Prügel – aber eine, die sich wirklich gelohnt hat.“ Die Mannschaft wirke nicht nervös, beteuern beide. „Die trainieren wie immer, da merkt man keinen Unterschied“, sagt Michael.

Auch neben dem Platz sei die mögliche Meisterschaft zwar das Thema Nummer eins, „aber eigentlich sind alle mit dem Erreichen der Champions League schon total zufrieden.“ Am Dienstag sei jemand mit einer nachgemachten Meisterschale am Trainingsgelände aufgetaucht. „Das finde ich übertrieben“, sagt Michael. Der 42-Jährige glaubt trotzdem an den Titel: „Wir schlagen Bremen Samstag 2:1, Bayern spielt 1:1 gegen Bochum.“ „Und das Tor schießt Holtby“, meint Lothar grinsend.Sogar bis ins Polizeipräsidium ist die Euphorie-Welle geschwappt. „Klar bin ich nervös. Aber das hat rein sportliche Gründe, ich bin leidenschaftlicher Schalker“, sagt der Pressesprecher der Gelsenkirchener Behörde, Konrad Kordts. In Punkto Sicherheit hat er keinerlei Bedenken: „Wir haben die WM, den UEFA-Pokal- und zwei DFB-Pokal-Triumphe überstanden. Die Polizei kommt wegen der möglichen Meisterfeier nicht ins Schwitzen.“ Größere Gewaltausbrüche seien nicht zu erwarten: „Das wäre doch paradox. Wenn die ganze Stadt feiert, gibt es keinen Grund für größere Streitereien."

Statt Randale zu verhindern ist die Polizei am 9. Mai auf anderen Gebieten gefordert. Für den Fall der Fälle ist eine Meisterfeier am Musiktheater geplant. „Da müssten wir die Innenstadt natürlich rundherum absperren und den Verkehr umleiten. Das wird dann eine unserer Hauptaufgaben sein“, erklärt Kordts. Auch Dieter und Ralf Börsting müssen im Falle des Titelgewinns einiges umleiten. Massenweise Bier und Currywurst werden in ihrem Markt-Grill über den Tresen wandern. Ihr Imbiss in Gelsenkirchen-Erle ist bei Schalke-Fans Kult. Junior-Chef Ralf beschreibt die Stimmung als „gedämpfte Euphorie. Die Fans hoffen, aber keiner erwartet den Titel“. „Wir würden ihn aber nehmen“, schaltet sich Stammgast Erich ein, der gerade im Stehen eine Currywurst verdrückt.

Auch im Rathaus befasst man sich mit der Feier, von der niemand weiß, ob sie denn s tattfinden wird. „Natürlich wäre das eine Ausnahmesituation“, sagt Joachim Hampe, selbst glühender Schalke-Fan und im Gelsenkirchener Rathaus zuständig für Wirtschaftsförderung. „Momentan werde ich überall auf dieses Thema angesprochen, wenn ich für die Stadt Außentermine wahrnehme. Aber wir bleiben gelassen und bereiten uns in Abstimmung mit dem Verein auf alle Eventualitäten vor.“ Es herrscht auffallende Ruhe rund um das Trainingsgelände. Karin Doffing, die Frau vom Grill, spricht aus, was viele denken: „Wir können mit dem Erreichten zufrieden sein. Wird‘s mehr, wär‘s super schön, wenn nicht: auch nicht so schlimm!“ Die Schalker Fan-Familie scheint sich einig: Der Titel wäre nur das Sahnehäubchen auf einer ohnehin tollen Saison. Vielleicht werden Schalentiere und Meisterschnitzel auf den Speisekarten stehen. Oder doch Pils und Currywurst.