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Streitgespräch mit Fritz und Hermann Volmer

Eine Heimat, zwei Meinungen

Ahaus/Vreden Die Brüder Fritz und Hermann Volmer sind zwei Münsterländer Originale. Trotz vieler Gemeinsamkeiten sehen sie den Wandel ihrer Heimat aus verschiedenen Perspektiven. Ein Streitgespräch.

Eine Heimat, zwei Meinungen

Fritz und Hermann Volmer (v.l.) haben viel gemeinsam und sind doch oft unterschiedlicher Ansicht. Foto: Falko Bastos

Am Ende des Gesprächs trinken Fritz und Hermann Volmer einen Kräuterschnaps. Die beiden Brüder haben viel gemeinsam. Sie sind in ihrer Heimat verwurzelt wie kaum ein Dritter. Aufgewachsen in Ahaus und Vreden engagieren sich beide in ihren Heimatvereinen. Hermann Volmer führt Besucher als Nachtwächter auf historischen Rundgängen durch Ahaus und Fritz Volmer schreibt Bücher über seine Vredener Heimat und betreibt dort die historische Wassermühle. Doch genug der Gemeinsamkeiten: Zur Entwicklung ihrer Heimat haben beide ganz unterschiedliche Ansichten, wie sie im Gespräch mit Falko Bastos verraten.

Was verbinden Sie mit dem Begriff Heimat?

Hermann Volmer: Für mich bedeutet Heimat Natur, Religion und Kultur. Die Natur ist für mich sehr prägend. Ich rede oft mit Tieren. Auch der katholische Glaube ist ein wesentlicher Bestandteil meines Heimatgefühls. Und dann natürlich die Menschen, die mein Leben prägen. Mit ihnen rede ich, spiele Doppelkopf, wandere durchs schöne Münsterland und singe Heimatlieder – „O wie schön is mien Westfaolen“ zum Beispiel.
Fritz Volmer: Für mich sind es die Familie, Freunde, Nachbarn, Kollegen und alle, die meine Hobbys teilen: Im Heimatverein, im Imkerverein oder im Möllenkring, mit dem wir die alte Huningsche Wassermühle betreiben. Und das Leben mit der Natur. Ich bin gelernter Landwirt und hatte während meiner Zeit als Lehrer einen Bauernhof gepachtet. Auch die plattdeutsche Sprache ist mir wichtig. Deshalb habe ich auch ein Buch mit plattdeutschen Geschichten geschrieben.

Und örtlich gesehen?

Fritz Volmer: Heimat ist für mich da, wo ich geboren und aufgewachsen bin: In Ahaus, wo ich auf dem Bauernhof meiner Großmutter aufgewachsen bin und in Vreden, wo ich meine Jugend verbracht habe und heute noch wohne. Und weil ich nur drei Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt wohne, zähle ich auch den Achterhoek zu meiner Heimat.

Hermann Volmer:Natürlich Ahaus, wo ich geboren bin und heute wohne und Vreden, wo wir als Jugendliche die Stadt unsicher gemacht haben. Beide Städte nennen sich gerne: „Hättken van de Welt“ – und haben recht damit. Darüber hinaus sehe ich mich auch als Münsterländer, Westfale und Deutscher.

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Wie hat sich Ihre Heimat gewandelt?

Hermann Volmer:Früher auf dem Bauernhof wurde ich vom Krähen der Hähne geweckt…

Fritz Volmer: Des Hahns. Auf einen Bauernhof gehört nur ein Hahn.

Hermann Volmer: Wie auch immer. Früher waren Kälber auf der Weide bei ihrer Mutter...

Fritz Volmer: Stimmt nicht. Das war nie so.

Hermann Volmer: Früher habe ich wogende Kornfelder gesehen. Heute sehe ich nur noch Mais. Früher haben Pferde den Acker gepflügt und heute rattert da der Trecker.

Fritz Volmer: Das geht doch gar nicht mehr anders.

Hermann Volmer: Weiß ich auch. Aber ich fand es irgendwie schöner, die Pferde zu sehen.

Spielt das Thema Heimat auch für Jüngere eine Rolle?

Hermann Volmer: Wenn ich sehe, dass die alle nur noch mit ihren Smartphones beschäftigt sind, glaube ich, dass das Heimatgefühl langsam verloren geht.

Geht es im Netz nicht auch um Heimat? Etwa bei den Nachbarschaftsgruppen bei Facebook?

Fritz Volmer: Genau, das sollte man nicht so eng sehen. Die betreiben ihre Heimatpflege eben anders als wir.

Hermann Volmer: Aber die Beziehung zur Natur geht bei den jungen Leuten verloren. Wir sind noch durch die Wälder und Wiesen „geströpt“.

Fritz Volmer: Das sehe ich anders. Viele junge Leute sind sehr an Natur und Heimat interessiert. In Vreden kommen viele ins Naturschutzgebiet nach Zwillbrock oder in unsere Wassermühle – und stellen dort Fragen. Und mein Enkel kennt 100 Vogelarten – mehr als du.

Hermann Volmer: Der ist eine große Ausnahme. Der hat das in seiner Familie vermittelt bekommen.

Fritz Volmer: Das zeigt, dass es unsere Aufgabe ist, Kinder an die Natur heranzuführen. Das Interesse ist da.

Wie bewerten sie den Wandel der Heimat?

Hermann Volmer: Gerade beim Verhältnis zur Natur hat sich viel gewandelt, was mir nicht gefällt. Ich sehe das sehr skeptisch. Die Zersiedelung der Landschaft, die Massentierhaltung, landwirtschaftliche Monokulturen, Insektensterben – und hier in Ahaus bleibt auch die Atomkraft ein Riesenproblem.

Fritz Volmer: Heimat ist auch der Wandel der Zeit in den Städten und der Natur. Der Mensch musste immer mit Wandel leben. Manches gefällt mir auch nicht, ist aber notwendig.

  • Der Radiosender 1Live hat es vorgerechnet: Die Menschen im Kreis Borken gehören zu den glücklichsten im ganzen Land – oder sollten es zumindest. In einer groß angelegten Studie wurden statistische Daten wie Geburtenraten, Sonnenstunden und Einkommen für 30 Kreise und 22 Städte in ganz NRW verglichen. Das Ergebnis: Platz zwei für den Kreis Borken.
  • Und auch der Zusammenhalt stimmt in der Region. Dies zeigt eine Studie aus dem Jahr 2017, für die die Bertelsmann-Stiftung 5000 Personen zu ihren Einstellungen befragt hat. Neun Kriterien von Identifikation bis Solidarität wurden dabei abgefragt. Resultat der Erhebung: Nirgendwo in NRW ist der gesellschaftliche Zusammenhalt größer als in den Landkreisen Kleve, Wesel und Borken.
  • Auch die wirtschaftlichen Daten sprechen für Optimismus. So beträgt die Arbeitslosenquote im Kreis mit 3,5 Prozent weniger als die Hälfte des Landesschnitts von 7,1 Prozent. Beim verfügbaren Einkommen lag der Kreis zuletzt mit 20.920 Euro knapp unter dem Landesschnitt, Ahaus, Stadtlohn und Vreden liegen aber darüber.
  • Ein Problem offenbart der Blick auf die Statistik aber: Die demografische Entwicklung macht sich immer mehr bemerkbar. Zwar liegt die Geburtenrate im Kreis mit 1,73 Geburten pro Frau über dem NRW-Durchschnitt von 1,62, doch hat der Kreis seine Spitzenposition inzwischen eingebüßt. Noch im Jahr 2010 war er der Landkreis mit der höchsten Geburtenrate in NRW gewesen. Seitdem zog die Geburtenrate zwar weiter an, aber weniger stark als in anderen Städten und Regionen des Landes.
  • Zudem steigt der Anteil der Älteren. Zuletzt starben mehr Menschen als geboren wurden und bis 2040 rechnet der Kreis Borken mit einem Bevölkerungsrückgang um 6,7 Prozent.

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