Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige

Interview mit Caritasverband

Es mangelt an Altenpflegern

Ahaus/Vreden Nach Ansicht des Caritasverbandes für die Dekanate Ahaus und Vreden läuft die Altenpflege im Kreis personell auf eine Katastrophe zu.

Es mangelt an Altenpflegern

„Pflege ist für viele erst ein Thema, wenn sie selbst betroffen sind.“ Ob in Ahaus und im gesamten Kreis Borken in der Zukunft noch ausreichend Pflegekräfte zur Verfügung stehen, bezweifelt der Caritas-Verband für die Dekanate Ahaus und Vreden. Foto: dpa

Mindestens 4000 Pflegekräfte fehlen bis zum Jahr 2032 in der Altenpflege allein im Kreis Borken. Mit dieser Zahl rechnet Bernhard Herdering, Vorstandssprecher des Caritasverbandes für die Dekanate Ahaus und Vreden. Ein dickes Problem sei das, sagt Bernhard Herdering, der sich gemeinsam mit seinen Kollegen Wolfgang Dargel (Leiter des Caritas-Bildungswerkes Ahaus) und Matthias Wittland (Fachbereichsleiter Seniorenheime, Pflege und Gesundheit) im Interview zum Pflegenotstand äußert.

Bis 2032 dauert es ja noch ein bisschen. Wo liegen denn aktuell die Probleme?

Wittland: Pflege ist für viele erst ein Thema, wenn sie selbst betroffen sind. Wenn dann eine Pflegesituation kommt, dann haben viele Familien Bedarf – den wir im Moment in bestimmten Bereichen nicht immer abdecken können. Für die Intensiv-Versorgung liegen uns drei Anfragen vor. In einem Fall muss sich die Familie allein kümmern, weil die Kapazitäten nicht vorhanden sind. Da sind nicht nur die Dienste überlastet. Häufig sind in den Familien beide Partner berufstätig. Wo sich früher die Schwiegertochter zu Hause um die Pflege kümmerte, sind die Senioren heute allein.

Herdering: Wir müssen alsbald einen Stopp machen, weil wir die Mitarbeiter sonst mit Überstunden belasten. Dieses Beispiel aus der Intensivpflege ist exemplarisch für die Gesamtsituation. Ich gehe bei der Zahl der benötigten Pflegekräfte weit über die Zahl 1200 hinaus, über die vor einiger Zeit berichtet wurde. Durch anstehende Verrentungen bis 2032 müssen viele Pflegekräfte ersetzt werden. Wir benötigen auch viele Teilzeitmitarbeiter, die insgesamt die Zahl erhöhen

Das sind die Auswirkungen. Was sind die Ursachen?

Wittland: Die Menschen wollen immer länger in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben. Letztendlich wirkt sich der demografische Wandel aus. Es gibt mehr Senioren, die pflegebedürftig werden. Zudem entlassen die Kliniken heutzutage die Patienten früher. In einem Fall wurde eine kleine Intensivstation zu Hause eingerichtet, mit komplettem Monitoring, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Vor 20 Jahren wäre das noch nicht gegangen. Das bindet aber auch Personal.

Herdering: Wir haben vernünftige Arbeitsbedingungen, das macht einiges leichter.

Wittland: Aber trotz tariflicher Bezahlung und einer Zusatzversorgung haben wir Probleme, Mitarbeiter zu finden.

Was sagen Sie den Menschen, die pflegerisch in der Warteschleife landen

Wittland: Wir versuchen, sie in der Tagespflege unterzubringen, um punktuell Hilfe leisten zu können. Zum Teil vermitteln wir ehrenamtliche Angebote. Aber das sind Tropfen auf den heißen Stein.

Das Problem der Mitarbeitergewinnung in der Altenpflege ist doch nicht neu. Wird insgesamt zu wenig getan, um gegenzusteuern?

Herdering: Schwer zu sagen. Wir bilden an verschiedenen Standorten Altenpflegekräfte aus, aktuell in unseren Heimen und Pflegestationen 56. An unseren drei Altenpflegeschulen im Kreisgebiet Borken werden derzeit etwa 400 zukünftige Fachkräfte ausgebildet. Ich glaube nicht, dass das Berufsbild einfach nur schlecht ist. Es sind eher die Arbeitsbedingungen. Ungünstige Arbeitszeiten, auch an Wochenenden, unter Umständen in verschiedenen Schichten.

Dargel: Weniger junge Menschen verlassen die Schulen. Es findet ein enormer Wettbewerb um Auszubildende statt, gerade, wenn ich ans Handwerk denke. Mit diesen Berufen muss der Altenpflegeberuf konkurrieren. Das ist nicht leicht.

Schon gar nicht, wenn mit 50 vom Heben der Rücken kaputt ist. Ist der Job des Altenpflegers nicht einfach unattraktiv?

Herdering: Wir bieten unseren Mitarbeitern auch Rückenschule an. Was die Arbeitsplatzsicherheit und die Standortsicherheit angeht, gibt es doch fast nichts Besseres als die Altenpflege. Wer einmal in den Beruf hineingeht, der muss sich nicht sorgen, dass sein Arbeitsplatz durch die Digitalisierung wegrationalisiert wird. Auch nicht durch Pflegeroboter.

Wittland: Wir haben ein spezielles Programm, um älter werdende Mitarbeiter in der Pflege zu entlasten.

Wie sieht denn der typische Einstieg in den Altenpflegeberuf aus? Direkt nach der Schule?

Dargel: Den typischen Altenpfleger oder die typische Altenpflegerin gibt es nicht. Das kann zum Beispiel die Frau sein, die sich nach der Familienphase beruflich neu orientiert. Die Mehrzahl unserer Azubis kommt direkt nach der Schulzeit zu uns.

Herdering: Überall werden Fachkräfte gesucht. Mit einer Ausschreibung alleine bekommen sie heute keine Stelle mehr besetzt. Es gibt Altenheime im Ruhrgebiet, die dürfen manche Stationen nicht mehr betreiben, weil sie die Fachkräftequote nicht mehr erfüllen. Ohne Arbeitsmigration wird es nicht gehen. Allerdings profiliert man sich mit diesem Thema in der Politik nicht. Ordnung und Sicherheit werden heißer diskutiert.

Wittland: Seit einigen Jahren gehen wir gezielt in weiterführende Schulen, präsentieren dort die Caritas, werben für den Job und stellen das Thema Versorgung vor.

Dargel: Allerdings wird in der Öffentlichkeit der naturwissenschaftlich/technische Bereich stärker gepusht. Da muss sich die Pflegebranche insgesamt besser aufstellen und mehr werben. Andere Berufsverbände sind uns da deutlich voraus.

Sehen sich die Altenpflege-Verbände da zu sehr als Einzelkämpfer?

Wittland: Die Pflegebranche hat nicht gelernt, auf die Barrikaden zu gehen. Wir müssten unsere Forderungen besser publik machen.

Dargel: Ich sehe nicht nur die Pflege, sondern auch den Kreis und das Land in der Pflicht. Wir brauchen nicht nur Kindergärten und Freizeitangebote. Auch die Pflege muss abgesichert werden.

Sie sprachen vorhin die Außendarstellung an. Mit der Altenpflege wird verbunden, Senioren zu füttern und die Windeln zu wechseln. Müsste nicht auch die Caritas das Berufsbild positiver darstellen?

Wittland: Hochglanzprospekte bringen wenig. Es ist besser, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Vor Kurzem waren wir an der Kreuzschule in Heek und haben unsere Arbeit vorgestellt. In kaum einem anderen Beruf bekommen sie so ein unmittelbares Feedback wie in der Altenpflege. Das ist es, was diesen Beruf ausmacht.

Dargel: Die Altenhilfeträger müssen mehr machen, sie können auch mehr machen. Durch die Beteiligung an Berufsorientierungsmessen, durch Tage der offenen Tür für Ausbildungswillige und durch Öffentlichkeitsarbeit ist da noch vieles möglich.

Anzeige
Anzeige