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Satz fürs Geschichtsbuch

Ahaus "Das tritt nach meiner Kenntnis... ist das sofort, unverzüglich." Mit diesem holprigen Satz hat Günter Schabowski am 9. November 1989 die Öffnung der Mauer verkündet und sich in das Buch der deutschen Geschichte eingeschrieben - nicht als Held, sondern als Getriebener und Geblendeter.

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Daran lässt der jetzt 78-Jährige am Mittwochabend im Ahauser Schloss selbst keinen Zweifel. In der Reihe der Zeitgenössischen Selbstporträts der VHS erinnert sich das "politische Fossil" (Schabowski über Schabowski) an den Untergang der DDR.

Der Anfang vom Ende

Und der begann am 2. Mai 1989, erinnert sich Schabowski. "Das war an einem Dienstag: Honecker durchbrach die Monotonie der wöchentlichen ZK-Sitzung: 'Habt ihr schon gehört? Die Ungarn haben ihren Stacheldraht an der Grenze zerschnitten. Heinz (Verteidigungsminister Heinz Keßler), sprich doch mal mit deinen Partnern in Budapest, was das denn soll!'"

Auf die DDR gesetzt

Wie ein distanzierter, anfangs mitunter müder Chronist gewährte der frühere Spitzenfunktionär Schabowski Einblicke in das Innenleben des Politbüros, das die Bedeutung der ersten Risse im Eisernen Vorhang völlig unterschätzt.

Montagsdemonstrationen und Massenflucht setzten aber das Regime immer mehr unter Druck - bis sich einige ZK-Mitglieder, darunter Schabowski, konspirativ entschlossen, Honecker abzusetzen. "Wir haben gehofft, so die rissige Macht der SED so kitten zu können. Ich war noch am 9. November davon überzeugt, dass die DDR Bestand haben werde. Aber das war eine Illusion."

Anfang November überschlugen sich die Ereignisse. Die Strippenzieher hatten die Fäden längst nicht mehr in der Hand und versuchten mit einer hastig erstellten Regierungsverordnung zur Reisefreiheit die Gemüter zu beruhigen - bis zu jener chaotischen und berühmten Pressekonferenz mit den bekannten Folgen.

Die Öffnung der Grenzen habe letztlich auch ihm die Augen geöffnet über den Selbstbetrug der DDR. Staunen im Publikum: Ob er denn all die Jahre wirklich an den Sozialismus geglaubt habe - trotz Wahlbetrug und Mauertoter?

Jetzt kommt Leben in den alten Mann. Erregt gestikulierend schildert er, wie er als "junger Spund" nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus und des Krieges an eine bessere Welt geglaubt habe - und dann der Ideologie hörig wurde.

Lieber Einsicht als Reue

Gab es ein Damaskuserlebnis, das ihn vom Saulus zum Paulus bekehrt habe, will VHS-Direktor Dr. Claus Urban abschließend wissen. Den Vergleich mag Schabowski nicht. Das klänge irgendwie nach Reue und Schuld. "Mir aber geht es heute um Einsicht und Begreifen. Und ich habe begriffen." Dafür entlässt ihn das Publikum mit herzlichem Applaus. gro

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