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Elternkreis der Menschen mit Behinderung ist seit 40 Jahren in Ahaus aktiv

Wenn Handicaps nicht zählen

Ahaus Seit 40 Jahren gibt es den Eltern- und Freundeskreis der Menschen mit Behinderung Ahaus. Der Kampf gegen Unwissenheit ist aktuell wie nie.

Wenn Handicaps nicht zählen

Die Inklusion von Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz und in der Freizeit gehören seit 40 Jahren zu den Zielen des Eltern- und Freundeskreises der Menschen mit Behinderung Ahaus. Grothues

Heike Mönkediek hat einige beschriebene Blätter Papier mitgebracht. Der Text auf der ersten Seite beginnt mit einem Zitat des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. „Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann.“ Das ist noch nicht das Ende des Zitats, doch der Einstieg in das Gespräch mit Heike Mönkediek, ihrem Vorstandskollegen Michael Koopmann und Marlis Groten. Alle drei sind aktiv im Eltern- und Freundeskreis der Menschen mit Behinderung Ahaus. Der Verein existiert seit nunmehr 40 Jahren.

Anregung von Pfarrer Ludwig Bringemeier

Marlis Groten gehört zu den Gründungsmitgliedern. Die heute 84-Jährige war 1978 Vorsitzende des Sozialausschusses des Pfarrgemeinderates St. Mariä-Himmelfahrt. Das Gremium griff damals die Anregung von Pfarrer Ludwig Bringemeier auf, für die Menschen mit Behinderung und deren Familien etwas zu tun. Marlis Groten: „Die Eltern waren am Anfang ganz allein. Sie wurden auch allein gelassen, zum Teil von der eigenen Verwandtschaft. Das hat richtig wehgetan.“

Die Menschen mit Behinderungen wurden von ihren Familien betreut und waren in der Öffentlichkeit kaum zu sehen. Das änderte sich mit dem ersten Treffen von Betroffenen und Angehörigen. Marlis Groten: „Dem Aufruf folgten 54 Elternteile.“ Von dem Tag an traf sich der Eltern- und Freundeskreis jeden ersten Montag im Monat. Vier Jahre später, 1981, folgte die Vereinsgründung. Der Verein erreichte, dass 1985 in Ahaus eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen als Außenstelle von Haus Hall errichtet wurde, 1989 folgte die Einweihung des ersten Wohnheims (Bischof-Tenhumberg-Haus); 1999, 2003 und 2007 eröffneten Außenwohngruppen unter Trägerschaft des Caritasverbandes.

Familien zur Seite stehen

Über vier Jahrzehnte hat sich vieles verändert. Die Gründungsmitglieder, damals junge Eltern, sind heute um die 70. Aus dem „Nichts“ an Unterstützung entwickelte sich die Versorgung der Menschen mit Behinderungen durch verschiedene Träger. „Was aber nicht heißt, dass heute alle Eltern über alles informiert sind“, sagt Michael Koopmann. Auch wenn sich in Sachen Rechtsprechung viel getan habe, so bleibe doch vieles noch offen. Ein Grund mehr, dass der Verein nach wie vor die Belange junger Familien im Blick hat. Heike Mönkediek: „Was, wenn das eigene, gehandicapte Kind 18 Jahre alt ist? So lange es in den Kindergarten oder in die Schule geht, läuft alles geregelt ab. Aber was ist danach? Wie sieht es mit einem Arbeitsplatz und einer Wohnung aus? Welche Aufgaben kommen auf die Eltern zu, wenn es um die finanziellen Belange geht?“ Oftmals würden Eltern von einem Wust an Formalitäten erdrückt. Heike Mönkediek: „Da wollen wir helfen. Wir wollen den Familien zeigen, dass sie nicht allein sind mit ihren Problemen.“ Michael Koopmann ergänzt: „Es ist wichtig für Eltern zu hören, dass es andere gibt, denen es ähnlich ging oder geht.“ Gespräche seien auch im Jahr 2018 und in Zeiten des Internets so wichtig wie anno 1978. Heike Mönkediek: „Das Internet kann die persönliche Diskussion und den Austausch nicht ersetzen.“ „Dr. Google“ schon gar nicht. Heike Mönkediek: „Wir wollen die Eltern direkt auffangen, bei deren Kind eine Behinderung diagnostiziert wurde.“ Nicht immer stehe schon mit der Geburt fest, dass das Kind ein Handicap habe. Manchmal werde eine Behinderung erst einige Jahre später festgestellt. „Manchmal vertröstet auch der Kinderarzt, das Kind sei ein Spätentwickler.“

Verein zählt 100 Mitglieder

Wer dann als Betroffener Erfahrungsaustausch sucht, wer seine Interessen vertreten sehen möchte, wer seinem Kind die Integration erleichtern möchte, der ist beim Eltern- und Freundeskreis bestens aufgehoben. An die 100 Mitglieder zählt der Verein aktuell, „wobei jede Familie als ein Mitglied gezählt wird“, erklärt Heike Mönkediek. Der Mitgliedsbeitrag beträgt 15 Euro jährlich. Mittel, die nicht dafür ausreichen, große Veranstaltungen zu schultern. Der Verein ist auf Spenden angewiesen. Allerdings sind auch die über Jahrzehnte verlässlichen Spender in die Jahre gekommen. Was geschieht mit der Vereinsarbeit, wenn die Unterstützung wegfällt? Der Vorstand hofft natürlich, dass seine Arbeit Früchte trägt und auch künftig Spender und Vereinsmitglieder gewonnen werden. Wobei es Vereinsmitglieder gibt, die kein behindertes Kind haben. Heike Mönkediek: „Sie wollen sich ganz einfach engagieren, ehrenamtlich tätig sein und sehen, dass ihre Arbeit Früchte trägt.“ So wie beim Sommerfest auf dem Ferienhof Eilers in Barle, einer der Höhepunkte im Vereinsjahr. Behinderte und Nichtbehinderte feiern zusammen. „Das ist gelebte Inklusion“, sagt Heike Mönkediek.

Geld allein reicht nicht

Erfahrungen und Erlebnisse, die sich mit Geld nicht bezahlen lassen. Heike Mönkediek: „Mit Geld allein ist die Arbeit nicht getan.“ Weil das so ist, wünscht sich der Verein zum Beispiel einen Behindertenbeirat in der Stadt Ahaus. „Mit einem Mitspracherecht, was beispielsweise die Spielplatzgestaltung angeht.“ An gehandicapte Kinder sei bei dem neuen Leuchtturmspielplatz „Westernstadt“ wohl nicht gedacht worden. An Firmen appelliert der Verein, integrative Arbeitsplätze einzurichten. „Viele Chefs wissen gar nicht, dass es dafür Fördergelder gibt.“ Der Kampf gegen die Unwissenheit ist auch nach 40 Jahren Tätigkeit für den Eltern- und Freundeskreis keineswegs vorbei. Darum schließen wir diesen Text mit dem zweiten Teil des Weizsäcker-Zitates: „Lassen Sie uns die Behinderten und ihre Angehörigen auf ganz natürliche Weise in unser Leben einbeziehen. Wir wollen ihnen die Gewissheit geben, dass wir zusammengehören.“

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