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Das Ende der Daumenschraube

Rhade Nummer 85 will heute nicht so recht. Sie tritt aus, gibt grollende Laute von sich, die aus der Tiefe ihres großen Körpers kommen, guckt mit weit aufgerissenen Augen hastig hin und her. Matthias Krampe, Jungbauer, kennt das schon: "Die Nummer 85 ist ein bisschen zickig, weißt du doch."

Sein Vater, Hubert Krampe, kennt das Verhalten der 85 durchaus, "zickig" wird die Kuh eigentlich nur dann, wenn er sie wie jetzt auf den Melkstand treibt. "Heute sind wir ein bisschen zu früh dran, daher werden die Tiere nervös."

Sein ganzes Leben schon arbeitet der 57-Jährige als Milchbauer in Rhade. Den Hof hat Krampe von seinem Vater übernommen, da war er keine 30. Damals befand sich der Betrieb noch im Dorf Rhade, doch irgendwann brauchte der Milchbauer mehr Platz für seine Tiere, seinen Hof. Er siedelte daher etwas außerhalb an. "Ich habe mit 25 Kühen angefangen, heute sind es mehr als hundert."

Über 115 Hektar Nutzfläche verfügt der Hof Krampe, zur Zeit werden außerdem 600 Mastschweine dort aufgezogen. "Im Jahr produzieren wir 1800 Schweine", erzählt Hubert Krampe. Der Landwirt baut außerdem Mais, Ackergras und Getreide an. Ohne diese "Standbeine" wäre das wirtschaftliche Überleben für den Rhader Milchbauern in der Vergangenheit wohl schwer geworden. Denn: "Der Milchpreis war in den letzten Jahren ruinös." Durch den Preisdruck auf dem Milchmarkt lag der Literkurs bei 26 Cent. Vor allem die Discounter haben die Molkereien unter Druck gesetzt, Kundschaft häufig mit superbilligen Milchprodukten gelockt. Bis vor kurzem war das Angebot größer als die Nachfrage, der Einzelhandel konnte so Molkereien und Bauern unter Druck setzten. "In der EG wurden 120 % des Verbrauchs produziert", weiß Landwirt Krampe. Jetzt hat sich das Blatt gewendet: Durch Produktions-Probleme auf dem Weltmarkt und eine stetig steigenden globalen Konsum an Milchprodukten, können die Bauern jetzt mehr für ihre Milch verlangen, ein Wandel vom "Käufermarkt zum Verkäufermarkt". Hubert Krampe bekommt jetzt 30 Cent, bis Herbst sollen es 33 Cent werden. Für überfällig hält der Landwirt diese Erhöhung: "Das war jetzt das Ende der Daumenschraube, dieser Druck war nicht mehr auszuhalten."

Für Investitionen in seinen Betrieb hatte Hubert Krampe in der Vergangenheit wenig Mittel. Den Boxenlaufstall für seine Kühe hat der Rhader Milchbauer schon 1985 gebaut. "Die Tiere haben es gut, es gibt einen Liege-, einen Fress-, einen Melkbereich." Dennoch: Wegen der stark gedrückten Preise war Krampe mit seiner Milchwirtschaft immer am Rande der roten Zahlen. Doch aufgeben war für den Landwirt, anders als für viele seiner Kollegen in Deutschland, nicht drin. Zu sehr hängt Hubert Krampe an seinem Betrieb, an den Tieren. "Wer sich einmal mit der Kuh befasst, der wird zum Kuh-Fan", schmunzelt der Milchbauer. Dass sein Sohn Matthias den Traditions-Hof - seine Anfänge hat der Rhader Betrieb im 15. Jahrhundert - übernehmen will, freut ihn daher besonders. "Als Milchbauer muss man mit Herz dranhängen", sagt der Landwirt. "Mehr als 70 Wochenstunden sind die Regel, Urlaub ist nur selten drin." Und trotzdem - ein Leben für die Kuh: Hubert Krampe gibt Nummer 85 einen sanften Klaps, er hängt an seinen Kühen - auch an den zickigen. ah

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