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Autofahren im Alter

Dorstens Senioren wollen sich Führerschein nicht nehmen lassen

Dorsten Autofahren im Alter ist keine Kunst. Die Altersfreigabe auf den Straßen nach oben hin unbegrenzt. Doch wie fahrtüchtig sind Senioren wirklich? Alters- und Verkehrsmediziner Dr. Marco Michels ermunterte Dorstener Senioren bei einer Vortragsveranstaltung dazu, sich nicht von der Straße drängen zu lassen. Vorausgesetzt, sie fühlen sich fit.

Dorstens Senioren wollen sich Führerschein nicht nehmen lassen

Dr. Marco Michels, Alters- und Verkehrsmediziner am St.-Elisabeth-Krankenhaus Dorsten, vor dem Bild eines rüstigen Pensionärs am Steuer mit Führerschein in Sütterlinschrift. Autofahren sei bis ins hohe Alter möglich, sagt der Mediziner. Aber ein paar Voraussetzungen müssten erfüllt sein. Foto: Claudia Engel

Wie fahrtüchtig sind Senioren? Verkehrs- und Altersmediziner Dr. Marco Michels sagt: „Ich finde es frech, zu fordern, dass Rentner aufs Auto verzichten sollen.“ Das wollen aber 13 Prozent der Bürger. Und 41 Prozent meinen gar: Mit leichter Demenz haben die Alten auf den Straßen nichts mehr zu suchen. Dr. Michels findet: „Das ist Quatsch!“ Wasser auf die Mühlen von 50 älteren Dorstenern, die interessiert dem Vortrag des Mediziners auf Einladung des Dorstener Seniorenbeirates lauschten.

Oppa, gib die Fleppe ab

Reinhold Straub ist 88 Jahre alt und ein reizender älterer Herr. Sachlich schildert er ein Erlebnis, das er beim Autofahren hatte. Wie ein jüngerer Pkw-Fahrer von hinten heran preschte und die Lücke in der Autoschlange schloss, damit er mit seinem Fahrzeug nicht mehr einfädeln konnte. Der Senior mit 63-jähriger Führerscheinpraxis musste sich im Stau dann noch von dem jüngeren Fahrer abkanzeln lassen: „Oppa, gib die Fleppe ab, du taugst nicht mehr für den Straßenverkehr.“

Verantwortung muss jeder für sich übernehmen

Wann sollte man denn die Finger vom Lenkrad lassen? Dr. Marco Michels zählte Krankheitsbilder auf, die eine Teilnahme im Straßenverkehr ausschließen. Zum Beispiel Altersverwirrtheit, wobei leichte Vergesslichkeit – „Wie heißt du noch mal?“ – kein Grund sei, aufs Autofahren zu verzichten. „Aber bei fortschreitender Demenz darf man nicht mehr fahren. Ein Dementer erlebt sich selbst nicht als dement, da müssen andere einschreiten“, sagte der Mediziner. Gleichwohl seien regelmäßige Medikamenteneinnahme oder eingeschränkte Beweglichkeit kein Grund, aufs Fahren zu verzichten. „Wenn die Blutdruckmedikamente gut eingestellt sind und Sie sich gut fühlen, dürfen Sie fahren.“ Bei eingeschränkter Seh- und Hörfähigkeit, zwei Sinne, die im Straßenverkehr überlebenswichtig sind, rät der Mediziner zum Fahrverzicht. Es gebe aber auch zeitlich begrenzte Fahrverbote, etwa nach der Diagnose von Epilepsie. Das könne aber auch jüngere Menschen treffen.

Es gibt günstige Alternativen zum Autofahren

Heidrun Römer, Seniorenbeiratsvorsitzende und Hilde Jaekel vom Seniorenbeirat trugen gute und günstige Alternativen bei, wie man in der Flächenstadt Dorsten trotz Führerscheinabgabe mobil bleiben kann. „Eine Taxifahrt ist oftmals günstiger als der Unterhalt und die Reparatur eines Autos, das viel herumsteht“, sagte Hilde Jaekel. Außerdem gebe es für Bedürftige auch einen Taxifahrschein der Krankenkasse.

Heidrun Römer warb mit warmen Worten für ein Experiment der Vestischen in Gladbeck, das kreisweit Schule machen könnte, wenn viele Senioren den Dienst in Anspruch nähmen: „Die Senioren geben ihren Führerschein freiwillig ab und erhalten im Gegenzug einen Freifahrschein für den ÖPNV, der nach einer Testphase dann zu einem geringen Entgelt verlängert werden kann.“ So weit ist es bei Reinhold Straub aber noch nicht. Er will die Anregung aufgreifen, eine freiwillige Fahrstunde in einer Fahrschule zu absolvieren. Ein Vorschlag, den der Verkehrsmediziner allen Senioren gemacht hat. „So können Sie für sich entscheiden, ob sie fahren können oder es lassen sollen.“

Dazu ein Kommentar

Ein Führerscheinentzug ist schmerzlich. Alte Menschen trifft er ins Mark: Die Führerscheinabgabe ist für sie ein schwerwiegender Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte, er erschüttert ihr Selbstwertgefühl, er engt ihren Bewegungsradius ein. Junge Menschen neigen schnell dazu, Älteren die Fähigkeiten abzusprechen, Auto zu fahren. Dabei gibt es in Deutschland keine Altersgrenze fürs Autofahren. Und ältere Menschen sind überwiegend keine Problem-Autofahrer. Dazu werden sie erst, wenn sie ihre Fahrtüchtigkeit überschätzen. Der Vorschlag des Verkehrsmediziners, in regelmäßigen Abständen eine Fahrstunde zu nehmen, um sich seiner Fähigkeiten zu vergewissern, ist annehmbar. Dann kann ein unabhängiger Fachmann die Bremse ziehen, wenn die Selbsteinschätzung trügerisch war. Mit den Folgen eines schweren Unfalls aus eigener Unzulänglichkeit möchte wohl kein Mensch sein Gewissen belasten. Claudia Engel

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