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Hitlers Tischmonologe im Alten Rathaus

DORSTEN Die Aufführung Hitlers Tischmonologe im Alten Rathaus am Dienstagabend hinterließ bei den Zuhörern einen mehr als bitteren Nachgeschmack. Ein Beispiel dafür, wie aus Geschwafel am nächsten Tag Politik gemacht werden kann.

Hitlers Tischmonologe im Alten Rathaus

Schauspieler Andreas Breiing monologisierte endlos als Hitler und hinterließ bei seinen Zuhörern Schauder des Entsetzens.

Hitler redete gerne bei Tisch. Zur Not auch mit sich selbst, denn zu Wort kamen seine Tischgenossen bei seinen verbalen Ausbrüchen selten. Ihre Funktion war es, ein williges, stummes Publikum zu sein. Und wenn es mal länger dauerte, durchaus im Schichtdienst. Manche der Anwesenden mussten schließlich, anders als Langschläfer Adolf, schon wieder früh aus den Federn.

Greifbarer Alptraum

So philosophierte der Führer über dies und das: die Vorteile des Vegetarismus, die Rolle der Frau in der Gesellschaft, das Muskeltraining seines rechten Arms mit dem Expander, uneheliche Kinder, seine Vorstellung wahrer Kunst. Parlierte er vom Bolschewismus und warum die Juden dem Arier Jesus Christus den Garaus machten. Gern hätte man diese Szenen in Gedanken in die örtliche Kneipe verlegt, dem trunkenen Unsinn plappernden Adolf das letzte Bier gewährt und ihn im Taxi nach Hause in sein Bett verfrachtet. Doch jener Adolf, der dies sagte, hieß Hitler mit Nachnamen. Und statt als Stammtischgeschwafel zu enden, wurden viele seiner Äußerungen zu Tisch am nächsten Tag nationale Politik. Ein Alptraum, der für das Publikum im Alten Rathaus greifbar wurde. Schließlich waren auch sie im Tischkreis versammelt, vor Kopf Schauspieler Andreas Breiing, der mit Schnauzbart und knarrender Stimme Hitler verkörperte.

Figur entmythologisieren

Ziel der Aufführung sei es, "die Kultfigur Adolf Hitler zu entmythologisieren", hatte Produzent Carsten Krystofiak zu Beginn der Veranstaltung erklärt. Ein Prozess, der beim anschließenden Publikumsgespräch viele Fragen aufwarf. Denn das Fatale an diesen stenographierten Aufzeichnungen war nicht nur ihre Aktualität: Polemiken wie diese wehen auch heutzutage, wenn auch in abgewandelter Form, öfter mal über das politische Parkett. Mit seiner Darbietung gelang es Andreas Breiing vor allem, die Zuschauer selbst zu entlarven.

Vor der Empfänglichkeit für Hitlers dargebotenen Mix aus banalen, propagandistischen und emotionalen Thesen schützt uns heute das Wissen um das, was daraus entstanden ist. Eine schauderhafte Erkenntnis...

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