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Lesestoff, der süchtig macht

Dorsten Es ist Freitagabend kurz vor Mitternacht. Der Vollmond hängt dickbäuchig über der Altstadt. Die Ladentüren sind verschlossen. Nur ein paar Gestalten lungern hier rum...

Worauf warten die bloß? Sitzen auf einer Bank vor der Buchhandlung "Weltbild". Stehen vor dem Schaufenster, trippeln nervös von einem Fuß auf den anderen. "Nein, er wird nicht sterben!", entrüstet sich ein Junge gegenüber seinem Kumpel. Plötzlich schleichen zwei gelbe Autos im Schritttempo durch die Fußgängerzone. Die Post. Was liefern die denn noch?

Im Ladeninneren der Buchhandlung tut sich etwas: Drei Hexen mit spitzen schwarzen Hüten und Flattergewändern flitzen hin und her, schleppen einen dampfenden Kessel heran. Eine Hexe kurbelt die Glastür auf, die Gestalten strömen herein, eilen zu einem Büchertisch, grabschen gierig nach einem dicken Buch: "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes" steht auf dem Titel. Es ist der siebte und letzte Harry Potter-Band, der um Mitternacht auf Deutsch erscheint.

Und jetzt ist klar: Hier sind die wahrhaft Süchtigen. So wie Mandy (20) und ihre Cousine Lisa (13), die darauf hoffen, dass alles gut ausgeht: "Wir werden es sofort lesen!" Die Neugier hält wach. Der Buchhändler des Vertrauens hat sich darauf eingestellt, reicht Zaubertrunk und Zauberstäbchen und natürlich den Zauberstoff: Harry Potter.

Warum machen die Geschichten um diesen bebrillten Zauberschüler so süchtig? "Sie sind einfach spannend!", meint der 21-jährige Phi-Long, der sich seinen Potter noch eben vor dem Diskobesuch besorgt. "Der Schreibstil reißt mit, man kann den Alltag vergessen, in einer anderen Welt versinken", erklärt Sarah Rind, die vor Potter nie freiwillig ein Buch in die Hand nahm.

Die Kundin der "Altstadtbuchhandlung" (die neben der Buchhandlung "schwarz auf weiß" auch einen Mitternachtsverkauf veranstaltete) hat für das nächtliche Lesen sechs Stunden vorgeschlafen. Aber was, wenn die letzte Seite erreicht ist? Buch schließen, kalter Entzug? "Dann kommt irgendwas Neues!", spricht Sarah Rind mit dem Optimismus einer Abhängigen, die längst der wohl gesündesten Sucht der Welt verfallen ist: Dem Lesen. AR

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