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Lieder sind die Schlagzeilen der Emotionen

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Dorsten Zeitungsboten verkünden Schlagzeilen eines Jahrzehnts: "Bürgerliches Gesetzbuch eingeführt, Eröffnung des ersten Kinos, erste Dauerwelle..." Schlagzeilen erzählen über Zeit-, Kultur- und Sozialgeschichte, aber mehr noch die Lieder ihrer Zeit - denn in ihnen klingen Liebe, Leid und Leidenschaft. Lieder sind die Schlagzeilen der Emotionen.

"Jahrhundert Revue. 1900 bis 2000" - mit der musikalischen Chronik eröffnete das Kulturbüro in der ausverkauften Aula der Realschule die Saison. Das Ensemble der Schlossfestspiele Ettlingen und des Theaters im Rathaus Essen begeisterte mit einer Zeitreise durch Melodien und Lieder des 20. Jahrhunderts. Das deutsche Kaiserreich wird anfangs im Trauermarsch zu Grabe getragen, es folgen Marsch-Medley und zeitkritische Zeilen zum Wahnsinn des Krieges.

Blutgetränkt

"Blutgetränkte Schlagzeilen, wo man nur hinschaut, als ob man in diesem zweiten Jahrzehnt nichts hätte, an das man sich gerne erinnert", kommentiert ein Darsteller. Schon reißt sich das Gesangsoktett die graue Kluft vom Leib, schon glitzern die goldenen Zwanziger durch Pailletten und Strass. "Jetzt wird nicht mehr marschiert, Süßer. Wir sind in den 20-ern - da wird getanzt!", haucht eine verruchte Schönheit. Doch die freiheitsbetonte Ära des Charleston, Swing und Jazz währt nur kurz. Sehr bald wird wieder im Gleichschritt marschiert.

Bedrückendes Bild

Die eindringlich dargestellten 30-er Jahre mögen Zeitzeugen unangenehme Erinnerungen beschert haben. Besonders der dramatische Abschluss mit Bombeneinschlägen und Sirenengeheul. Auch die Propaganda-Töne von Adolf Hitler, die roten Hakenkreuzbinden an den Kostümen und die mechanisch hochgekurbelten Hände zum Hitlergruß schufen ein bedrückend bewegendes Bild.

Glücklicherweise folgte die (musikalische) Befreiung und die Darsteller schienen sichtlich Spaß an den Evergreens der 40-er und den flotten Oldies der 50-er zu haben. So wurde die Italiensehnsucht zu Zeiten des Wirtschaftswunders schnulzig persifliert, die Heimatidylle mit roten Zipfelmützen ironisiert und von kreischenden Frauen in aufgebauschten Röcken karikiert. Die Beatles-Songs, die friedensbewegten Flower-Power-Hits der 70-er und die Lieder der jüngsten Vergangenheit - vereint in einem würdigen Repertoire.

Geschickte Musikauswahl, perfekt minimalistischer Einsatz von Requisiten, variationsreiche Kostüme, überzeugende Live-Band und Gesangsleistungen - das sind nur einige der Elemente, die zum furiosen Finale mit stehenden Ovationen führten. Das Jahrhundert ist passé. Die zerknüllten Schlagzeilen füllen die Bühne - was bleibt, sind Gefühle. ar

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