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"Wäre ja nicht erschossen worden"

Dorsten "Ich hätte das Politbüro ja verlassen können, ich wäre ja nicht erschossen worden." Nach zweieinhalb Stunden sah sich Günther Schabowski am Donnerstagabend im Alten Rathaus mit dem wohl schwierigsten Aspekt seines Vortrages konfrontiert: dem Schießbefehl an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenzen.

"War der Schießbefehl ein Thema im Zentralkomitee?", lautete die letzte Frage aus dem Zuschauer-Raum. Kritisch nahm Günther Schabowski (Foto) Stellung, erläuterte, dass es damals eine offizielle Version gab, die von der "Verhinderung von Grenzdurchbrüchen" sprach. Auch er, der "Schabowski", wie sich der fast 79-Jährige im Verlauf seines Vortrages oft nannte, hätte wahrscheinlich zur damaligen Zeit darauf verwiesen, dass diese DDR-Bürger vom Kapitalismus zur Flucht verführt wurden. Erst während des gegen ihn geführten Prozesses 1997 sei ihm bewusst geworden, dass er eine Mitschuld trug.

Vor der Fragerunde gab das ehemalige Mitglied des höchsten politischen Gremiums der ehemaligen DDR einen persönlichen Einblick in die Arbeit des Politbüros. Der diplomierte Journalist, der vom Trägerverein des Alten Rathauses eingeladen worden war, beschränkte sich dabei aber auf einige Begebenheiten der DDR-Endzeit.

Im ersten Teil ging es um "Die ungarische Initialzündung vom 2. Mai 1989". An diesem Tag hatten ungarische Grenzer die Stacheldraht-Barriere zu Österreich durchschnitten. Schabowski zeigte detailliert die Reaktion Erich Honeckers und anderer Genossen auf. Im zweiten Part ging der 78-Jährige auf Honeckers Sturz ein, der am 1. Oktober 1989 mit einer Abstimmung besiegelt wurde. Selbst Honecker hatte damals für seine Absetzung gestimmt, gefangen in der kommunistischen Ideologie nach dem Motto "Die Mehrheit hat immer Recht".

Kein Versehen

Im Schlussteil räumte Schabowski mit der Legende vom 9. November 1989 auf. Er habe die Regierungsverordnung zur Reise-Freiheit der DDR-Bürger nicht versehentlich verlesen, allerdings habe er nicht gewusst, dass die Grenzpolizisten nicht in Kenntnis gesetzt worden waren. So seien die chaotischen Verhältnisse an den Grenzen entstanden. "Es war ein Wunder, dass da nicht mehr passiert ist." Seinen Vortrag schloss Schabowski mit dem kritischen Hinweis: "Leider ist von dem damaligen Glücksempfinden heute nicht mehr viel übrig geblieben." Für seinen fesselnden Vortrag erntete das ehemalige SED-Mitglied viel Applaus, anschließend stellte er sich den teilweise kritischen Fragen und zeigte wie so oft in seinem Vortrag, dass er mit seiner Vergangenheit gebrochen hat. Daniel Maiß

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