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Vor 90 Jahren wurde Lütgendortmund eingemeindet

Als die Nachbarn ein Auge auf Lütgendortmund warfen

Lütgendortmund Vor 90 Jahren wurde Lütgendortmund eingemeindet, gehört seitdem zu Dortmund. Die Freude darüber hielt sich in engen Grenzen. Bis die Nachbarn sich den Ort schnappen wollten.

Als die Nachbarn ein Auge auf Lütgendortmund warfen

Dortmund oder Bochum? Vor 90 Jahren wurde Lütgendortmund eingemeindet.

Innerhalb von nur einem Jahr sorgte das damals noch beschauliche und vor allen Dingen selbstständige Lütgendortmund gleich zwei Mal für Schlagzeilen. Zunächst einmal am 1. April 1928. An diesem Tag war es vielen Lütgendortmundern nicht nach Aprilscherzen zumute, denn sie hielten die von diesem Tag an gültige Zugehörigkeit zu Dortmund für einen schlechten Witz.

Und tatsächlich brachte die Eingemeindung wesentliche Veränderungen mit sich. So verlor das Amt seine Eigenständigkeit und viele Bürger auch noch ihre Adresse. Denn mit der Eingemeindung mussten viele Straßennamen, die es sowohl in Lütgendortmund als auch in Dortmund gab, unbenannt werden.

Neue Straßennamen wurden nötig

So wurde beispielsweise aus der Bahnhofstraße der Lütgendortmunder Hellweg, aus der Amtsstraße die Westricher Straße oder aus der Oespeler Straße die Lütgendortmunder Straße. Für Ärger sorgte auch das eigenmächtige Handeln Dortmunds. Mit Hilfe des „Gesetzes über die weitere Neuregelung der kommunalen Grenzen im Westfälischen Industriebezirk“ hatten die Dortmunder über den Kopf der Gemeinden und des Landkreises hinweg Fakten geschaffen.

Als die Nachbarn ein Auge auf Lütgendortmund warfen

So sah die Zeche Neu-Iserlohn II, die letztlich Bochum zugesprochen wurde, in den 1920er Jahren aus.

Das bedeutete den Wegfall der Ämter Lütgendortmund und Marten. Außer diesen beiden Orten verleibte sich Dortmund außerdem noch die Gemeinden Kirchlinde, Bövinghausen, Oespel und Kley ein.

Kein Wunder also, dass der Eingemeindung einige Streitigkeiten vorausgegangen waren. Die Lütgendortmunder Amtszeitung schrieb damals kurz nach der Angliederung: „Auch heute noch steht der größte Teil der Bevölkerung des Landkreises den Vorteilen der Eingemeindung skeptisch gegenüber.“

Einweihung des neuen Saalbaus

Dortmunds damaliger Oberbürgermeister Ernst Eichhoff schickte zunächst Grußworte zum 1. April 1928, in denen er versprach, dass die eingemeindeten Orte, zu denen auch die Stadt Hörde zählte, nicht untergehen, sondern aufgehen und aufblühen würden. Aber angesichts der Vorbehalte ließ er es nicht dabei, sondern tat das, was später auch viele seiner Nachfolger taten, wenn es zwischen Dortmund und Lütgendortmund kriselte: Er kam persönlich vorbei, um die Wogen zu glätten.

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Die Einweihung des neuen Saalanbaus des Lütgendortmunder Volksgartenrestaurants ein paar Tage nach der Eingemeindung kam ihm gerade Recht für einen solchen Besuch. Bei einem zünftigen Krug Bier warb Eichhoff noch einmal intensiv für die zukünftige Zusammenarbeit.

An der war der Stadt Dortmund aus mehreren Gründen gelegen. Denn einerseits brauchte sie dringend Flächen für Wohnungsbau, anderseits versprach die Zeche Neu-Iserlohn in Lütgendortmund dem Dortmunder Kämmerer stattliche Steuereinnahmen. Einnahmen, auf die auch die Bochumer schielten.

Oespel und Kley sollten zu einem neu zu bildenden „Ruhrkreis“ kommen

Der Nachbarstadt kam dann noch im gleichen Jahr ein Erlass des preußischen Innenministers zugute, der einen Teil der Neugliederung wieder rückgängig gemacht hätte. Der Erlass sah vor, die neuen Dortmunder Stadtteile Lütgendortmund und Bövinghausen wieder von Dortmund abzutrennen und nach Bochum einzugemeinden, Oespel und Kley sollten einem neu zu bildenden „Ruhrkreis“ zugeordnet werden.

Als die Nachbarn ein Auge auf Lütgendortmund warfen

Die Zeche ist inzwischen verschwunden, aber diese alte Halle am Lütgendortmunder Hellweg hat den Wandel überlebt. Foto: Stephan Schütze

Natürlich ging es auch bei diesem Plan um viel Geld. So hatten sich die Bochumer überlegt, die Schachtanlagen Neu-Iserlohn I und II sowie die Benzolaufbereitungsanlage der Zeche Amalia im Bereich Holte mit anderen Anlagen der Harpener Bergbau AG in einem Gemeindegebiet zu vereinen. Denn die Beschäftigten der Zeche Neu-Iserlohn II wohnten zu 69 Prozent in Lütgendortmund, die von Neu-Iserlohn I zu 43 Prozent in Lütgendortmund und Kley.

Trotzdem stand das Vorhaben in erheblichen Widerspruch zu allen wirtschaftlichen, verkehrsmäßigen und kulturellen Zusammenhängen der Orte.

Die Stadt Dortmund begegnete dem drohenden Verlust ihres neuen Vororts mit einem Gutachten. Darin hielt sie fest, dass Lütgendortmund, Bövinghausen, Oespel und Kley seit Jahrhunderten in Wirtschaft, Siedlung und Kultur untereinander und mit Dortmund, nicht aber mit Bochum verbunden waren. Zum Beweis wies die Stadt darauf hin, dass 77 Prozent aller Fahrkarten am Bahnhof Lütgendortmund für Fahrten nach Dortmund ausgestellt würden und nur 23 Prozent für andere Orte, darunter Bochum.

Dortmunder oder Bochumer?

Auch die Lütgendortmunder Amtszeitung fand die Zugehörigkeit zu Dortmund anscheinend allemal besser als die zu Bochum. In einem Artikel von damals heißt es: „Wir möchten sogar behaupten, dass 80 Prozent der Bevölkerung Lütgendortmund und Bövinghausens in ihrem Leben noch nicht einmal in Bochum gewesen sind, ebenso geht es mit Oespel und Kley.“

Das war wahrscheinlich übertrieben. Dennoch entschied das preußische Innenministerium Ende 1928, keine neuen Veränderungen vorzunehmen. Bochum wurden im Gegenzug die Gemeinden Werne und Somborn mit der Schachtanlage Neu-Iserlohn II und der Benzolaufbereitungsanlage der Zeche Amalia zugesprochen.

Ein nicht ganz einfacher Prozess, wie man noch heute erkennen kann. Denn im Grenzgebiet zwischen Lütgendortmund und Harpen entscheidet oft die genaue Adresse in einer Straße, ob der jeweilige Bewohner Dortmunder oder Bochumer ist.

Die historischen Fotos für den Text hat das Lütgen-Archiv zur Verfügung gestellt.

Als Quellen für den Artikel dienten die Bücher „Kleine Geschichte des Lütgendortmunder Amtes“ von Norbert Reimann, veröffentlicht 1993 und „Spurensuche, ein Beitrag zur Geschichte Lütgendortmunds“ von Heike Vogel aus dem Jahr 1994.

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