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Kritik

Das erwartet Sie bei "Jeanne d'Arc" im Roto-Theater

DORTMUND "Jeanne d'Arc" ist die neuste Inszenierung des Roto-Theaters: Ein Stück über Leben und Tod von Johanna von Orleans, über innere Widersprüche und (indirekt) über Fingernägel. Unsere Kritik.

Das erwartet Sie bei "Jeanne d'Arc" im Roto-Theater

Barbara Kleyboldt als Johanna von Orleans im Bühnenbild von "Jeanne d'Arc" im Roto-Theater, kurz vor der Premiere. Im Stück sagt sie: "„Sorgt doch, dass ihr, die Welt verlassend, nicht nur gut wart, sondern verlasst eine gute Welt.“

Erstaunlich, wie schnell diese gut zwei Stunden vorbei sind. Packend und dicht, trotz eines Bühnenbildes aus nichts weiter als ein paar Postern und etwas Licht. Sich anzuschauen, mit wie wenig Barbara Kleyboldt (Schauspiel), Rüdiger Trappmann (Erzählung und Regie) und Roger Hanschel (Musik) auskommen, ist schon allein Grund genug um hinzugehen.

Ein Durststreckchen zu Beginn

Irreführenderweise beginnt das Stück trocken. Barbara Kleyboldt und Rüdiger Trappmann sprechen schwere, gedrechselte Texte, zu gewunden, um ihnen beim ersten Hören inhaltlich zu folgen. Aber bis man den Satz „Oh, bleibt das jetzt bis zum Ende so?“ fertig gedacht hat, ist dieser Auftakt vorbei, und das Stück entwickelt einen enormen Sog – dank einer radikalen, gelungenen Reduzierung auf wenige Szenen, die doch viel von der Dramatik und Tragödie der gesamten Geschichte in sich tragen. Und dank des ständigen Wechsels von Schauspiel und Musik.

Barbara Kleyboldt ist Johanna von Orleans, das Bauernmädchen im Frankreich des 15. Jahrhunderts. Sie hört warmherzige Himmelsstimmen, die Kaltblütiges verlangen: Beende das Elend des Krieges mit den Engländern, „du musst Frankreich retten!“

Kurz und gut

Auch wenn man weiß, dass Johanna von Orleans die französische Regierung überzeugte ihr ein Heer zu geben, sie damit große Siege errang und wie es schließlich mit ihr ausging, bleibt das Stück spannend. Die Szenen sind Schlaglichter auf entscheidende Momente und Wendungen der Geschichte mit berührenden Details.

Jede dieser Szenen beginnt Barbara Kleyboldt leise, aber mit maximaler Wucht. Sie spielt die innere Zerrissenheit ans Licht, ebenso wie die wilde Schönheit von Johannas felsenfester Überzeugung. Johanna leidet mit den Verwundeten, Franzosen und Engländern, beklagt das unvermeidliche Töten, und lässt sich doch keinen Millimeter vom Weg abbringen, bis sie die Krönung des Königs feiern kann, die sie ermöglicht hat.

Pause, Tomatensuppe.

Der zweite Teil, noch fesselnder, erzählt den Kampf Johannas im Prozess gegen die Anklage und die Inquisition. Als sie, vom Großinquisitor um Leben und Ehre betrogen, ihrem Ende entgegensieht, sagt sie: „Ihr verdient nicht, dass ich unter euch lebe“, und diese Worte legen sich schwer auf die Brust und in den Magen.

Musik für den Kopf

Was für ein Gewinn Roger Hanschel für dieses Stück ist! Sein Tenorsaxofon schimmert ebenso mattgolden wie sein Spiel, mit so viel Luft im Ton, dass es manchmal wie eine Panflöte klingt, nur beweglicher und farbiger. Mit dem Laptop spielt er eigene, moderne Kompositionen ab, eingängig und mit nur wenig Lautmalerei, vom Saxofon oder von Streichern gespielt, und soliert darüber, musikalisch höchst unterhaltsam.

Hanschels Musik zwischen den Szenen ist immer auch eine Pause, die Gedanken wie diese erlaubt: Johanna von Orleans ist wahrscheinlich der mutigste und erstaunlichste Mensch der Weltgeschichte, dessen Taten belegt sind. Am Ende hat sie fürchterliche Angst, und wenn sie Angst hat, dann darf jeder Mensch Angst haben. Wenn sie im Krieg solche Taten vollbracht hat, dann kann jeder mehr aus sich machen. Widrige Umstände sind ein Grund, auf dem übermenschliche Entschlossenheit gedeihen kann.

Fingernägel und Widerspruch

Sie wolle die jungen Mädchen ansprechen, hatte Barbara Kleyboldt vorher gesagt, ihnen vor Augen führen, dass man mehr erreichen kann als akkurat gestylte Fingernägel. Aber das Stück ist auch ein Appell an alle Menschen, sich selbst zu vertrauen, trotz und wegen der Fehler, die ihnen innewohnen. In Johannas Worten: „Er starb zweimal wie ein Mensch, indem er das Gute und das Böse tat, und gerade für diesen Gegensatz hat Gott ihn geschaffen.“

Im Prozess spricht Rüdiger Trappmann den Großinquisitor mit gruseliger Ruhe und entblößt im Abgang die Fratze einer Kirche, die von Gnade redet und gnadenlos alles totbeißt, was sie nicht kontrollieren kann. Aber das letzte Wort hat Johanna.

 

 

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