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Interview mit Edwin Jacobs

Der neue U-Turm-Chef spricht über seine größten Baustellen

DORTMUND Am 2. Januar tritt Edwin Jacobs seinen Dienst als Generaldirektor des U-Turms an. Am Montag unterschrieb er im Rathaus seinen Arbeitsvertrag. Anschließend sprach er mit uns über das, was er bisher schon über den U-Turm weiß und was noch nicht, und wo er für sich Möglichkeiten sieht, die weitere Entwicklung des Kulturorts zu steuern.

Der neue U-Turm-Chef spricht über seine größten Baustellen

Edwin Jacobs.

Sie waren Leiter des Museums De Lakenhal im niederländischen Leiden und seit 2009 Generaldirektor des Centraal Museums Utrecht. Was bringen Sie von diesen Häusern mit nach Dortmund?

Vom Lakenhal ist es die Mischung aus Geschichte und Kunst. Von Utrecht das gleiche, aber auch, dass es dort sehr bestimmte Sammlungsschwerpunkte gab. Und was ich auch in Utrecht entwickelt habe, waren die Werkstätten. Dort konnte das Publikum, Jung und Alt zusammen, ganz kreativ eigene Ausstellungen zusammenbringen. In Utrecht gab es außerdem fünf verschiedene Sammlungen in den verschiedenen Häusern, die zum Centraal Museum gehörten, die ich zusammenbringen musste.

Dann hatten Sie also so etwas wie das U mit seinen verschiedenen Etagen in Utrecht schon als Museumskomplex?

Ja, das kann man so sagen. Das ist sicher eine Parallele.

In Utrecht gehörte zu Ihrem Museum auch ein Kindermuseum. Kann man so etwas im U auch realisieren?

In Utrecht haben wir das „Dick-Bruna“-Haus, das nach dem Zeichner von Nijntje benannt ist. Da ist ein in Holland sehr bekanntes weißes Kaninchen. Wir haben das durchentwickelt und nennen das jetzt Njintje-Museum, das sehr, sehr viel Fokus auf die jüngsten Museumsbesucher zwischen vier und sechs Jahren legt. Es ist ein Kinder-Familienhaus.

Und was ist das Dortmunder Nijntje?

(Lacht) Ich weiß noch nicht, ob es eins gibt. Aber ich weiß, dass es in Dortmund ein Kindermuseum [das Mondo Mio im Westfalenpark, Anm.d.Red.] gibt. Ob wir so etwas ans U angliedern können, weiß ich noch nicht. Aber ich finde spannend, dass wir eine Unterabteilung haben, die den Fokus auf Kinder und Jugendliche richtet. Vielleicht gibt es dort Möglichkeiten dazu.

Sie meinen die zweite Etage, die U2?

Ja, genau. Ich finde es auch sehr interessant, wenn man es psychologisch interpretiert: Das ist in der Etage, die das restliche U trägt.

Kunstprojekt "The Daily U"

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Sie haben in unserem ersten Gespräch gesagt, Sie müssen die Seele des Hauses ergründen. Haben Sie sie gefunden?

Nein, ich beginne hier am 2. Januar damit, dass ich in jeder Abteilung ein Praktikum mache. Man könnte sagen, ich möchte durch die Augen und Ohren der anderen fühlen und erfahren, wie man das U sieht. Und die Seele eines solchen Hauses ist natürlich auch verknüpft mit der historischen Umgebung und der Industrie, wie hier der Union-Brauerei. Ich finde interessant, was es für Erzählungen über so ein Haus aus der Vergangenheit gibt. Die Seele ist immer damit verbunden, wo man herkommt.

Haben Sie das Programm für 2017 schon mitgestaltet?

Nein, das war schon ganz fertig. Mein erster Fokus liegt auf 2018.

Mit der „Niki de Saint Phalle“-Ausstellung, die zurzeit im U läuft, sind Sie wahrscheinlich sehr zufrieden.

Ja, ich finde sie fantastisch. Ich war sehr überrascht über die Qualität. Und ich finde gut, dass schon am Anfang der Ausstellung ganz klar positioniert wird: Sie ist eine Frau, sie ist stark, und sie ist individuell, selbstständig. Ich habe vieles nicht gewusst, was in dieser Ausstellung erzählt wird.

Einige Bilder sind ganz abstrakt, zum Beispiel die weißen Bilder, die sie beschossen hat, so dass die Farbe aus dem Bild selbst herauslief. Man sieht Rot, Gelb und Schwarz, die aus dem Bild herausströmen, und das ist das Bild. Und die bekannteren Bilder sieht man auch, die Zeichnungen zum Beispiel, die an die Nanas erinnern. Die Kombination ist sehr stark. Ich bin sehr gespannt, wie das läuft.

Sie gelten als Museumsreformer. Was wollen Sie in Dortmund reformieren?

Oh, das ist ein bisschen schwer zu sagen. Ich habe nur einen Wunsch: das U vom Kulturmarkepreis [den es kürzlich erhielt, Anm.d.Red.] auf das nächste Level zu ziehen.

Interview mit Edwin Jacobs

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Mit welchem Ausstellungskonzept soll das gehen?

Ich hoffe, mit einer Mischung aus populären Ausstellungen, die viele Leute ansprechen, und intellektuellen, essayistischen Ausstellungen.

Was verstehen Sie unter populären Ausstellungen?

Solche, die die gesamte Kultur abhandeln. Nicht nur Kunst, auch Musik, Mode. Eine David-Bowie-Ausstellung zum Beispiel.

Im U-Turm gab es bisher wenig Ausstellungen mit wirklich großen Namen. Die aktuelle Saint-Phalle-Schau ist eine Ausnahme. Vielleicht fehlen große Namen.

Ich verstehe, was Sie meinen. In Utrecht habe ich nicht so sehr mit großen Namen gearbeitet, aber mit großen Themen. Zum Beispiel eine Ausstellung über Jeans. Angefangen mit der ersten Levi Strauss von 1820. Und aus der Sammlung konnte ich passende Werke beisteuern. Zum Beispiel war das erste Bild, das man sah, eins aus dem 17. Jahrhundert mit einer Frau im Jeansrock darauf, und man fragte sich: Wie kommt das? Das zweite Bild war eines von einem japanischen Kimono, der wegen des Grundstoffs Indigo viel mit Jeans zu tun hat. Und man erfuhr: Die Welt hinter den Jeans ist riesig.

Mit dem U-Turm übernehmen Sie ein Haus, das zwei große Probleme hat. Problem eins: Das Geld. Es wurde in den ersten fünf Jahren immer teurer, aus 54 Millionen wurden 91 Millionen Euro, und viele Dortmunder empfinden das als Verschwendung. Das U hat bei diesen Menschen den Ruf als Imageprojekt, das den Bürgern aber viel zu wenig bringt.

Damit umzugehen ist ein wichtiger Teil meines Auftrags. Aber Details kenne ich noch nicht.

Vielleicht helfen Ihnen die Praktika dabei, sie kennenzulernen. Wie lange werden Sie sich dafür Zeit nehmen?

Ich habe dafür einen Monat eingeplant. Für das Team ist das auch wichtig, ich bin eine neue Persönlichkeit mit einer anderen Kultur. Meine Erfahrung und Überzeugung ist: Wir sind keine Maschinen, sondern Menschen, und es ist sehr, sehr wichtig, sich als Team zu fühlen. Das zweite ebenfalls sehr Wichtige ist das PR, das Marketing. Die Abteilung, die das Bild des U, sein Image, formt. Das ist bisher ein bisschen fragmentisiert.

Es gab ja bisher auch keinen Leiter für das ganze Haus. Erst jetzt mit Ihnen. Außerdem war bisher für PR und Marketing kaum Geld da. Soweit wir wissen, gab die Stadt für das Jahr 2015 für Ausstellungen und Werbemaßnahmen insgesamt rund 250.000 Euro. Das ist wenig, oder?

Das ist wenig, ja.

Wie viel hatten Sie in Utrecht?

Als ich anfing, hatten wir dort das gleiche Budget. Aber in den sieben Jahren, in denen ich das Haus leitete, ist das gewachsen. Das hatte mehrere Ursachen. Erstens, das wir eine gute Erzählung hatten.

Eine gute Erzählung?

Damit meine ich das, was wir erzählen können, um die Geldgeber und Sponsoren zu überzeugen, Beziehungen zu finden et cetera.

Das können Sie?

In Utrecht habe ich einen Unterschied gemacht: Wir haben zum einen die Sonderausstellungen, die sind eine PR-wirksame Erzählung, aber wir haben auch das Ganze, den Museumskörper, und das ist auch eine Erzählung. Das Image, das Profil, könnte man sagen. Die Einzelteile müssen zusammenkommen und ein einheitliches Bild ergeben. In Utrecht gab es Menschen, ich nenne sie Ambassadeurs, die von diesem Profil des Museums überzeugt waren und ehrenamtlich in ihren Netzwerken fürs Museum geworben haben.

Ähnlich wie ein Förderverein.

Ja. Sie tun das, weil sie es wichtig finden, dass das Museum das Utrecht-Gefühl repräsentiert. Der Stolz auf das Museum ist der Stolz auf die Stadt. In Utrecht stand das Museum, als ich dort anfing, mit dem Rücken zur Stadt. Das hat mich sehr überrascht. Innerhalb des Museums war man nicht mit der Stadt verbunden. Das haben wir dann gedreht und den Eingang auf die Stadtseite verlegt. Ganz einfach. Also, nicht einfach umzusetzen, aber ein ganz einfacher Gedanke.

Warum war Ihnen das wichtig?

Es war wichtig, dass man von der Stadt aus ein Gesicht sieht. Dass man dem Museum nicht auf den Hintern schaut, sondern ins Gesicht. Auch der Pulsschlag der Stadt war mir wichtig. Die verschiedenen Sammlungen von Kunst aus Utrecht, zum Beispiel Gerrit Rietveld, auch die modischen Sammlungen, und die alten Meister, die Caravaggisten, die waren immer im Depot. Mir war es sehr wichtig, dass sie auch in den Ausstellungen mal vorkommen. Damit man die Utrechter Geschichte erfühlt und sieht, die seit mehr als 1000 Jahre besteht.

Sie wollten also mit der Kunst etwas über die Stadt sagen, um Museum und Stadt enger zusammenzubinden. Ja. Die Essenz ist: Dass man es einfach findet, dass man sich dort willkommen fühlt und dass man deutlich erkennt, dass alle Elemente im Museum mit der Geschichte von Utrecht verbunden sind.

Diese drei Punkte...

...sind seeehr wichtig...

...und sind im U bisher noch nicht gut umgesetzt. Viele Erstbesucher haben Probleme den Eingang zu finden. Das Foyer ist architektonisch interessant, bietet aber keinen warmen Empfang. Und die Verbindungen der einzelnen Abteilungen untereinander und zur Stadt sind sicher ausbaufähig. Das sind also drei wichtige Baustellen für Sie, nicht wahr?

Ja. Was ich auch sehr wichtig finde, ist die Verbindung zwischen außen und innen. In Utrecht hatten wir einen großen Parkplatz direkt vor dem Museum, und wir haben daraus einen schönen Platz gemacht. Das war nicht einfach, denn Parkplätze sind natürlich wichtig.

Jörg Stüdemann sagte über Sie, dass Sie Verhandlungsgeschick besitzen. Das werden Sie auch brauchen, wenn Sie die angesprochenen Dinge ändern wollen.

Ja, und ich hoffe, dass es hier auch wieder gelingt. Natürlich gibt es hier andere Akzente und Umstände, die muss ich noch im Einzelnen kennenlernen. Das, an was ich denke, nennen wir in Holland eine offene Tür. Aber in Utrecht hatte keiner die Tür geöffnet. Das musste ich erst tun. Das hat mich überrascht, weil ich davon ausgehe, dass ein Museum eine offene Tür sein muss.

Wie meinen Sie das?

Zum Beispiel das Rietveld-Schröder-Haus [in Utrecht, zählt zu den weltweit wichtigsten Bauwerken der De-Stijl-Bewegung, gebaut 1924, gehört zum Centraal-Museum, Anm.d.Red.]. Das ist weltberühmt. Es hat nicht allzu viele Besucher, etwa 60 pro Tag. Aber damals hatte es 14, 15 pro Tag. Es hatte an drei Tagen geöffnet. Jetzt hat es an sechs Tagen in der Woche geöffnet. Ab nächstes Jahr jeden Tag bis 22 Uhr. Was ist da passiert? Durch verschiedene Prozesse der Profilierung haben wir bekannt gemacht, dass und wie das Haus mit Utrecht verbunden ist. Solche Elemente, solche Ansatzpunkte, finde ich auch im U-Turm. Ein entscheidendes Element ist, dass man reinkommt und das Gefühl hat: Ah, das ist für mich! Das finde ich sehr, sehr wichtig. Damit fängt es an. Auch die Ausstellungen müssen natürlich gut und interessant sein, aber das Gut-Fühlen ist ganz besonders wichtig.

Um noch mal auf die Probleme des U zurückzukommen: Das zweite große Problem ist die fehlende Transparenz. Es war bisher schwer, von der Stadt und aus dem U-Turm konkrete Auskünfte auf bestimmte Fragen zu bekommen, zum Beispiel zu den Besucherzahlen. Dann entsteht leicht das Gefühl, man erfährt nicht die ganze Wahrheit, dabei wird das U doch auch mit Steuergeldern bezahlt.

In Holland ist man verpflichtet, ganz transparent zu sein, über das Geld und so weiter ganz offen zu berichten.

Das heißt, Sie sind es gewohnt, mit offenen Karten zu spielen?

Ja. Zum Beispiel haben wir immer ausgerechnet und veröffentlicht, wie viel Prozent der Steuergelder an die Kultur geht und wie viel davon wiederum an das Centraal Museum fließt.

Viele Menschen, die nicht regelmäßig in den U-Turm oder die anderen Kultureinrichtungen in Dortmund gehen, verstehen nicht, warum die Stadt so viel Geld dafür ausgibt. Was ist Ihre Antwort darauf?

Ich kann Ihnen jetzt noch keinen Termin nennen, aber ich hoffe, dass meine Arbeit, mein Enthusiasmus dazu beiträgt, das zu ändern. Es ist ein sehr interessantes Konzept, was man im U versucht. Natürlich sehe ich auch bei den ersten Schritten Dinge, die nicht optimal sind, zum Beispiel beim Eintritt, wohin soll ich gehen, wen spreche ich an, in welcher Ecke sind die Kollegen vom Museum versteckt. Ein Aspekt meines ersten Monats wird sein, besser zu verstehen, warum die Dinge im U sind, wie sie sind. Und sie dann zu verbessern, soweit das möglich ist.

 

 

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