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Obdachlose im Winter in Dortmund

„Ein Wunder, dass noch niemand erfroren ist“

Dortmund Einen Kältebus für Obdachlose gibt es im Winter in Dortmund nicht. Auch U-Bahn-Stationen werden nicht geöffnet. Dafür werden deutlich mehr Knöllchen als angenommen für das Übernachten im Freien verteilt.

„Ein Wunder, dass noch niemand erfroren ist“

Decken und Schlafsäcke hat Obdachlosenpfarrer Daniel Schwarzmann in diesem Winter schon viele verteilt. Das, findet der Obdachlosenseelsorger, reicht nicht. Foto: Dieter Menne

Als Seelsorger muss Obdachlosenpfarrer Daniel Schwarzmann berufsbedingt an Wunder glauben. Dass in den vergangenen Nächten niemand auf Dortmunds Straßen erfroren ist, das ist für ihn letztlich ein Wunder. Für Schwarzmann ist es lediglich eine Frage der Zeit, bis dieses Wunder vorbei ist. Denn in Dortmund kommen gleich mehrere Probleme zusammen.

Einerseits gibt es nach wie vor und trotz einer langen Debatte keinen Wärmebus, der in kalten Nächten wie den vergangenen unterwegs ist, um den Menschen zu helfen. Die Stadt stellt sich auf den Standpunkt, dass das existierende Angebot an Übernachtungsstellen ausreicht. 140 solcher Schlafplätze gibt es, rund 400 Obdachlose leben in Dortmund, schätzt die Stadt. Schwarzmann selbst geht von 600 Menschen aus, die ihren Lebensmittelpunkt auf den Straßen haben.

Frage der Finanzierung

Dass es in Dortmund, anders als in deutlich kleineren Städten, keinen Wärmebus gibt, hat für Schwarzmann mehrere Gründe. Einerseits gebe es zwischen den verschiedenen Hilfsorganisationen eine „gewisse Uneinigkeit“ in der Frage. Konkreter will Schwarzmann da nicht werden, aber es hängt offenbar am Spendengeld.

Obdachlosenseelsorger Daniel Schwarzmann stellt sich vor und spricht über Knöllchen für Obdachlose:

Ein Wärmebus wäre kein billiges Unterfangen, müsste sich über Spendengelder finanzieren und das wären dann wiederum Spendengelder, die an anderer Stelle fehlen würden. Andererseits bräuchte es ausreichend Ehrenamtliche, um ein solches Projekt verlässlich über die kalten Monate zu tragen. Dass es einen Wärmebus braucht, davon ist Schwarzmann überzeugt. „Er muss als alternatives Angebot kommen“, so der Pfarrer.

Wärmebus „ein Baustein“

Für die Diakonie ist laut Sprecher Tim Cocu ein Wärmebus lediglich ein Baustein. Der nur dann sinnvoll sei, wenn er die Menschen zu Übernachtungsstellen bringt. Oder ihnen die Möglichkeit gibt, sich in dem Bus eine gewisse Zeit lang aufhalten und damit aufwärmen zu können.

Doch in Dortmund, dieser Stadt mit einem im Vergleich sehr hohen Armutsfaktor, könnte es auch andere Hilfestellungen geben. U-Bahn-Stationen etwa, die in den kalten Nächten als akute Nothilfe geöffnet werden. „Aus Sicherheitsgründen“ wird das aber nicht gemacht, teilt die Pressestelle der DSW21 mit.

Menschen könnten gefährdet werden, wenn nachts zwischen 0.30 und 3 Uhr zum Beispiel Werkstattfahrten stattfänden. Ein Argument, das man in Duisburg offenbar nicht fürchtet, dort ist eine Zwischenebene am Hauptbahnhof geöffnet worden. Laut DSW geht das in Dortmund nicht, da die Rolltore, die die Stationen dichtmachen, sie zur Straße hin abriegeln.

Schwarzmann und zum Beispiel das Gasthaus verteilen Schlafsäcke an Obdachlose. Doch hier beißt sich die Katze in den Schwanz, denn Schlafsäcke helfen zwar bedingt, die Minustemperaturen im Freien durchzustehen – doch das Schlafen im Freien wird von der Stadt verfolgt.

In den letzten drei Jahren 800 bis 1000 Euro gezahlt

Vor wenigen Tagen berichtete unsere Zeitung darüber, dass ein Obdachloser, der am Bergmannkiosk übernachtet hatte, von Mitarbeitern des Ordnungsamtes ein Knöllchen bekommen hatte. 20 Euro musste der Mann für die Nacht im Freien bezahlen. Verwarngelder würden aber nur sehr selten eingesetzt, hieß es damals aus der städtischen Pressestelle. Sie würden nur ausgesprochen, wenn Obdachlose trotz Ermahnung immer wieder an den Platz zurückkehrten oder es Beschwerden gebe.

Es muss in den vergangenen drei Jahren viele Beschwerden gegeben haben: Schwarzmann sagt, in seinen dreieinhalb Jahren als Seelsorgenpfarrer habe er aus eigener Kasse zwischen 800 und 1000 Euro für Knöllchen ausgegeben, die Obdachlose wegen Übernachtens im Freien bekommen hatten. Das könne er ohne Weiteres mit Quittungen belegen. Auch zwei weitere Pfarrer hätten jeweils mehrere Hundert Euro für die Bezahlung solcher Bußgelder ausgegeben. Geld, das an anderer Stelle fehlt.

Die Stadt ihrerseits erklärt auf Nachfrage, dass es im Jahr 2017 rund 400 Vorfälle wegen Lagerns im Freien gegeben habe. Bei einem „bedeutend größeren Teil“ sei es bei einer mündlichen Verwarnung geblieben, auch habe es sich in längst nicht allen Fällen um Obdachlose gehandelt.

Der Obdachlosenseelsorger spricht über die Problematik mit Wärmebussen:

Doch es ist, wie es ist: Es gibt weder Wärmebusse noch ausreichend warme Schlafplätze, U-Bahn-Stationen bleiben geschlossen und das Schlafen im Freien wird geahndet. Am Donnerstag wurde bekannt, dass es dann doch eine temporäre Unterkunft zumindest in den nächsten Nächten geben wird: Die Diskothek „Spirit“ im Brückstraßenviertel öffnet abends bis zunächst zum Sonntag ihre Türen für Obdachlose und ihre Hunde.

Denn auch das ist ein Problem in Dortmund. In die städtischen Übernachtungsstellen dürfen Hunde nicht mit hineingenommen werden. Ein Grund mehr, aus dem Obdachlose auf der Straße übernachten. Den Minusgraden und den Knöllchen zum Trotz.

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