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Suche nach dem Soldaten Robert Paul

Australisches Ehepaar möchte Angehörigen Armee-Erkennungsmarke schenken

HALTERN Die Erkennungsmarke eines deutschen Wehrpflichtigen lag 100 Jahre im Verborgenen, versteckt in einem Schuhkarton irgendwo auf einem Dachboden in Australien. Sie gehörte einem jungen Mann aus dem heutigen Halterner Ortsteil Hamm-Bossendorf. Ein Ehepaar aus Melbourne will sie nun weitergeben.

Australisches Ehepaar möchte Angehörigen Armee-Erkennungsmarke schenken

Diese Erkennungsmarke des deutschen Soldaten Robert Paul würde ein australisches Ehepaar gerne an die Angehörigen weitergeben. Foto: Foto: privat

Das Schreiben von Sinead Williams aus Melbourne an unsere Redaktion war kurz gefasst. „Wir sind eine australische Familie. Unser Großvater hat mit der australischen Armee im Westen (Somme) gekämpft.“ Die Familie habe kürzlich das alte Familienhaus ausgeräumt und sei dabei auf die Erkennungsmarke eines deutschen Soldaten gestoßen. Auf der stark verwitterten „dog tag“ (Hundemarke) aus Metall seien folgende Schriftzüge zu lesen:

Robert Paul

Hamm Bossendorf

26.2.98

Im Telefongespräch sagt sie später: „Wir möchten diese Marke nun seiner Familie überlassen.“ Wir – das sind Sinead und ihr Mann Damian. Dessen Vater, Vincent Williams, war 2016 gestorben.

Auf dem Dachboden des Elternhauses machte Damian den seltenen Fund. In einem Schuhkarton lag die Erkennungsmarke. Und ein Notizbuch. Es stammt von Jack Joseph ‚J.J.‘ Williams – Damians Großvater, Vincents Vater. Er war damals im Rahmen des britischen Commonwealth freiwillig in den Krieg gezogen und nach Frankreich geschickt worden.

Grauenhafte Schlacht an der Westfront in Frankreich

Die Hölle der Somme: Die Schlacht begann am 1. Juli 1916 mit einer britisch-französischen Großoffensive gegen die deutschen Stellungen. Sie war eine der größten Schlachten an der Westfront des Ersten Weltkrieges. Nirgends an der Westfront starben in so kurzer Zeit so viele Soldaten wie an der Somme, auch nicht im 200 Kilometer entfernten Verdun. Mehr als 450.000 Soldaten des Empires, 200.000 Franzosen und mehr als 460.000 Deutsche waren tot oder verwundet. Auf beiden Seiten gab es unermessliches Leid der Soldaten.

In dem Notizbuch beschreibt Jack Joseph ‚J.J.‘ Williams das Grauen des Krieges. „Seine Notizen, immer nur stichpunktartig, klingen fürchterlich und unglaublich“, sagt Sinead Williams. J.J. schreibt von Trommelfeuern und Giftgas-Einsätzen. Von Großangriffen der Infanterie gegen stark ausgebaute und von Maschinengewehren verteidigte Stellungen. Von tagelangen Artilleriebeschüssen und -duellen ungeahnten Ausmaßes. Von ersten Luftkämpfen und dem Minenkrieg.

Der Australier J.J. Williams verliert viele seiner Kameraden, die Deutschen haben noch viel höhere Verluste. J.J. muss über zahllose Leichen von Soldaten klettern, vor allem, als die Deutschen 1918 zurückgedrängt werden und er die Hindenburglinie und die deutschen Schützengräben überschreitet.

Millionen Tote und Verwundete

Bis September 1918 wurden die deutschen Truppen im Somme-Abschnitt auf ihre Ausgangsstellungen vor der Frühjahrsoffensive (Hindenburglinie) um St. Quentin zurückgedrängt. Millionen von Soldaten wurden an dieser Front verwundet oder getötet. Gebeine hunderttausender Gefallener liegen entlang der Westfront in hunderten von Soldatenfriedhöfen. Der Frontverlauf des Stellungskrieges ist bis heute noch an vielen Stellen zu erkennen – durch den Artilleriebeschuss entstand eine Kraterlandschaft.

J.J. Williams, 1900 in Perth/Westaustralien geboren, war zu dem Zeitpunkt 18 Jahre alt. Ein vergilbtes Foto zeigt den jungen Mann in seiner Uniform – „irgendwann um 1918, kurz bevor er Europa verlassen hat“, erklärt Sinead. Robert Paul aus Hamm-Bossendorf muss etwa 20 gewesen sein, als J.J. die Erkennungsmarke des Deutschen an sich nahm.

Notizbuch mit schwarzem Einband und Schwarzem Kreuz

Vielleicht stammte auch J.J.s Notizbuch, in dem er täglich seine Eindrücke niederschrieb, von Robert Paul. „Das Notizbuch“, erklärt Sinead Williams, „muss einem Deutschen gehört haben.“ Auf dem schwarzen Einband ist das „Schwarze Kreuz“ – das von preußischen und deutschen Streitkräften genutzte Hoheitszeichen – zu sehen. Dazu die Zahlen 1914-16. Auf der Rückseite im Innern des Büchleins ein Kalender für das Jahr 1918 sowie eine Liste christlicher und jüdischer Feiertage. „Hineingeschrieben hat aber nur J.J.“, erklärt Sinead Williams weiter. Auch seien keine Seiten herausgerissen worden.

Keine Spur von dem Hamm-Bossendorfer Soldaten

J.J. Williams überlebte den Krieg. 1919 kehrte er nach Australien zurück. Das Schicksal von Robert Paul indes bleibt ungeklärt. Auf den Verlustlisten der im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten ist er nicht zu finden. Der Verein für Computergenealogie hat keine Informationen zu dem Hamm-Bossendorfer vorliegen. Auch im Militärarchiv in Freiburg findet sich keine Spur. „Personenbezogene Daten aus dem Ersten Weltkrieg sind alle verloren“, erklärt ein Sprecher dazu.

Fehlanzeige auch im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen in Detmold, das Ahnenforschung in ganz Westfalen betreibt. Auch hier ist kein Mann namens Robert Paul, geboren am 26. Februar 1898, zu finden. Gregor Husmann vom Stadtarchiv in Haltern würde gerne helfen, doch die Hände sind ihm gebunden. Denn Hamm-Bossendorf gehörte bis zur Gebietsreform 1975 zum Amtsbezirk Marl. Im Geburtsregister des dortigen Standesamts ist der gesuchte Eintrag nicht verzeichnet. Zwar gibt es in Hamm-Bossendorf und auch in Marl Familien mit dem Namen Paul. Ein Zusammenhang mit dem Soldaten Robert Paul konnte bislang aber nicht hergestellt werden.

Mit der Veröffentlichung ihrer Geschichte im Online-Auftritt der Halterner Zeitung hoffen Sinead und Damian Williams aus Melbourne nun, Nachfahren von Robert Paul aus Hamm-Bossendorf zu finden. „Es ist schön, wenn man etwas über die Geschichte der Vorfahren erfährt“, sagt Damian Williams. Er hat jede Seite aus J.J. Williams‘ Notizbuch gelesen. Nun wünscht er sich, dass auch die Nachfahren von Robert Paul ein Andenken an den Mann bekommen, der in den Krieg zog und nie wieder zurückkehrte.

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