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Altertumsverein veröffentlicht berührende Briefe aus dem Arbeitslager

„Das Denken muss man sich hier abgewöhnen“

HALTERN Im November 1944 bringt ein Zug Abiturientin Elisabeth Oelmann ins Arbeitslager. Monatelang hat sie furchtbares Heimweh nach ihrer Familie: „Ich kann es hier kaum noch aushalten.“ Einen Teil ihrer berührenden Briefe hat der Altertumsverein nun veröffentlicht.

„Das Denken muss man sich hier abgewöhnen“

Familie Oelmann aus Flaesheim im Jahr 1946: Bruno, Christa, Mutter Franziska, Elisabeth, Vater Albert, Walburga und Hubertus. Foto: Foto: privat

Elisabeth Oelmann aus dem Flaesheimer Forsthaus war 18, als sie zum Reichsarbeitsdienst eingezogen wurde. Sie hatte gerade ihr Not-Abitur in der Tasche. Ein Studium war unter den Nationalsozialisten nur nach einem „Ehrendienst am deutschen Volke“ möglich. Aus dem Arbeitslager in Recke bei Osnabrück schrieb Elisabeth Oelmann in den Monaten zwischen November 1944 und März 1945 fast täglich liebevolle Briefe an ihre Eltern und Geschwister. Einen Teil veröffentlichte der Altertumsverein unter der Federführung von Ursula Kelders jetzt im Rahmen der Biografischen Reihe. Nicht die große Geschichte steht hier im Mittelpunkt, sondern das eigene ganz persönliche Erleben einer Heranwachsenden am Ende eines grausamen Weltkrieges. Bei der Vorstellung las die Enkelin von Elisabeth Oelmann, Judith Schmitz, Passagen aus den Briefen.

Reichsarbeitsdienst war streng geregelt

Am 17. November 1944 schickt Elisabeth Oelmann einen ersten Gruß aus Recke: „Wir liegen zu 12 Mädchen auf einem Schlafsaal. Ein Strohsack und drei Wolldecken sind unser ganzes Bett... so mollig warm wie bei Euch ist es hier nicht. Es muss Kohle gespart werden.“

Der Tagesablauf beim Reichsarbeitsdienst ist streng geregelt: Frühes Wecken, Lagerappell, Waschen, Bettenbau, Fahneneid, Tischdienst, politische Schulungen, Arbeitseinsatz, der oft zehn Stunden am Tag dauert. Nach einer bestimmten Zeit müssen die Mädchen in bäuerlichen Familien, bei denen der Bauer als Soldat an der Front kämpfte, helfen.

Bitte um ein Stückchen Seife

Recke, 21. November 1944: „Wenn man Arbeit hat, findet man wenigstens nicht so viel Zeit, nachzudenken. Denn Denken muss man sich hier abgewöhnen... Liebe Mutter, wenn Du mir ein Briefpäckchen schickst, füge bitte etwas wohlriechende Hautcreme und ein Stückchen Seife mit. Ein Handtuch hätte ich auch gern...“

Elisabeth Oelmann wartet immer auf Nachrichten von zu Hause: „Ich habe dann immer viel mehr Lust zu arbeiten, wenn ich weiß, dass ich Post habe.“ Am 3. Dezember 1944 wird sie als Arbeitsmaid vereidigt. Zur Feier des Tages gibt es Schweinefleisch und zum ersten Mal dürfen die Mädchen ins Dorf gehen. „Ihr glaubt gar nicht, was das für mich ein Ereignis war, einmal in der Kirche sein zu dürfen. Die Kirche hat mich etwas an unserer Heimatkirchlein in Flaesheim erinnert.“

Schießen an der Front wird deutlicher

Die 18-Jährige geht am 5. Dezember zum ersten Mal zu „ihrem“ Bauern. „Sie haben den komischen Namen Gosejohann. Der Hof ist 29 Hektar groß. Der Bauer selbst ist eingezogen, die Frau hat seit August keine Nachricht von ihm. Zwei kleine Kinderchen laufen dort herum, die Eltern des Bauern sind auch da. Leider ist die Oma irrsinnig. Die junge Frau ist sehr nett. Sie kennt nichts als Arbeit.“ Elisabeth Oelmann hilft auf dem Hof, häkelt und strickt für die Kinder. „Wir haben jetzt so wenig Zeit für uns, das ist ganz schrecklich. Nicht einmal unsere Sachen können wir heil halten.“ Das Schießen an der Front wird immer deutlicher, „es hört sich grausig an“, immer häufiger müssen die Mädchen in den Luftschutzbunker flüchten.

Weihnachten vor dem bekränzten Führerbild

Urlaub bekommt Elisabeth Oelmann nicht. So verbringt sie auch das Weihnachtsfest im Arbeitslager Recke. Sie hat Spüldienst. An ihre Lieben schreibt sie: „Wenn nur der Krieg zu Ende ginge. Hoffen wir das Beste!“

Überall im Lager ist es eiskalt, die Kohlen sind ausgegangen. Im kühlen Tagesraum feiern die Maiden, wie sie genannt werden, den Heiligen Abend: „Die Führerinnen spielen Geige, wir halten eine Feierstunde vor dem bekränzten Führerbild und einem Tannenbaum ab... Dem lieben Bruno danke ich noch extra, die Leberwurst hat unserer Kameradschaft gut geschmeckt.“

Am 9. Januar 1945 erhält sie die Weihnachtspost aus Flaesheim: „Eure Grüße haben mich so aufgewühlt, dass ich sofort ins Bett gekrochen bin, um mit den Gedanken ganz bei Euch zu sein.“ Elisabeth Oelmann schmiedet Fluchtpläne, aber ihr Vater Albert rät dringend ab. „Oh, ich darf gar nicht nachdenken, sonst werde ich hier noch verrückt“, heißt es in einem Brief vom 1. Februar 1945. Das Ende naht: Im März wird das Lager aufgelöst, den Weg nach Flaesheim legt die 18-Jährige zu Fuß zurück.

Elisabeth Oelmann wurde als Älteste von fünf Kindern des Försters Albert Oelmann und seiner Frau Franziska am 1. Juni 1926 in Flaesheim geboren. Sie wuchs im alten, denkmalgeschützten Forsthaus direkt neben der Stiftskirche auf. Elisabeth Oelmann wurde nach dem Abitur am Mädchengymnasium Recklinghausen zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Nach ihrer Rückkehr als Recke studierte sie und wurde Gewerbelehrerin. Am 3. Juli 1959 heiratete sie den Förster Max Steinbrenner und zog ins Forsthaus Bösenheide nahe Vreden. Das Ehepaar bekam fünf Kinder. Elisabeth Oelmann starb am 1. Juni 1990.

Ursula Kelders, Vorstandsmitglied im Verein für Altertumskunde und Heimatpflege und frühere ehrenamtliche 2. Bürgermeisterin Halterns, wandte viel Zeit auf, um die Briefe von Elisabeth Oelmann zusammen zu fügen und – mit Erlaubnis von Familie Oelmann – als Biografische Reihe herauszugeben.

Christa Guckelsberger, die Schwester von Elisabeth Oelmann, hatte die in Sütterlin geschriebenen Briefe zuvor in die heutige Schreibweise übertragen. Bruder Bruno Oelmann stellte die Familiengeschichte zusammen.

Alle Mitglieder des Altertumsvereins erhalten die überaus lesenswerte Veröffentlichung zum Geschenk, Nichtmitglieder zahlen fünf Euro. Weitere Infos: Marlies Breuer (Tel. 38 59) oder Franz Schrief (Tel. 02360-1702).

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