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«Es war eine schöne Zeit»

Sythener bereiteten ihrem Postboten einen würdigen Abschied

Sythen Die Entstehung des Prickings-Hofes hat Karl Seine mitverfolgt, Umstrukturierungen bei der Post gebilligt und einige Fahrräder verschlissen. Nach 44 Jahren belädt der disziplinierte Postzusteller wie jeden Morgen sein gelbes Dienstauto und macht sich auf den Weg, in «sein Revier» nach Sythen. «Die Arbeit ist körperlich anstrengend, nach so vielen Jahren spüren Sie das in den Knochen», erzählt er und schmunzelt, «daher fahre ich nicht mehr mir dem Fahrrad.» Ein letztes Mal geht «Charly» raus zur Postzustellung, ein letztes Mal besucht er seine Siedlung, ein letztes Mal stellt er eine Trauernachricht zu. Den schwarz umrandeten Brief wirft er als erstes in den Sythener Briefkasten. «Es macht mich jedesmal betroffen und ich leide mit, wenn ich so eine Nachricht überbringen muss», sagt er und wird kurz wehmütig. Aber nur ganz kurz, denn am Ende der Straße wird der Postbote schon sehnsüchtig erwartet. Dem strömenden Regen zum Trotz haben sich Nachbarn und Freunde, mit Schirmen bewaffnet, positioniert. Kaum biegt das gelbe Postauto um die Kurve, ertönen die ersten Klänge von «Hoch auf dem gelben Wagen». «Damit hätte ich nicht gerechnet», sagt Charly gerührt und traut sich kaum aus dem Auto. Doch die Nachbarn haben noch mehr vorbereitet: Unter einer mit kleinen Paketen geschmückten Tannengirlande darf sich der Postbote gut sichtbar aufstellen. Direkt unter einem Schild mit der Aufschrift «Vielen Dank, Charlie». Und während Klaus Niemann dem dienstältesten Boten im Namen der Nachbarschaft eine Urkunde überreicht, kommen immer mehr Sythener zusammen und machen Fotos. «So viele Interviews habe ich heute schon gegeben, aber diese Aufmerksamkeit geht wirklich an die Substanz», bedankt sich der Geehrte. 4000 Standardbriefe und 1400 Großbriefe hat Karl Seine pro Woche bearbeitet. Briefe, die im Laufe der Jahrzehnte immer schwerer wurden. Straße um Straße ist sein Revier gewachsen und mit ihm die Kinder, die er morgens auf dem Schulweg traf. Was bleibt nach vier Jahrzehnten Berufsleben? Der Vater einer Tochter überlegt nicht lange: «Die Erinnerung an einen schönen Beruf und endlich freie Zeit für meine ehrenamtlichen Tätigkeiten und für Reisen.» june

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