Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Le Vernet: Eine goldene Kugel symbolisiert das Leben

mlzGedenken am dritten Jahrestag der Flugzeugkatastrophe

Französische Alpen bei Le Vernet im März 2018: Die Bergwipfel präsentieren ihre erhabene Schönheit in einem weißen Kleid. An der Wand gegenüber blitzt es golden. Der Blick wird auf eine schimmernde Kugel aus 149 Elementen gelenkt – ein künstliches Symbol des Lebens inmitten rauer Natur. Exakt hier hat sich vor drei Jahren bei der Katastrophe des Germanwings-Fluges 4U9525 die Spitze der Maschine ins Massiv gebohrt. 150 Menschen verloren ihr Leben, nur einer suchte den Tod.

HALTERN/LE VERNET

, 20.03.2018

Dies ist die Erinnerung an die 149 Opfer der Tragödie, die mit ihrer Lebensfreude, ihren Plänen und ihrer Liebe am Col de Mariaud zerschellten. Ahnungslos bestiegen sie in Barcelona den Flieger. Letzte Nachrichten über Handy wurden mit den Daheimgebliebenen ausgetauscht. „Bin schon im Bus. Ich zeige euch nachher Bilder“, schrieb eine 15-Jährige aus Haltern am See an ihre Mutter. 14 Schülerinnen, zwei Schüler und zwei Lehrerinnen der Schulgemeinde am Joseph-König-Gymnasium kehrten von ihrer Sprachreise in Spanien nicht zurück.

Es hat andere schwere Schicksalsschläge in Haltern gegeben. Auch weitere Eltern weinen um ihre Kinder – Unfälle, Krankheiten und Selbsttötungen, in zwei Fällen steht auch nach Jahren die Todesursache zweier junger Menschen nicht fest. Alle Verstorbenen und Trauernden verdienen unser Mitgefühl und unseren Respekt. Ins kollektive Gedächtnis der Stadt aber hat sich kein Ereignis so eingebrannt wie der Flugzeugabsturz am Col de Mariaud am 24. März 2015 um 10.41 Uhr.

Colonel Philippe Sansa und seine Rettungskräfte in Digne-les-Bains waren die Ersten, die von dem Ereignis erfuhren. Ein Bewohner von Le Vernet meldete der Feuerwehrzentrale, dass er die tieffliegende Maschine gesichtet habe. „Wir haben diese Nachricht sofort ernst genommen“, erinnert sich der Colonel Mitte März beim Gespräch in seinem Büro. Zeitgleich wurde die Beobachtung nämlich von der Flugüberwachung der Region bestätigt.

Hier befindet sich der Absturzort:

Feuerwehrleute aus allen umliegenden Gemeinden eilten zur Unfallstelle, zunächst noch in der Hoffnung, Menschenleben zu retten. Beim Eintreffen am Unglücksort in etwa 1500 Meter Höhe aber wurde klar, hier konnte es nur noch darum gehen, die Toten in Würde zu bergen und Maschinenteile inklusive Blackbox für die Ermittlungen zu sichern.

„Für Gefühle war in diesem Moment kein Platz“, sagt der 52-jährige Philippe Sansa, der ab dem zweiten Tag nach dem Absturz bis zum Abschluss der Arbeiten im Einsatz und für die Logistik sowie die Organisation zuständig war. „Als Ehemann und Vater von drei Kindern kann ich das Leid, das durchlebt wird, mitfühlen“, fügt er hinzu. Viele Bilder vom Einsatz seien noch in seinem Kopf. „Einzelne davon kann man nicht beschreiben“, macht er deutlich, wie sehr auch die Rettungskräfte an ihre Grenzen geführt wurden. Einige hätten nach dem Drama psychologische Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Während der Bergungsarbeiten aber habe es einfach nicht passieren dürfen, dass die Mannschaften unter der emotionalen Belastung zusammenbrechen.

Dies bestätigt Céline Burnouf von der Gendarmeriestation in Seyne-les-Alpes. Aufgrund ihrer Sprachkenntnisse empfing sie deutsche Angehörige, leistete Übersetzungstätigkeiten bei DNA-Proben und führte das Inventar der persönlichen Gegenstände, die an der Absturzstelle gefunden wurden. Zwei Wochen nach der Katastrophe, als mehr als 1000 Einsatzkräfte alle verfügbaren DNA-Proben eingesammelt hatten, besuchte die heute 36-jährige Polizistin die Absturzstelle. „Ich hatte das Bedürfnis, mich an Ort und Stelle zu begeben, um mir ein wirkliches Bild davon zu machen, was passiert ist“, blickt sie in ihren Diensträumen zurück.

Für unser Gespräch hat sich Céline Burnouf einige Sätze auf Deutsch notiert:

Die Eindrücke vom Einsatz lassen sie bis heute nicht los. „Ich habe ein flaues, beklemmendes Gefühl im Magen, mir kommen die Tränen. Ich erinnere mich an die Gesichter der trauernden Familien, Erwachsene und Kinder, die vor dem Jugendzentrum in Seyne aus einem Bus stiegen, wo ein Andachtsraum errichtet worden war. Sie waren von Schmerz und Kummer geprägt. Einige Angehörige haben uns in den Arm genommen. Sie zeigten uns Fotos von ihren Kindern und fragten uns, ob wir sie gesehen hätten und ob sie beim Absturz leiden mussten.“

Auf diese Fragen konnten auch die besten Sprachkenntnisse Céline Burnouf nicht vorbereiten. „Diese Katastrophe ist immer in meiner Seele verankert“, erklärt sie. Als Mutter einer sechsjährigen Tochter kann sie sich gut in die Eltern hineinversetzen, die ein Kind und damit das Wertvollste im Leben verloren haben. Eine besondere Verbindung fühlt sie zu den betroffenen Halternern, denn ihre Sprachkenntnisse verdankt die Polizistin auch der Teilnahme an Austauschprogrammen und der Begegnung mit jungen Menschen aus anderen Nationen.

Gut eineinhalb Stunden nach dem Absturz erfuhren die Angehörigen in Haltern von der grausamen Wahrheit. Während ihre Welt auseinanderbrach und das Leben für immer in ein davor und ein danach geteilt wurde, richtete die Weltöffentlichkeit ihre Aufmerksamkeit für einen Wimpernschlag in der Geschichte auf Le Vernet und Haltern am See. Beide Orte geben der Tragödie ein Gesicht.

Am Col de Mariaud verstörten die Bilder vom Trümmerfeld an der Absturzstelle, in Haltern fraßen sich die der trauernden Angehörigen und Schüler ins Herz. Hier klingelte am Nachmittag des Unglückstages ein Fernsehteam an der Haustür einer Familie. Im Wettlauf um die erste Nachricht über Betroffene blieb die Würde auf der Strecke.

Nach gut einer Woche schon zogen die Übertragungswagen aus aller Welt, die vor allem das Gymnasium belagerten, weiter zum nächsten Großereignis. Während für die meisten Halterner längst der Alltag zurückgekehrt ist, arbeiten die Familien der Absturzopfer weiter daran, mit ihrem Verlust zu leben. Eine jede geht dabei ihren eigenen Weg. „Ich mache kaum noch Pläne, sondern versuche, im Jetzt zu leben“, sagt eine Angehörige.

Am Gedenkstein auf dem Gelände des Hotels „Le Domaine du Vernet“ und auf dem kleinen Dorffriedhof in Le Vernet, wo alle Körperspuren in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt wurden, die nicht identifiziert werden konnten, wird deutlich, dass nicht nur in Haltern Hinterbliebene ihren Verlust beklagen. An vielen Orten dieser Welt trauern Menschen um die Opfer dieser Katastrophe - Kinder vermissen ihre Eltern, Partner den Menschen an ihrer Seite und ein Team in Düsseldorf die unschuldigen Kollegen.

Ulrich Wessel, Leiter des Halterner Gymnasiums, spricht über den Gedenktag:

Das zeigen Fotos, Kerzen und kurze schriftliche Erinnerungen, die an beiden Gedenkorten abgelegt wurden. Mancher hat einen Weg gefunden, das Leben mit der entstandenen Lücke zu meistern. Mancher verharrt in Verbitterung und ist kaum in der Lage, den Alltag zu bewältigen. Wie schwer das danach für die Betroffenen ist, beschreibt eine Mutter aus Haltern: „Wenn ich die Gedanken über die letzten Minuten im Flugzeug wegschiebe und sozusagen meinen Kopf zu mache, fühle ich mich wie eine Verräterin an meinem Kind.“

Jetzt lesen

Céline Burnouf kann dieses Gefühlschaos nachempfinden. „Einen Familienangehörigen zu verlieren, ist immer schmerzhaft. Man muss lernen, damit zu leben. Allerdings verstärken die Umstände des Absturzes den Schmerz“, sagt sie. Die Polizistin würde mit ihrer Familie in den Ferien gern eine Schülerin oder einen Schüler aus Haltern bei sich aufnehmen, um dem Gast die Schönheit der französischen Alpen und die Lebensweise der Menschen näherzubringen. Wenn sie Freunde mit einschließe, gebe es Platz für fünf Jugendliche, richtet sie eine Einladung an junge Halterner. Das ist wohl ihre Art, das Erlebte zu verarbeiten und zu zeigen, dass ihre Heimat nicht allein mit dem Tod am Col de Mariaud verbunden werden sollte. Sie steht auch für Lebenslust, Gastfreundschaft und eine grandiose Landschaft.

Beim Besuch am Schicksalsberg wenige Tage vor dem dritten Jahrestag der Katastrophe herrscht hier ergreifende Stille. Der Berghang, wo Menschen und Maschine sich auflösten, ist mit Zäunen und einem schweren Tor gesichert. Kein Unbefugter soll sich auf dem unwegsamen Gelände bewegen, das zum Grab geworden ist. Von der Aussichtsplattform gegenüber ist zu ahnen, mit welch brutaler Wucht hier Leben vernichtet wurde.

Die goldene Kugel schimmert im Sonnenlicht. Es ist ein schönes Bild, das dennoch nicht zu gefallen weiß, denn hier war die Reise für 149 Menschen viel zu früh zu Ende, die so gerne leben wollten.

Laut Abschlussbericht der Kommission zur Flugunfalluntersuchung hat der Copilot den Absturz der Maschine vorsätzlich herbeigeführt. Er nutzte den Moment, als der Chefpilot das Cockpit verließ und leitete den Sinkflug ein. Anwälte der Hinterbliebenen werfen der Flugschule und der Lufthansa vor, dass die Schwächen im Ausbildungsverlauf des Piloten nicht zu einer genaueren Untersuchung geführt haben. Dann wären die psychischen Probleme vielleicht rechtzeitig entdeckt worden. Halterner Eltern haben den Wunsch geäußert, den Namen des Piloten nicht mehr lesen zu müssen. Sie wollen ihm keine Beachtung schenken. Bei Interesse an einem Schülerbesuch kann die Redaktion den Kontakt zu Céline Burnouf herstellen. Wir sind erreichbar unter Tel. (02364) 92 55 10 oder per E-Mail an redaktion@halternerzeitung.de. Die Reise nach Frankreich und die Treffen mit den Einsatzkräften vor Ort fanden mit Unterstützung der Lufthansa statt.