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Unbequeme Schönheiten

Asbeck König zu sein, hat auch Nachteile, zumindest für den herrschaftlichen Rücken. Rudolf van Wüllen hat das am eigenen Leib erfahren - nicht etwa, weil der Asbecker selbst blaues Blut hätte, sondern weil er Möbel restauriert, zuletzt den Thron der letzten Könige von Hannover.

Mächtig. Das ist das erste, was dem Betrachter durch den Kopf schießt, wenn er die beiden rot leuchtenden Möbel in van Wüllens Werkstatt stehen sieht. Der Eindruck kommt nicht von ungefähr: "Alles ist etwas überdimensioniert", erklärt der Experte und streicht dabei fast ehrfürchtig letzte Fussel von dem samtigen Polster: "Die Lehne, die Füße, die Sitzhöhe" - alles zu groß.

Füße baumeln

Da habe es sich vermutlich gezeigt, was einen echten König ausmache. "Unsereins würde darauf Platz nehmen, unsicher mit den Füßen in der Luft baumeln und vergeblich versuchen, sich hinten anzulehnen", mutmaßt van Wüllen. Ein echter Monarch dagegen verstehe es, die tatsächliche Unbehaglichkeit in steife, dem Amt angemessene Würde umzufunktionieren.

Oder verstand es zumindest. Denn seine offizielle Bedeutung als Thron haben die Nussbaumsessel für König und Königin längst verloren: Das Königreich Hannover wurde 1866 offiziell von Preußen annektiert, und mit dem Fall der deutschen Monarchien 1918 musste auch Herzog Ernst August, der letzte König von Hannover, abdanken.

Hat die daraufhin nur noch herzogliche Familie den Thron mitgenommen ins österreichische Exil? Und von dort aus 1925 wieder zurück? Und waren die sperrigen Möbel mit auf den britischen Lastwagen, die einen Teil des herrschaftlichen Besitzes 1945 vor der Sowjetarmee in Sicherheit brachten? Van Wüllen schüttelt den Kopf. Vieles wisse er auch nicht, und über das was ihm bekannt sei, dürfe er nicht sprechen. "Der Wunsch eines Kunden ist heilig", ob er nun Opas Kommode restaurieren lasse oder den Thron der Ahnen. "Ich bin schon sehr dankbar, dass mein Auftraggeber mir überhaupt gestattet hat, die fertige Arbeit zu zeigen", erklärt er.

Fertig, das heißt nach Verleimen wackeliger Teile, Neufassen abgestoßener Stellen, Ausbessern von Rissen und nach einer Wurmbehandlung des betagten Holzes - kurz: nach behutsamer, achtwöchiger Handarbeit.

Zeitsprung

Das Ergebnis - fast ein Zeitsprung zurück ins frühe 19. Jahrhundert vor der ersten Thronbesteigung: Die Maserung im massiven Nussbaumholz leuchtet wieder lebendig. Das Polster schimmert, als wenn sich noch nie jemand auf ihm niedergelassen hätte. Und auch die goldenen, scharlachrot verzierten Krönchen auf der geschnitzten Rückenlehnen verraten nichts von der Behandlung, die sie erdulden mussten. Denn nicht nur der Zahn der Zeit, sondern auch eine aus heutiger Sicht falsche Behandlung habe den kostbaren Stücken zugesetzt, so van Wülllen. Vier Schichten Bronzefarbe hätten sich etwa auf den Kronen befunden, und über allem habe noch eine dicke Schicht Klarlack gelegen. Millimeter für Millimeter hat sich van Wüllen zum Original vorarbeiten müssen.

Werkstatt verlassen

Inzwischen sind die herrschaftlichen Sitzmöbel aus der Asbecker Werkstatt wieder zurück beim zufriedenen Auftraggeber. Wo das ist? Der Restaurator schüttelt einmal mehr den Kopf. "Das darf ich nicht sagen." Nur so viel: Sie befinden sich nicht in einem Museum, sondern in Räumlichkeiten, die Mitglieder des Hauses Hannover selbst bewohnen.

Eines ist aber sicher: Oft hineinsetzen werden sie sich nicht, dazu ist so ein Thron viel zu unbequem. sy-

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