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Schiedsleute gesucht

Wenn Nachbarn streiten, hilft die Schiedsfrau

Legden Die Hecke ist zu hoch gewachsen, die faulen Äpfel fallen vom Baum in den fremden Garten – wenn Nachbarn sich streiten, hilft manchmal nur der Weg zu Hildegard Lammerskötter. „Schlichten, nicht richten“ ist ihr Motto.

Wenn Nachbarn streiten, hilft die Schiedsfrau

Schiedsfrau Hildegard Lammerskötter Foto: Markus Gehring

Seit 13 Jahren ist die Legdenerin Schiedsfrau. Jetzt soll Schluss sein. Ende Mai wird sie ihr Amt abgeben genauso wie ihr Stellvertreter Alfred Kuhl. Nicht, weil die Aufgabe keinen Spaß mehr machen würde. Aber Hildegard Lammerskötter ist als Beamtin am Finanzamt in Ahaus beruflich stark eingebunden, da fehlt einfach die Zeit.

„Es ist eine reizvolle Aufgabe“, sagt die 56-Jährige und erinnert sich an ihre Gründe, damals die Aufgabe zu übernehmen. „Ich finde es schwer erträglich, wenn sich Nachbarn streiten. Eine gute Nachbarschaft steht über allem. Wenn ich darauf einwirken kann, ist das gut.“

Emotionen im Spiel

Es sind tatsächlich meist die kleinen Streitereien, mit denen Legdener zu ihr kommen. Doch oft ist der Baum an der Grundstücksgrenze, der jetzt unbedingt weg soll, gar nicht das eigentliche Problem, sondern der letzte Tropfen im Wasserglas.

Oft schafft Hildegard Lammerskötter, dass beide Parteien sich einigen. Nicht unbedingt sofort. Es sind einfach zu viele Emotionen im Spiel. „Manchmal muss man auch sagen: Schlafen Sie mal eine Nacht drüber“, erzählt sie. Ab und an kam dann am Tag danach der Anruf. „Wir haben uns unmögliche Dinge an den Kopf geworfen. Aber jetzt haben wir uns geeinigt.“ Das sind Momente, über die sich Hildegard Lammerskötter besonders freut.

„Jeder Fall ist anders“

Hausfriedensbruch, Beleidigung, Verletzung des Briefgeheimnisses, leichte und fahrlässige Körperverletzung, Bedrohung und Sachbeschädigung sind Gründe, um Schiedsleute aufzusuchen. „Jedes Mal ist es eine Herausforderung. Jeder Fall ist anders, und jeder Mensch ist anders“, erzählt Hildegard Lammerskötter vom Reiz ihrer Aufgabe.

Grundsätzlich unterschiedet sie zwei Verfahren. Da sind zum einen die offiziellen Fälle, die zwingend vorgeschrieben sind, bevor ein Gericht einschreiten kann. Hier kommt zum Termin häufig auch der Anwalt mit. Hildegard Lammerskötter wählt dafür meist den Sitzungsaal im Rathaus als einen neutralen Boden für alle Parteien. Kommt es zu einer Einigung, bei der keiner gewinnt und keiner verliert, ist alles gut. Dabei findet die Schiedsfrau eines reizvoll: „Ich kann jeden Vergleich abschließen, mit dem beide Parteien leben können – unabhängig von den gesetzlichen Vorgaben“.

Tür-und-Angel-Verfahren

Lässt sich der Streit nicht lösen, schreibt Hildegard Lammerskötter eine sogenannte Erfolgslosigkeitsbescheinigung, die es ermöglicht, weiter zum Amtsgericht zu gehen.

Auf der anderen Seite sind die „Tür-und-Angel-Verfahren“. Wie der Name es schon sagt, reicht hier manchmal schon ein Telefonanruf. Die Legdenerin erlebt aber auch, dass sie unterwegs angesprochen wird. „Sie sind doch die Schiedsfrau, Sie wissen doch, ob ich den Baum fällen darf.“

Einführungs-Lehrgänge

Hildegard Lammerskötter weiß das. Bevor sie als Schiedsfrau startete, hat sie Einführungs-Lehrgänge besucht. Und auch während der 13 Jahre hat sie immer wieder Fortbildungen absolviert. Weiß sie einmal gar nicht weiter, findet sie im Amtsgericht den richtigen Ansprechpartner. Deshalb ist sie fit im Nachbarrecht. Mit dem Hinweis auf das Hammerschlags- und Leiterrecht zum Beispiel kann sie manchen Streit schlichten. Es erlaubt es einem Grundbesitzer, das Nachbargrundstück zu betreten, um am eigenen Haus Reparaturen auszuführen.

Für die streitenden Parteien ist der Besuch bei der Schiedsfrau oder dem Schiedsmann eine unbürokratische und auch kostengünstige Möglichkeit, Streit beizulegen. „40 Euro für die Unkosten“, sagt Hildegard Lammerskötter. Sie selbst arbeitet ehrenamtlich, erhält die Hälfte der Gebühren und einen Ausgleich für Schreibmaterial oder Telefonkosten.

Zeitaufwand überschaubar


Einem Nachfolger, einer Nachfolgerin kann sie das Amt nur empfehlen. Allzu zeitaufwendig dürfte es auch nicht werden. Ein bis fünf offizielle Verfahren, etwa zwei Tür-und-Angel-Verfahren im Jahr – der Aufwand ist überschaubar. Das ist in den Großstädten anders, wie die 56-Jährige es bei regelmäßigen Treffen mit Kollegen hört. Da sind zum Beispiel Beleidigungen und Körperverletzungen viel häufiger als im Dorf in Legden. „Hier funktionieren Nachbarschaften noch.“

Und was braucht man als Schiedsfrau oder -mann? „Gesunden Menschenverstand, Menschenkenntnis, kein aufbrausendes Gemüt“, sagt Hildegard Lammerskötter und ergänzt mit einem Lächeln: „Altersreife und Lebenserfahrung helfen auch.“

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