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Kritik aus Lünen an neuer Dokumentations-Regelung für alle Schulen

Unterrichts-Ausfall

Nach den Sommerferien geht es los: Jede ausgefallene Stunde an allen Schulen in Nordrhein-Westfalen muss dann erfasst werden. Schulleiter und Gewerkschaften sehen das kritisch.

Lünen

von Beate Rottgardt, Marc Fröhling

, 10.07.2018
Kritik aus Lünen an neuer Dokumentations-Regelung für alle Schulen

Steht dieser Schriftzug an der Tafel, müssen die Schulen im kommenden Schuljahr aktiv werden: Jeder Unterrichtsausfall muss dann dokumentiert werden.dpa © picture alliance / Caroline Seid

Es war Wahlkampf-Thema und die Landesregierung lässt den Worten erste Taten folgen. Nach den Sommerferien soll an allen nordrhein-westfälischen Schulen der Unterrichtsausfall erfasst werden. Das soll mehr Transparenz schaffen – sorgt aber auch für Kritik.

Zum Beispiel an der Realschule Altlünen.

Dort ist die 1. Konrektorin Claudia Fellowes für die Stundenpläne und bald auch die Dokumentation der Stundenausfälle zuständig. „Dafür bekommt sie eine Stunde Entlastung pro Woche. Aber diese Stunde bedeutet dann natürlich auch wieder eine Stunde Unterrichtsausfall“, sagt Schulleiter Hermann-Josef Wittmann. Für ihn ist die wöchentliche Dokumentation „eigentlich vertane Zeit“. Für die Konrektorin bedeute die neue Regelung „erhebliche Mehrarbeit“.

Natürlich fiele immer wieder Unterricht aus – weil Lehrer krank werden, eine Fortbildung besuchen oder mit ihren Schülern auf Klassenfahrt sind. Wittmann: „Um gezielt etwas gegen Unterrichtsaufall machen zu können, bräuchte man mehr Lehrerstellen.“ An einigen Schulen gebe es zudem für die Kollegen, die in Klassen Vertretungsunterricht übernehmen, ganze Ordner mit Material für eben diesen Unterricht. Wittmann: „In der Praxis ist so etwas allerdings schwierig.“

Auch die Grundschulen müssen die Ausfälle bald wöchentlich dokumentieren.

„Wie das genau ablaufen wird, wissen wir noch nicht. Es wird aber wohl eine Software-Lösung geben“, sagt Matthias Flechtner, Leiter der Leoschule. Er sieht das Ganze von zwei Seiten: Zum einen sei es natürlich an der Zeit, einen exakten Überblick über tatsächlich ausgefallenen Unterricht zu bekommen. Zum anderen werde „die Sau vom vielen Wiegen auch nicht fett“. Es sei zu erwarten, dass es eine hohe Anzahl von ausgefallenen Stunden gebe. Denn es gebe momentan kaum Nachwuchs im Lehrerbereich. Sieht man dann noch die Stunde Entlastung pro Woche und Lehrkraft, die die Fehlzeiten erfasst, bedeute das bei zwölf Lüner Grundschulen schon zwölf Stunden pro Woche Unterrichtsausfall. Flechtner: „Natürlich sollten die Kollegen aber für die Erfassung entlastet werden.“

Am Gymnasium stellt sich die Frage nach den Konsequenzen.

Man müsse die Ergebnisse genauer unter die Lupe nehmen, um die Gründe für Unterrichtsausfall zu erfahren, sagt Heinrich Kröger, Leiter des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums. „Ich glaube schon, dass es sinnvoll ist, die Zahlen für jede Schule einzeln zu ermitteln. Der Stichpunktwert zeigt nie den aktuellen Ausfall“, so Kröger. Die Frage sei, welche Konsequenzen man aus den Zahlen ziehe und wie schnell etwas gegen Unterrichtsausfall gemacht werde. Die Gründe seien vielfältig. Zum einen Krankheiten oder Elternzeit, zum anderen schulisch bedingte Ausfälle wegen Fortbildung oder Klassenfahrten. Kröger: „Bei den Klassenfahrten beispielsweise im Jahrgang 5 braucht man schon zwei, drei Lehrer. Da geht es um Inklusion, Integration und auch um Sicherheit, wenn die Klassen beispielsweise an Gewässer fahren.“ Das müsse man auch bedenken, wenn es ein Ranking der Unterrichtsausfälle an Schulen gebe. Auch hier dürfe man nicht nur die Zahlen sehen, sondern müsse nach den Ursachen schauen.

Die Gesamtschule hätte lieber einen Lehrer mehr.

Die Erfassung sei für die Schulen erst einmal weiterer Arbeitsaufwand, sagt Christian Gröne, Leiter der Geschwister-Scholl-Gesamtschule. Statt der Entlastungsstunde dafür hätte er lieber einen Kollegen mehr, sagt er. Wenn die Erfassung am Ende dazu führe, dass personell nachgebessert würde, „dann fände ich das gut. Ich befürchte aber, dass das nicht der Fall sein wird.“ Die Frage sei ja auch, was überhaupt als Unterrichtsausfall eingestuft werde: „Exkursionen, Studienfahrten oder Vertretungsunterricht gehören für mich nicht dazu“, sagt Gröne.

Die Hauptschule hofft auf überschaubaren Arbeitsaufwand.

Besonders in Januar und Februar, wenn die Krankheitstage zunehmen, werde die Erfassung des Schulausfalls aufwendig werden, sagt Michael Schulte, Leiter der Profilschule, einer städtischen Hauptschule, in Brambauer. Es habe im vergangenen Schuljahr schon eine Woche gegeben, in der die Schule den Ausfall dokumentieren sollte: „Ich hoffe, es ist dann weniger Aufwand als in dieser Woche und nicht noch intensiver.“ Wie genau die Schule damit umgehen wird, soll in den Ferien besprochen werden. „Das kam ja auch alles ziemlich kurzfristig. Wir haben letzte Woche eine Dienstmail erhalten“, sagt Schulte.

Auch die Lehrergewerkschaft ist kritisch.

Ähnlich wie die meisten Schulleiter sind sich auch die Lehrergewerkschaften in ihrer Ablehnung einig. „Durch eine perfektionierte Erfassung wird keine Stunde mehr Unterricht erteilt“, sagt Volker Maibaum, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Dortmund auf Anfrage. „Das Problem ist nicht, dass die Schulen nicht wissen, wie viel Unterricht bei ihnen vertreten werden muss. Das wissen alle, die die tägliche Stundenplanung machen. Es fehlen die Menschen, die vertreten und den fachlichen Unterricht erteilen können.“ Unterrichtsausfall sei systembedingt.

Hinzu komme das Problem, dass selbst die zugewiesenen Stellen nicht besetzt werden könnten, weil es keine ausgebildeten Lehrkräfte gibt. „Jede Vertretungsnotwendigkeit durch Klassenfahrten, Projekttage oder Fortbildung, aber auch Krankheit der Lehrkraft, bringe das System ins Wanken.

Volker Maibaum: „Daran ändert auch eine neue Erfassung nichts. Wir brauchen die Menschen in der Schule, keine neue Software.“