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Licht im Dunkel

Tagespflege der AWO wird zehn Jahre alt: Interview mit Leiterin Andrea Merten

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Tagespflege, ist das schwer? Merten : Körperlich nicht. Aber es erfordert psychisch viel Kraft, Fingerspitzengefühl und Improvisationsgeschick bei der Betreuung. Abschalten, ist das leicht? Merten : Nein. Man versucht es zwar immer wieder, aber man denkt dann doch darüber nach. Worüber? Merten : Darüber, wie es unseren Tagesgästen zuhause ergeht, wie sie versorgt werden oder ob sie zur Ruhe kommen und so weiter. Was sagen Sie eigentlich? Kunden? Gäste? Kranke? Patienten? Merten: Tagesgäste. Weil Ihnen das Wort so gut gefällt oder warum? Merten : Weil der Begriff vorgegeben ist. Wie viele Tagesgäste haben Sie und wie alt sind sie? Merten: Zurzeit haben wir 21. Das Alter reicht von 65 bis 95 Jahren. Die Zahl der Teilnehmer ändert sich aber ständig Wie betreuen Sie? Merten: Unser Konzept fußt auf einem klaren Strukturplan. Klingt kompliziert. Was heißt das? Merten: Sehen Sie, demenzkranken Menschen ist das Gefühl für den Rhythmus der Zeit, den Wechsel der Tage abhanden gekommen. Wir geben klare Strukturen vor. Das Stichwort heißt Regelmäßigkeit. Mit Regelmäßigkeiten im Angebot versuchen wir, die Verunsicherung und Verwirrung einzudämmen. Wie nahe sind Sie bei Ihren Gästen? Merten: Sehr nahe. Zu nahe? Merten: Nein. Wissen Sie, man begleitet doch einige dieser Menschen schon seit Jahren. Man nimmt automatisch Anteil an ihren Schicksalen. Man fühlt mit und . . . Und? Merten : Und man sieht, wie der Abbau der geistigen Kräfte unaufhaltsam voranschreitet. Das tut weh. Ja. Beschreiben Sie den Tagesablauf. Merten: Die Leute werden mit einem Kleinbus abgeholt. Sie sind gegen 8 Uhr hier am Amselweg. Dann gibt es Frühstück. Nach dem Frühstück, so um 9.30 Uhr, wird in Betreuungsgruppen gearbeitet. Um 12 Uhr wird Mittag gegessen. Dann ist Mittagsruhe. Einige nutzen das, um ein Nickerchen zu halten. Nachmittags gibt es Kaffee und Kuchen und ein großes Betreuungsangebot. Das Wichtigste ist Musik, Singen und Spielen. Alles Dinge, die beruhigen und heimführen sollen zu Liedern, Bildern oder Personen aus der verloren gegangenen Vergangenheit dieser Menschen. Was hat sich in der Tagespflege seit ihrer Eröffnung am 20. März 1997 verändert? Merten: Die Veränderung ist zunächst einmal quantitativer Art. Es gibt immer mehr demenzkranke Menschen in dieser Gesellschaft. Wir nehmen an dem bundesweiten AWO-Projekt Verbesserung in der Betreuung von Demenzkranken teil. Da werden neue Standards gesetzt. Was bedrückt Sie? Merten: Wenn unsere Tagesgäste nicht aus ihrer Unruhe herausfinden. Was baut Sie auf? Merten : Wenn ich in die verwirrten Augen gucke und ein Lächeln sehe. Wann, wo und wie wird das Zehnjährige gefeiert? Merten : Jetzt am kommenden Sonntag ab 11 Uhr bei uns. Wir haben 130 Einladungen verschickt. Angst vor dem Alter? Merten : N. . .nein. Ja. . . Sie können ehrlich zu mir sein. Merten : Ich habe Angst davor, dass unsere Gesellschaft eines Tages nicht mehr in der Lage sein könnte, den kolossalen Pflegeaufwand für die Betreuung alter und demenzkranker Menschen zu leisten. An Demenz als persönliches Schicksal denken Sie nicht? Merten : Wenn ich in meinem Demenzsein glücklich sein sollte. . .ok. Das Gespräch führte Karl-Heinz Knepper

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