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Fußball-Deutschland befindet sich nach dem Vorrunden-Aus bei der Weltmeisterschaft in Russland in einer Schockstarre. Der Auftritt der DFB-Elf ist auch bei den lokalen Fußballern übel aufgestoßen.

Lünen

, 29.06.2018

Es ist Mittwoch, 27. Juni 2018. Kurz vor 18 Uhr. Von irgendwo dröhnt „The Bravest“ von Sir Rosevelt. Einer dieser vielen WM-Songs. Er singt von Champions, davon, dass man der Größte und Beste aller Zeiten werden kann. Dazu zeigt das ZDF noch einmal die Bilder der historischen 0:2-Pleite der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Südkorea. Ein Paradoxon.

Daniel Mikuljanac ist in diesem Moment schockiert. Der Spieler des Fußball-Westfalenligisten Lüner SV kann das Ausscheiden noch gar nicht so recht in Worte fassen. „Auch wenn ich einen serbischen Pass habe, bin ich für Deutschland gewesen. Ich kann es gar nicht glauben, dass die Deutschen ausgeschieden sind. Das ist krass. Einfach unglaublich“, sagt er.

So reagieren Lokalfußballer auf das WM-Aus

Daniel Mikuljanac (l.) erwischte am Mittwoch einen gebrauchten Tag. Nachdem Deutschland aus dem Turnier ausschied, strich auch Serbien die Segel. © Foto:Goldstein

Als am Mittwochabend auch noch die Serben (0:2 gegen Brasilien) in der Vorrunde die Segel streichen, ist die Katastrophe für Mikuljanac perfekt. „Ich schaue mir jetzt trotzdem noch die Spiele an, aber mitfiebern kann ich nicht mehr“, so Mikuljanac weiter.

Özil im Fadenkreuz

Ein Name, der immer wieder als Sündenbock für den schwachen Auftritt der Deutschen dienen muss, ist Mesut Özil. Auch unter unserem Facebook-Aufruf zum WM-Ausscheiden wird am Mittwoch heiß kommentiert. Der Name Özil fällt öfter. Auch Pascal Harder, Trainer des A-Ligisten GS Cappenberg findet zum Deutsch-Türken deutliche Worte: „Özil ist für mich seit dem Weggang von Real Madrid eine Katastrophe. Da sieht man keinen gewollten Sprint oder Zweikampf“, so Harder. Mikuljanac springt in die Bresche. „An Özil alleine kann es nicht gelegen haben. Solche Niederlagen darf man nicht an einem Spieler festmachen“, sagt Mikuljanac.

Viele Baustellen

Woran hat es dann gelegen? Bülent Kara, Trainer des Bezirksligisten Union Lüdinghausen, hat mehrere Baustellen identifiziert. „Die Einstellung der Spieler passte nicht. Dazu war die Vorbereitung auf das Turnier durch die vielen Unruhen auch noch schlecht“, sagt der Trainer. Im Gegensatz zu Mikuljanac ist Bülent Kara im Moment des Ausscheidens nicht schockiert, sondern „sauer und enttäuscht“. „Ich bin sprachlos, habe aber die Hoffnung, dass so wieder etwas Neues entsteht“, so Kara weiter.

So reagieren Lokalfußballer auf das WM-Aus

Bülent Kara hat mehrere Baustellen im DFB-Team ausgemacht © Reith

Als Deutschland in der Nachspielzeit den Gegentreffer zum 0:1 gegen Südkorea kassiert, steht Pascal Harder vor einem Baumarkt. Er renoviert aktuell sein Haus, erfährt von einem Pommesbudenbesitzer den Spielstand, während er seinen Bulli belädt. „Ich bin sowieso nicht so in WM-Stimmung. Das liegt nicht nur an Deutschland“, sagt er. Für Harder hat die Zusammenstellung des Kaders große Schuld an der historischen Niederlage.

Der GSC-Coach versteht nicht, wieso Bundestrainer Joachim Löw Stürmer wie Nils Petersen und Sandro Wagner sowie Mittelfeldspieler wie Leroy Sané und Mario Götze zuhause gelassen hat. „Man muss die Spieler nach ihrer Leistung nominieren. Ein Mario Gomez hat zum Beispiel bei so einem Turnier nichts zu suchen. Für mich ist Jogi Löw aber schon seit Jahren der falsche Mann“, sagt Harder.

Küpper fordert Rücktritt

Hansi Küpper kommt aus Werne. Er ist Sportreporter und hat unter anderem für den WDR, für Sat.1, Premiere und DSF gearbeitet. Küpper ist zum Zeitpunkt der Schmach im Urlaub in Andalusien, schaut das Spiel gemeinsam mit Freunden. Nach dem Spiel ist er komplett sprachlos, ringt um Fassung. Auch der 57-Jährige legt dem Bundestrainer einen Rücktritt nahe. „Ich finde, Löw sollte zurücktreten, das wäre auch für ihn persönlich das Beste. Wenn er nur der Richtige ist, weil wir keinen anderen finden, dann ist er auf jeden Fall der Falsche für den Neuanfang. Ich rechne auch mit dem ein oder anderen Spieler, der zurücktritt“, sagt Küpper, der die Mannschaft „mausetot und völlig leidenschaftslos“sah.


Auch Thomas „Stan“ Overmann ist in Werne ein bekanntes Gesicht. Der Fußball-Chef des Landesligisten Werner SC sitzt während des dritten Vorrundenspiels in seinem Garten. Mit dabei: seine Familie und ganz viele schwarz-rot-goldene Fanutensilien. Mittlerweile hat Overmann die längst verstaut. Er ist enttäuscht. „Für den Auftritt gibt es keine Entschuldigung. Wir sind ja nicht nur einfach ausgeschieden, sondern sind in so einer Gruppe auch noch Letzter geworden. Aber keiner der Spieler hat sich mal was getraut. Ein Spieler wie Sané hätte gut getan, der wäre mal ins Eins-gegen-eins gegangen“, sagt Overmann.

Hoffnungsträger Sané

Sané – der Name fällt häufiger, wenn von deutschen Hoffnungsträgern gesprochen wird. Gemeint ist Leroy Sané, Flügelflitzer beim englischen Meister Manchester City. Der Ex-Schalker kam in der abgelaufenen Saison auf zehn Tore und 15 Vorlagen in der Premier League. Ein Leistungsträger. Joachim Löw strich den 22-Jährigen trotzdem kurz vor Turnierbeginn aus dem Kader. Eine Überraschung für Fußball-Deutschland. Und eine mutige Entscheidung, die sich nun im Nachhinein womöglich als falsch erwies.

Die Kaderzusammenstellung war also auch für viele lokale Fußballer ein großes Manko. Doch hätte die Qualität dieser Mannschaft nicht ausreichen müssen, um die Vorrunde zu überstehen? Norbert Sander, Sportlicher Leiter beim SuS Olfen, hätte sich – das gab er ehrlich zu – für ein Weiterkommen nach dieser Leistung geschämt. Er hat Faktoren ausgemacht, die das frühe WM-Aus bedeuteten. „Viele Spieler, die zum Teil lange verletzt waren, sind ihrer Form hinterhergelaufen. Joachim Löw hat trotzdem auf sie gesetzt. Dass sie die Leistung von vor vier Jahren bringen können, war eine Fehleinschätzung. Die Störfeuer nebenher haben zudem zu einer Ungewissheit geführt“, sagt Sander. Damit meint der Olfener auch die mediale Berichterstattung über die Erdogan-Fotos von Mesut Özil und Ilkay Gündogan, die vor dem Turnier mit dem türkischen Präsidenten posiert hatten.

Spieler sind satt

„Als völlig satt“ bezeichnet Dennis Gerleve, Coach des B-Ligisten BV Lünen, die Mannschaft. „Löw hat den Zeitpunkt verpasst, rechtzeitig zu reagieren und ein Zeichen zu setzen. Es waren tote Spiele von uns ohne Reibungspunkte“, so Gerleve weiter.

So reagieren Lokalfußballer auf das WM-Aus

Dennis Gerleve sieht die fehlende Gier als Hauptproblem. © Foto: Goldstein

Mit Schadenfreude hat Joel Grodowski, Fußballer aus Bork, das Ausscheiden hingenommen. Der Angreifer, der zuletzt in der dritten englischen Liga für Bradford City kickte und künftig für Oberligist Hammer Spielvereinigung gegen den Ball tritt, wird deutlich: „Ich habe eigentlich eher gelacht, weil es einfach nicht zu vergleichen ist mit der Leistung von vor vier Jahren. In dieser Gruppe sollte man eigentlich ohne Probleme in das Achtelfinale gelangen.“

Christoph Henke hat eine andere Leidenschaft als Fußball. Der Trainer der LippeBaskets Werne ist durch und durch Basketballer, das Spiel am Mittwoch hat er bei Bier und Bratwurst trotzdem geguckt. Er war verwundert, aber nicht wegen des Ergebnisses. „Ich bin überrascht von einigen Interview-Aussagen der Spieler, wie zum Beispiel Manuel Neuer, der meinte, dass die Mannschaft im Achtelfinale oder spätestens im Viertelfinale eh ausgeschieden wäre.“

Folgen im Amateurfußball?

Der DFB ist von dieser Schlappe schwer gezeichnet. Doch wie tief reichen die Folgen der Pleite? Betreffen sie auch den Amateurfußball? „Ich denke nicht. Die Lücke zwischen Amateur- und Profifußball ist zu groß“, sagt Pascal Harder. Bülent Kara pflichtet ihm bei: „Den Amateurfußball wird das nicht treffen. Wenn Moral und Einstellung nicht passen, wird man keinen Erfolg haben, egal ob man Profi oder Amateur ist“.

So reagieren Lokalfußballer auf das WM-Aus

Pascal Harder (2.v.r.) schießt scharf gegen Mesut Özil © Foto: Warnecke

„The Bravest“ hat ausgespielt. Die Bilder ziehen von dannen. Werbung im ZDF. Plötzlich taucht Mario Götze auf. Aus dem Nichts. Johnny Cash erklingt mit seinem Song Hurt. Ein denkwürdiger Moment. Im Samsung-Spot blickt Götze auf seine Karriere zurück. Auf den WM-Titel 2014, auf seine Erkrankung und auf seine Nicht-Berücksichtigung 2018. Er blickt in die Zukunft. Mit der Hoffnung, 2020 bei der EM wieder dabei zu sein. Götze wirkt motiviert, brennt für neue Aufgaben. Es ist eine Werbung, die Hoffnung macht. Hoffnung auf bessere Zeiten.